Katastrophenschutz:"Blackout" - der geprobte Ernstfall

Katastrophenschutz: Sie haben einen Einsatzplan: Bei der Katastrophenschutzübung "Blackout" spielen das Starnberger Landratsamt und die 14 Landkreisgemeinden, die mit jeweils eigenen Lageteams dabei sind, den Ausfall der gewöhnlichen Kommunikationswege durch.

Sie haben einen Einsatzplan: Bei der Katastrophenschutzübung "Blackout" spielen das Starnberger Landratsamt und die 14 Landkreisgemeinden, die mit jeweils eigenen Lageteams dabei sind, den Ausfall der gewöhnlichen Kommunikationswege durch.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Behörden und Einsatzkräfte üben, was zu tun ist, wenn der Strom und die gewöhnlichen Kommunikationswege ausfallen. Ein Szenario, das es in sich hat.

Von Sylvia Böhm-Haimerl, Starnberg/Herrsching

Es herrscht Stromausfall für mehr als 72 Stunden im Landkreis Starnberg. Die Heizungen fallen aus und das Internet auch. Weder Festnetztelefon noch Mobilfunk funktionieren, daher kann auch kein Notruf gewählt werden. Die Notfallversorgung in den Krankenhäusern kann nur über Notstromaggregate betrieben werden. Da weder Kassensysteme noch Licht in den Supermärkten funktionieren, gibt es auch keine Lebensmittel zu kaufen. Wohl dem, der Vorräte für mindestens zehn Tage zu Hause hat. Die Pflegedienste haben Probleme, zu ihren Patienten zu kommen, sobald die Tanks der Fahrzeuge leer sind. Denn die Zapfsäulen an den Tankstellen funktionieren ebenso wenig, wie die Melkanlagen für die Kühe.

An sogenannten Leuchttürmen - das sind Anlaufstellen in jeder der 14 Gemeinden im Landkreis - können sich die Bürger informieren, was in Notfällen zu tun ist. Dort werden Fragen beantwortet, beispielsweise wie man vorgehen soll, wenn man zu Hause einen Pflegefall betreut, es aber ohne Heizung allmählich viel zu kalt wird. Da aber keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr fahren, müssen die Bürger selbst sehen, wie sie zu den Leuchttürmen kommen.

Ob Feuerwehren, Polizei, Wasserwachten oder DLRG: In den insgesamt 43 Feuerwehrhäusern werden Notrufannahmestellen eingerichtet und die Wagen der Einsatzleitungen im Außenbereich des Landratsamtes zu einer sogenannten Wagenburg zusammengezogen. Im Keller des Landratsamtes ist die Zentrale, in der alle Fäden zusammenlaufen. Hier sind die Einsatzkräfte des Katastrophenschutzes sowie die Leiter der jeweiligen Einsatzkräfte versammelt. "Das heißt jetzt nicht, dass der Landrat erklären muss, wer dem Baby den Brei erwärmt. Aber es ist wichtig, dass alle miteinander sprechen", erklärte der Fachplaner für Katastrophenschutz im Landratsamt, Roland Schwankhart, am Samstag, als im Landkreis der Blackout-Ernstfall geübt wurde.

Normalerweise ist der Krisenstab Schwankhart zufolge mehr als 900 Personen stark wegen des Rund-um-die-Uhr Einsatzes im Schichtdienst. Doch dieses Mal war es eine Übung, sodass in jeder Gemeinde ein etwa zehn Personen starker Krisenstab ausreichte. Zusammen mit den etwa 50 Personen in der Wagenburg waren immerhin 200 Einsatzkräfte an der Blackout-Übung beteiligt, die meisten von ihnen ehrenamtlich.

Katastrophenschutz: Lagebesprechungen in der Wagenburg am Landratsamt in Starnberg.

Lagebesprechungen in der Wagenburg am Landratsamt in Starnberg.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)
Katastrophenschutz: Im Keller des Landratsamtes ist die Zentrale, in der alle Fäden zusammenlaufen.

Im Keller des Landratsamtes ist die Zentrale, in der alle Fäden zusammenlaufen.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)
Katastrophenschutz: Ein Übersichtsplan hilft dabei, zu verdeutlichen, was wo gebraucht wird.

Ein Übersichtsplan hilft dabei, zu verdeutlichen, was wo gebraucht wird.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

"Wir sind der erste Landkreis, der diese Katastrophenschutzplanung ins Leben ruft und übt", erklärte Landrat Stefan Frey stolz. Er zeigte sich positiv überrascht, wie gut Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen den Einsatzkräften funktioniert. Er hatte sich bereits im Vorfeld der Übung mit Vertretern der Bundeswehr und der Polizei zu zwei Lagebesprechungen getroffen, um wertvolle Tipps und Hilfestellungen zu bekommen, beispielsweise nach welchen Kriterien Informationen abgefragt und dokumentiert werden müssen.

