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Kino:Die Kunst der Montage

Intuition und Assoziation: Bettina Böhler im Gespräch mit dem BR-Kulturjournalisten Moritz Holfelder.

(Foto: Pavel Brož/Fünfseen-Filmfestiva)

Ehrengast Bettina Böhler zeigt, dass Filmschnitt viel mehr ist als nur ein Handwerk. Durch die Balance aus Information und Emotion wird aus dem Rohmaterial ein lebendiger Film

"Ich bin kein Teppichmesser": Bettina Böhler mag es nicht, wenn sie als "Cutterin" bezeichnet wird. Schon treffender als das arg handwerklich klingende "Schnitt" sei der französische Begriff "Montage". Denn "wir setzen etwas zusammen und schneiden es nicht auseinander", sagte sie am Donnerstagabend beim Podiumsgespräch mit dem Rundfunkjournalisten Moritz Holfelder. Angekündigt wurde der Festival-Ehrengast in der Evangelischen Akademie als "Editorin". Es sei typisch für ihren Beruf, "dass wir ständig um unseren Status kämpfen müssen".

Ihr Schaffen werde selbst von Cineasten nur unbewusst wahrgenommen, "auch als Kritiker vergisst man, darauf zu achten", räumte Holfelder ein. Anhand von drei Filmbeispielen gelang es beiden, dem Publikum die Bedeutung von Böhlers Arbeit zu verdeutlichen, die viel mehr künstlerische als technische Aspekte und auch "ein bisschen Magie" umfasst, wie Holfelder am Ende anmerkte.

Vor allem aber passt die finale Komposition von Bild und Ton eines Films hervorragend zum Thema des Festivals "Zeit". Beim Verdichten des oft umfangreichen Rohmaterials geht es darum, das Erzählte zu beschleunigen oder zu verlangsamen, also "die Balance zwischen Information und Emotion einzuhalten", erläuterte Böh-ler. Wie wichtig der Rhythmus für das Leinwandgeschehen ist, wurde in den gezeigten Szenen aus Christian Petzolds Verfilmung von Anna Seghers "Transit" klar.

Zusätzliche emotionale Spannung wird über die Blickbeziehungen der Darsteller aufgebaut - dies war auch im ersten Kapitel des Dokumentarfilms "The Look" zu sehen, der die Schauspielerin Charlotte Rampling mit dem Fotografen Peter Lindbergh zeigt. Erst spät werden da Bild und Ton synchronisiert: "Der Zuhörer vermittelt oft mehr Emotionen als der Redner", erklärte Böhler. Sie benutze Ton und Bild gern unabhängig, als Editor "muss man einen Hang zur Manipulation haben." Ihr Stil sei von "viel Intuition und Assoziation" geprägt.

Eine besondere Herausforderung sei die siebenmonatige "extreme Sisyphusarbeit" an Valeska Griesebachs "Western" gewesen: Weil die Filmemacherin ausschließlich mit Laiendarstellern dreht, sei es eine gewaltige Aufgabe gewesen, "die Figuren glaubwürdig erscheinen zu lassen", sagte Böhler. Ein mehrtägiger Nachdreh wurde nötig, obwohl bereits 80 Stunden Rohmaterial vorlagen. Seit Anfang der 1980-er Jahre schneidet Böhler Filme, die Kunstfertigkeit der großen Unsichtbaren des deutschen Kinos ist doch nicht ganz unbemerkt geblieben: "Meisterin der Montage" nannte sie ein Kritiker, Böhler wurde unter anderem 2012 mit dem Preis der deutschen Filmkritik ausgezeichnet. Sie wird bis zum Abschluss Gast beim Fünfseen-Filmfestival sein.

Für Mathias Helwigs Fest stellte die Veranstaltung in der Akademie eine Premiere dar. Direktor Udo Hahn konnte erstmals den "Horizonte"-Filmpreis überreichen, mit dem Beiträge, die "ein gewisses Zeichen für gesellschaftliche Themen setzen sollen", ausgezeichnet werden. Regisseurin Bettina Henkel nahm den Preis für ihre Doku "Kinder unter Deck" entgegen, die Biografien von aus dem Baltikum geflüchteten Familien nachspürt.

© SZ vom 15.09.2018
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