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Kabarett:Wenn aus Worten Taten werden

Holger Paetz als Buß- und Fastenprediger; "Fürchtet Euch!" in der Galerie Ammann

Generalprobe für Aschermittwoch im Passauer Scharfrichterhaus: Holger Paetz' Bußpredigt "Fürchtet Euch!" feiert in Pöcking Vorpremiere.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

In seiner Bußpredigt nimmt Holger Paetz auch auf den Anschlag von Hanau Bezug. Da bleibt so mancher Lacher im Hals stecken.

Es ist mittlerweile zur schönen Tradition geworden, dass Pater Paetz schon Faschingssamstag in Pöcking predigt. Richtig ernst wird es natürlich erst am Aschermittwoch, für die bußwilligen Narren und "für die Fische allemal" - aber auch für den Kabarettisten Holger Paetz, der dann im Passauer Scharfrichterhaus mit seiner Bußpredigt "Fürchtet Euch!" auftreten muss. Zur Generalprobe hatte das Galeristenpaar Marita Krauss und Erich Kasberger auch in diesem Jahr in die Galerie Ammann eingeladen.

Alles wie immer also? Keineswegs. Zwar trat Paetz auch in diesem Jahr als Pfarrer auf, um seiner Gemeinde aus einem roten Buch die Leviten zu lesen. Zwar redete er sich auch diesmal mit Themen warm, die man zu Beginn der Fastenzeit erwarten darf: "Zwei Drittel der Frauen in Bayern finden sich zu dick, die Männer nicht, die sind es einfach." Manche seien sogar froh über ihre Wampe: "Wenn schon keine Erektion mehr, dann wenigstens das."

Aber dann war man doch sehr schnell mittendrin in jenem Real-Polit-Kabarett, das uns die Tagesschau jeden Abend in die Wohnzimmer sendet und das ein Kabarettist kaum mehr persiflieren kann: Die CSU sei eine "bayerische Splitterpartei" geworden, von der man sich frage, "was sie in einer Bundesregierung zu suchen" hat, die aber immer noch meint, dass "am bayerischen Wesen die Welt genesen" soll. Die SPD hatte "zeitweise mehr Pärchen, die sich um den Parteivorsitz bewarben, als Mitglieder". Und wofür braucht man eigentlich noch die FDP? Nur für die AfD.

Spätestens jetzt war es nicht mehr lustig - aber dafür konnte Paetz nun wirklich nichts. "Ein Viertel der Menschen im Osten wählt AfD", sagte er. Und jetzt war auch sein "Fürchtet Euch!" kein Witz mehr, über den man herzlich lachen konnte. "Man wählt die AfD nicht trotz Höcke, sondern wegen Höcke", betonte er. Der Anschlag in Hanau habe gezeigt, dass aus Worten auch Taten werden: "Erst das Sagbare, dann das Machbare." Was man dagegen tun kann? "Man sollte nicht migrantisch aussehen."

Für das Verteidigungsministerium qualifiziere man sich einzig und allein durch die Tatsache, dass man keine Ahnung hat, und Verkehrsminister werde man, wenn einem die "Bahn am A... vorbeigeht" - auch das ist nicht zum Lachen. Und überhaupt Andreas Scheuer: "Der braucht keinen Lodenmantel, weil er selbst der wandelnde Filz ist" ist. Angesichts der 560 Millionen, die er in den Sand gesetzt habe, würde "ein Minister mit Anstand zurücktreten", findet Paetz, "aber von Trump lernen, heißt aussitzen und siegen lernen".

Und das war erst der Anfang: Im zweiten Teil ließ der Fastenprediger Klimaaktivisten und Klimawandelleugner gegeneinander antreten. Er ließ SUVs - "so windschnittig wie ein Wohnblock - auffahren, erläuterte Sinn und Zweck des E-Rollers ("ein Fahrzeug, mit dem man CO₂ auf Strecken einsparen kann, die man sonst zu Fuß gegangen wäre") und er benannte schließlich die Schuldige: "Ohne Greta hätte uns das Klima einfach irgendwann überrascht."

Gegen Ende der Predigt wechselt Paetz in immer kürzeren Abständen die Perspektive. Gerade hat er noch gesagt, die Amerikaner haben es gut, weil für die der Klimawandel einfach "bullshit" sei, und Grillen ja schließlich ein Menschenrecht. Er könne nichts dafür: Er habe das Schweinefleisch ja nur gekauft, es war schon da. Und er wolle doch nur weiterhin nach Mallorca fliegen und auf ein Eis nach Tunis, auch Kreuzfahrten finde er toll.

Hat man da nicht irgendwo ein "Ja, genau!" im Saal gehört? Und im nächsten Moment donnert Paetz: "Wer sein eigenes Wissen ignoriert, der ist der beschränkteste unter den Primaten!" Nein, es ist gar nicht witzig gemeint, wenn er fragt, ob es vielleicht erst die große Katastrophe braucht, bevor die Einsicht kommt. Die Lage ist ernst. Die Predigt ist gut. Er hat ja recht. Und dann sagt er: "Jetzt sollen doch erst mal die anderen..."

© SZ vom 24.02.2020

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