Das Zusammenspiel der Einsatzkräfte vor Ort mit der Zentrale in der Kreisstadt wird in der Gemeinde Herrsching geübt. Rathaus und Feuerwehrhaus werden an diesem Tag laut Bürgermeister Christian Schiller "wie im Realbetrieb" über ein Notstromaggregat versorgt. Das klappt so gut, dass die Einsatzkräfte sogar mit warmem Essen aus der Küche versorgen werden können. Die Informationen werden per Analogfunk oder E-Mail über Satellit ausgetauscht. So wie früher, läuft ein Mitarbeiter von einer Stelle zur nächsten, um auf Handzetteln schriftliche Informationen zu verteilen. Probleme werden auf der guten alten Tafel im Einsatzzimmer erfasst. Sie werden in verschiedenen Farben dargestellt, von Grün bis Alarmstufe Rot.

Katastrophenschutz: Das Herrschinger Kommunikationszentrum ist im Feuerwehrhaus untergebracht. Mit bei der Lagebesprechung dabei ist auch Herrschings Bürgermeister Christian Schiller (links).

Das Herrschinger Kommunikationszentrum ist im Feuerwehrhaus untergebracht. Mit bei der Lagebesprechung dabei ist auch Herrschings Bürgermeister Christian Schiller (links).

(Foto: Franz Xaver Fuchs)
Katastrophenschutz: Der Gefahrenabwehrleiter im Herrschinger Einsatzzentrum ist Feuerwehrkommandant Daniel Pleyer.

Der Gefahrenabwehrleiter im Herrschinger Einsatzzentrum ist Feuerwehrkommandant Daniel Pleyer.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Im Übungsfall wird Folgendes angenommen: In der Schindlbeck-Klinik gibt es noch Strom für die Beatmungsgeräte und auch noch genügend Personal. Doch die Situation kann sich schnell ändern, falls die Notstromaggregate ausfallen. Daher stehen schon Bauhofmitarbeiter bereit, die bei Bedarf helfen sollen, die Patienten in Sicherheit zu bringen. Das könnte problematisch werden, da nicht genügend Transportkapazitäten vorhanden sind. Eine Tankstelle im Landkreis wird nun mit einem Notstromaggregat betrieben, damit genügend Benzin für die Einsatzfahrzeuge zur Verfügung steht. Es taucht die Frage auf, ob auch die Pflegedienste Benzin bekommen sollen, da ihre Patienten ansonsten in Krankenhäuser gebracht und dort versorgt werden müssten.

Diese Fragen werden an die Führungsgruppe Katastrophenschutz im Landratsamt weitergegeben. Dort arbeiten die Mitarbeiter hoch konzentriert, es ist absolut ruhig. Sachlich und knapp wird berichtet, dass die Lage in der Herrschinger Klinik allmählich ernst wird. Die Beatmungsgeräte können nur noch zwei Stunden betrieben werden. Im Tutzinger Krankenhaus gehen Benzin und Medikamente aus, im Beringer-Haus sowie im Starnberger Klinikum hat die Stromversorgung ebenfalls ein kritisches Stadium erreicht. Die Feuerwehren und die Bundeswehr sollen weitere Notstromaggregate liefern.

Katastrophenschutz: Für Landrat Stefan Frey (Mitte) war die Katastrophenschutzübung "Blackout" ein voller Erfolg.

Für Landrat Stefan Frey (Mitte) war die Katastrophenschutzübung "Blackout" ein voller Erfolg.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Unterdessen wird gemeldet, dass mehrere Umspannwerke ausgefallen sind, auch die Trinkwasserversorgung in der Kreisstadt ist nicht mehr gewährleistet. Die Bürger müssen sich nun darauf einrichten, dass der Stromausfall bis zu 72 Stunden dauern kann und die Stimmung ist allmählich angespannt. Die Einsatzkräfte rechnen mit Unruhen. Dem Vorschlag, die Bürger mit Fahrzeugen per Lautsprecher-Durchsagen zu informieren, beispielsweise wo eine beheizte Turnhalle zur Verfügung gestellt werden kann, erteilt Walter Kohlenz vom BRK eine Absage. Informationen zu Einzelthemen sollten seiner Erfahrung nach an den Leuchttürmen weitergegeben werden. Noch finden die Einsatzkräfte für jedes Problem eine Lösung. Sogar ein vermisster Fünfjähriger wird wieder gefunden.

"Man merkt, dass man auf geschulte Einsatzkräfte trifft", stellt Frey zufrieden fest. Für ihn sei es ein großer "Erkenntnisgewinn", wie gut die Kommunikation zwischen den Einsatzkräften funktioniere. Die gewonnenen Erkenntnisse werden nun an den Kreistag weitergegeben, der dann über Details entscheidet. Anschließend werden die Bürger informiert.

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