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Klimawandel im Landkreis Starnberg:Zum Umbau im Wald gezwungen

Orkane, Borkenkäfer, extrem trockenes Wetter und das Eschentriebsterben setzen der Forstwirtschaft zu. Verwalter Armin Elbs erklärt bei einer Exkursion im Toerring-Wald bei Hechendorf, auf welche Strategien und Ersatzbäume er setzt.

Von Patrizia Steipe

Wie Mikadostäbe liegen die Baumstämme in dem Waldstück hinter der Mooswiese in Hechendorf kreuz und quer auf dem Waldboden verstreut. Es sind Eschen. "Sie sterben wegen eines Pilzes in ganz Europa ab", sagt Armin Elbs, Forstdirektor und Geschäftsführer der Graf zu Toerring-Jettenbach'schen Unternehmensverwaltung.

Den etwa 50 Teilnehmern der Exkursion durch den Wald zeigt er die dürren Kronen der verbliebenen Bäume. Beim Eschentriebsterben gehe der Baum von oben einund falle dann einfach um. Dabei gebe es derzeit keinen geeigneten heimischen Baum als Alternative, der auf solchen feuchten Böden gedeihen würde. "Jetzt probieren wir es mit der amerikanischen Schwarznuss", sagt Elbs. Die ersten Bäumchen haben bereits 15 Jahre überlebt. "Wie es in 50 Jahren aussieht, das wissen wir aber nicht."

Am Abend zuvor hatten sich rund 200 Interessierte im Seefelder Haus Peter und Paul eingefunden, um sich von Elbs die Situation des Waldes aus der Perspektive eines Forstbetriebs erläutern zu lassen. Es sind weitläufige Waldgebiete, die die Grafen zu Toerring-Jettenbach im Fünfseenland, in Oberbayern, Oberschwaben und sogar im amerikanischen Bundesstaat Washington bewirtschaften. "Toerring Forst" erntet Holz. Dabei ist ein langer Atem notwendig, denn am besten verkaufen sich 80 bis 100 Jahre alte Baumstämme. Bewirtschaftete Wälder würden besonders effektiv die CO₂-Bilanz verbessern, so Elbs. Im Laufe ihres Lebens würden die Bäume viele Tonnen an CO₂ speichern. Das bleibt in dem Holz gefangen, das später zu Möbeln oder beim Hausbau verarbeitet wird. Anders sieht es in Naturwäldern aus, in denen alte Baumriesen sterben und verrotten. "Dadurch setzen sie das ganze CO₂ wieder frei, und der CO₂-Kreislauf dreht sich in die andere Richtung zurück". Dafür seien diese Wälder für die Artenvielfalt wichtig, betont der Forstdirektor.

Bei der Exkursion schlägt sich die Gruppe durch das Dickicht zu einem Fichtenwäldchen. Riesige Rindenstücke hängen lose an den Stämmen. Der Borkenkäfer hat hier ganze Arbeit geleistet. Jetzt müssen die Stämme geschlagen werden. Das ist aber nicht das einzige Problem. Die Krankenakte des Waldes ist dick. "Kalamitäten" nennt Elbs die Probleme. Dem sauren Regen in den 1980-er Jahren folgten verheerende Orkane wie Vivian und Wiebke, die vor 30 Jahren 20 Prozent des Seefelder Waldes beschädigt hatten.

Waldbegehung mit Armin Elbs; Räsonanz Seefeld lud ein

Die Krankenakte des Waldes ist dick.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

2010 begann das Eschentriebsterben, dazu gab es Hagelstürme, extrem trockene Jahre, im letzten Jahr Schneebruch und immer wieder den Borkenkäfer. All diese Ereignisse machen eine planvolle Waldbewirtschaftung quasi unmöglich. "Wir sind von den Naturereignissen Getriebene und keine Akteure mehr", bedauert Elbs. Das Käferholz müsse beispielsweise möglichst schnell aus den Wäldern gebracht werden. Auf dem Markt ist es viel weniger wert als das Holz eines gesunden Baumes. Der erhoffte Ernteertrag hat sich nicht eingestellt. Für die Toerring'sche Forstverwaltung hat Elbs deswegen einen "Plan B" ausgerufen. 30 000 neue Pflanzen sollen nächstes Jahr gepflanzt werden.

Sie werden teilweise dicht gesetzt, um sich gegenseitig zu schützen. Alle paar Jahre werden einzelne schwache Stämme entnommen und kräftige von Unterholz freigeschnitten. Wenn die Natur mitspielt und hungrige Rehe in Schach gehalten werden können, dann könnten am Schluss 3000 Bäume übrigbleiben.

Nicht nur Standort und Klima, auch die Nachfrage nach Holz und Papier werden berücksichtigt. Seit den 1960-er Jahren ist beispielsweise die Pappel, aus der früher Prothesen und Flugzeuge gebaut worden waren, quasi unverkäuflich. "Sie wird nicht mehr geerntet und bleibt stehen", weiß Elbs. Irgendwann wird sie anfangen, ihr gespeichertes CO₂ wieder abzugeben. "Es macht nur Sinn aufzuforsten, was später verwertet werden kann", erklärt er die ökonomische Betriebsstrategie.

In Seefeld hat die zurückgehende Eiszeit die Umgebung geformt. In der Jungmoräne haben sich Toteislöcher mit morastigem Boden gefüllt, es gibt abwechselnd Lehm- und Schotterbereiche. "Alle 50 Meter nehmen wir Bodenproben", berichtet Elbs. Je nach Ergebnis werden unterschiedliche Bäume gepflanzt. Neben heimischen Baumarten experimentieren die Förster mit der amerikanischen Douglasie, mit Küstentanne, Schwarznuss und Roteiche.

Bei der Exkursion bleibt Elbs an einer Lichtung stehen, an der unzählige kleine Nadelbäumchen stehen, die zum Schutz vor Wildverbiss mit einem Gitter ummantelt sind. Es handelt sich um Douglasien, die auf die Lichtung, auf der vorher Fichten standen, gepflanzt wurden. Auf den aus Amerika stammenden Baum setzt das Forstunternehmen große Hoffnungen. Die ersten Bäume hätten die Grafen zu Toerring-Jettenbach bereits vor mehr als 100 Jahren gepflanzt.

Waldbegehung mit Armin Elbs; Räsonanz Seefeld lud ein

Vom Baum zum Stangerl: Forstdirektor Armin Elbs zeigt den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Exkursion auch die geschädigten Eschen.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Während die sie umgebenden Fichten den Orkanen, der Trockenheit und dem Borkenkäfer zum Opfer gefallen sind, stehen die gewaltigen Douglasien immer noch in voller Pracht. Aber auf die Fichte, ein wichtiges Holz in der Bauindustrie, möchte Elbs trotzdem nicht verzichten. "Vielleicht ist die Nachkommenschaft unserer so gebeutelten Fichten schon genetisch besser angepasst als es die Mutterbäume waren", hofft er.

Ein Teilnehmer hat festgestellt, dass die Wälder in den vergangenen Jahren lichter geworden seien. "Es wird auch viel geschlagen". "Das ist so", stimmt Elbs zu. "Dem Wald geht es nicht gut". Darauf müssen sich die Bürger einstellen.

"Der Wald war bisher einfach da. Sein Fortbestand wurde nie angezweifelt. Das wird sich ändern", sagt Forstdirektor Armin Elbs. Wegen der zunehmenden Trockenheit würden die Wälder nicht mehr so dicht wachsen können, "und sie werden nicht mehr so produktiv sein".

© SZ vom 27.01.2020

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