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Kaltes Vergnügen:Der Winterschwimmer

Winterschwimmen nur in Begleitung: Uwe-Carsten Fiebig (rechts) und Nicolas Schneckenburger im Erlinger Weiher.

(Foto: privat/oh)

Erst kommt die Kälte, dann prickelt der ganze Körper: Uwe-Carsten Fiebig geht das ganze Jahr über in die Seen des Fünfseenlands, aber nie alleine.

Von Carina Seeburg, Starnberg

Es ist klirrend kalt an diesem Nachmittag. Zarte Schneeflocken treiben durch die Luft und verschwinden im dunklen Wasser des Sees. Die Berggipfel in der Ferne sind bereits schneebedeckt, und warmer Atem verwandelt sich in weißen Dampf. Von der kahlen Uferböschung her läuft Uwe-Carsten Fiebig den Steg entlang bis zur Holztreppe, die im Starnberger See endet. Daunenjacke, Schuhe, Pullover, Hose - Schicht um Schicht streift er ab. Dann steht er da, in knallblauen Badeshorts mit einer warmen Mütze auf dem Kopf. Ohne zu zögern gleitet er ins Wasser.

Am Ufer bleiben ein paar Passanten stehen. Das Bild des Schwimmers im Schneegestöber lässt einen schon beim Zusehen frieren. "Warum macht man so etwas?" - die Frage drängt sich auf. "Weil ich neugierig bin", ist Fiebigs schlichte Antwort. "Die Neugierde ist mir irgendwie in die Wiege gelegt. Auch als Bergsteiger und Forscher gehe ich gern neue Wege", erklärt Fiebig, der beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) als Abteilungsleiter für Nachrichtensysteme im Bereich der Satellitenkommunikation und -navigation arbeitet. "Und natürlich aus Spaß an der Freude", fügt er gut gelaunt hinzu.

Schon vor 20 Jahren habe er mit dem Gedanken gespielt, zu jeder Jahreszeit im Starnberger See zu schwimmen. Damals sei er Ende Oktober ins Wasser und habe "das Projekt danach gleich wieder ad acta gelegt. Ich musste einfach feststellen, dass mir das zu kalt und es für mich nicht machbar war", räumt Fiebig ein. Als eine Bekannte dann vor zwei Jahren den ganzen Winter hindurch in die Seen des Oberlands stieg, sei das für ihn Auslöser und Ansporn gewesen, es im Herbst 2016 selbst erneut zu versuchen. Das war der Start zu seiner ersten Winterschwimm-Saison.

"Dieses Mal war ich besser vorbereitet", erklärt Fiebig seinen Erfolg. Statt den Sprung ins kalte Wasser zu wagen, solle man sich langsam an die Kälte herantasten. "Am einfachsten ist es, wenn man am Ende des Sommers weiterhin jede Woche schwimmen geht und sich, während die Seen ab September immer kälter werden, sukzessive daran gewöhnt." Außerdem solle man das Ganze nur so lange fortsetzen, wie man sich dabei wohl fühlt. "Beim Schwimmen bin ich fokussiert. Ich bekomme keinen Kälteschock, nehme die Kälte einfach an und entspanne mich", sagt Fiebig. Dennoch: Winterschwimmen bringt den menschlichen Körper in eine Extremsituation. Im eiskalten Wasser verengen sich die hautnahen Blutgefäße sofort. Das Herz beginnt zu rasen, der Blutdruck steigt und das Blut strömt in lebenswichtige Organe. Durch geweitete Blutgefäße im Inneren ist der Körper in der Lage, auch im Eiswasser für kurze Zeit seine Kerntemperatur zu halten. Adrenalin und andere Stresshormone werden freigesetzt. Zurück an Land weiten sich die Gefäße wieder und warmes Blut strömt in abgekühlte Körperregionen. Ein gutes Gefühl: "Man spürt aufsteigende Wärme und intensives Prickeln auf der Haut" - viele Winterschwimmer sind nach dem kalten Bad regelrecht euphorisch.

Die Stege in Possenhofen sind den Winter hindurch windgeschützt. Ideal für Allwetter-Schwimmer Uwe-Carsten Fiebig.

(Foto: privat/oh)

"Ich teste schon gerne meine Grenzen", gibt Fiebig zu. "Im letzten Jahr war es unglaublich spannend zu sehen, wie ich in immer kälterem Wasser schwimmen konnte." Man müsse aber sein eigenes Limit kennen und dürfe es auf keinen Fall übertreiben. Ein bis drei Minuten im eiskalten Wasser seien das absolute Maximum. Vor und nach dem Schwimmen wärmt sich der 55-Jährige durch leichtes Joggen etwas auf. Wichtig sei es, immer in Ufernähe zu bleiben und natürlich nie alleine schwimmen zu gehen, erklärt Fiebig, der am liebsten mit seiner Familie oder Freunden zu den Gewässern im Fünfseenland aufbricht. "Von den Fünfen ist der Weßlinger See der erste, der zufriert, danach kommen Pilsensee und Wörthsee hinzu", sagt Fiebig.

Wer in einem zugefrorenen oder auch nur leicht zugefrorenen See schwimmen wolle, der müsse höllisch Acht geben, sich nicht am scharfkantigen Eis zu schneiden und sollte zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen treffen. Ammersee und Starnberger See blieben im Prinzip immer irgendwo offen. Perfekt zum Winterschwimmen sei das Erholungsgebiet Oberndorf am Wörthsee, da es dort unter den Stegen immer eisfrei bleibe, und der windgeschützte Seezugang in Possenhofen.

Dort steigt Fiebig an diesem eisigen Nachmittag auch durch tanzende Schneeflocken zurück auf den Steg. Schnell zieht er das Thermometer aus dem Wasser: "Sechs Grad! - Ich schau immer erst nach dem Schwimmen auf die Temperatur, um mich vorher nicht beeindrucken zu lassen", lacht er, trocknet sich ab und zieht sich an. Kein Zähneklappern, kein Schlottern, nicht mal ein leichtes Bibbern. "Mir ist jetzt kälter als zuvor im See", sagt Fiebig, "aber es geht schon los: Alles kribbelt und wird warm." Das Schönste am Winterschwimmen sei aber, die Natur hautnah zu erleben. Das Wasser der Seen fühle sich im Winter besonders klar und rein an, beschreibt Fiebig sein Erlebnis. Dann schnürt er seine Schuhe zu und joggt den Steg entlang davon.

© SZ vom 11.12.2017
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