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Kino:In Schieflage

Alles ganz spontan entstanden: eine Szene aus der Dokumentation "Der illegale Film".

(Foto: Verleih)

Martin Baer spricht in Gauting über seine Doku "Der illegale Film"

Er hat kein Smartphone mehr. Er habe nämlich erkannt, dass es zur Sucht werde, in jeder freien Minute auf das Mobiltelefon zu starren und auf eventuelle Nachrichten zu prüfen. Das sauge so viele Daten ab, und man wisse nicht, was damit passiere. "Zudem geht so viel Zeit drauf. Das will ich nicht mehr", sagt Filmemacher Martin Baer beim Filmgespräch im Kino Gauting. Er stellt sich dem Publikum nach der Vorführung von "Der illegale Film", einem dokumentarischen Essay über Bilderflut, Urheberrecht und digitale Überwachung, den er zusammen mit Claus Wischmann gedreht hat.

Da heißt es ziemlich am Anfang: An einem Tag werden heutzutage mehr Bilder geschossen als im ganzen 20. Jahrhundert. Ein Hörfehler, oder? Nein, das Zitat steht so. Allein die Zahl der Selfies, die jeden Tag entstehen, geht in die Milliarden. Und was passiert damit, wer schaut sie an, wer benutzt sie? Was passiert, wenn ein Foto einmal im Netz steht? Wer ist der Urheber? Das Subjekt, der Fotograf, die Agentur, die Allgemeinheit?

Baer und Wischmann haben jahrelang recherchiert und versucht, ihre Quellen akkurat aufzulisten. Was bedeutet, dass der Abspann sehr lang ist, was aber nicht heißt, dass wirklich alle Quellen angegeben sind. Genau das ist eine der Thesen der Filmemacher, dass im Grunde nichts mehr gezeigt werden könne, weil jedes Fitzelchen Foto bereits jemandem gehöre. Bestimmte Farben sind exklusiv und geschützt, Filmfiguren dürfen nicht reproduziert werden, Werbung darf nicht zitiert werden. Also ist alles, was der Film zeigt, illegal, und der Titel "Der illegale Film" klug gewählt.

Die immense Zahl an Beispielen zeigt, wie die täglich steigende Zahl an Bildern das Leben der Menschen prägt. Baer und Wischmann machen das deutlich durch eine Abfolge von Fotos und Plakaten, rasant geschnitten und gespickt mit Zitaten. Doch so schnell kann der normale Zuschauer den Bildern und Aussagen gar nicht folgen. Und das macht den Film schwer verständlich.

Was indes gut zu verstehen ist, ist der rote Faden und Ruhepunkt, Töchterchen Mascha. An ihrem sechsten Geburtstag bekam sie einen Fotoapparat geschenkt und knipst nun fleißig alles, was ihr vor die Linse kommt, und kommentiert die Bilder. Und der Papa filmt das. Gegen Ende des Films wird indes eine Situation gezeigt, die man, wäre man böswillig, als übergriffig bezeichnen könnte. Mascha will einen Sonnenuntergang fotografieren, was ihr aber nicht gelingt. Sie versteht das nicht, sie ärgert sich, wird wütend, beginnt zu weinen. Ihre Schwester Antonia leidet mit, kann die Tränen kaum zurückhalten. Ihr Vater, der Filmemacher, filmt das. Es habe lange Diskussionen gegeben, ob er die Szene in den Film nehmen dürfe, erzählt er. Ja, das sei eine intime Situation, Mascha habe sie erst abgelehnt. Durchaus denkbar, dass das Mädchen in zehn Jahren die Szenen weghaben will, sagt er. Doch geht das dann noch? Das ist eine kritische Frage, das Problem könnte klarer wohl kaum aufgezeigt werden.

Baer betont, er habe kein einziges Foto bestellt, alle Bilder, die Mascha gemacht habe, seien spontan entstanden. Nun sind sie verfügbar. An Mascha werden sich die Zuschauer lange erinnern. Und wohl auch an das ungute Gefühl, das Erkennen, dass etwas gewaltig schief läuft. Was ja schon die Diskussion ums Urheberrecht in den vergangenen Wochen gezeigt hat, vom Bauch her aber erst im "illegalen Film" so richtig durchschlägt.

Der Film läuft an diesem Sonntag als Matinee im Kino Seefeld.