Fünfseen-Filmfestival:Verliebt durch die Krise

Fünfseen-Filmfestival: Die deutsch-griechische Regisseurin Sonia Liza Kenterman schrieb das Drehbuch mehrfach um.

Die deutsch-griechische Regisseurin Sonia Liza Kenterman schrieb das Drehbuch mehrfach um.

(Foto: Arlet Ulfers)

Sonia Liza Kentermans heiterer "Hochzeitsschneider von Athen"

Von Sylvia Böhm-Haimerl, Starnberg

Mit scheinbar unbewegtem Gesicht nimmt der Athener Herrenschneider Nikos die Hiobsbotschaft des drohenden Bankrotts entgegen. Nur der Griff in die silberne Bonbondose und die bedächtige Suche nach der richtigen Farbe zeigen, wie sehr er sich darauf konzentriert, seine Gefühle im Zaum zu halten. Als die Regisseurin Sonia Liza Kenterman den Schauspieler Dimitris Imellos für ihren ersten Langfilm "Der Hochzeitsschneider von Athen" verpflichtete, hatte sie den Stummfilmstar Buster Keaton vor Augen. In der Tat ähnelt Imellos dem Vorbild nicht nur äußerlich. Er beherrscht Mimik und Gestik des sanften, etwas weltfremden Schneiders perfekt, dessen Leben nur aus Arbeit besteht, die aber im krisengebeutelten Griechenland nicht mehr gebraucht wird. Der Film, der noch in dieser Woche in den Kinos startet, war am Sonntag als Open-Air-Vorführung im Starnberger Seebad geplant, wurde aber wegen des schlechten Wetters kurzfristig ins Kino verlegt.

Wie die Deutsch-Griechin Kenterman im Filmgespräch mit Festival-Chef Matthias Helwig verriet, habe ihr Vater nie mit ihr Deutsch gesprochen, daher liege ihr Griechenland näher. Zwar lebt sie in London, wo sie ihr Regie-Studium an der London Film School mit Auszeichnung abgeschlossen hat; doch ihre Ferien verbrachte sie in dem von der Wirtschaftskrise stark betroffen Land. Dabei konnte sie beobachten, dass immer mehr Läden schließen mussten. Die Geschäftsleute bauten sich Handwagen und verkauften ihre Waren auf der Straße. Das brachte Kenterman auf die Idee zum Film. Dabei wurde sie unterstützt von ihrem Professor und Mentor Tracy Sunderland, der mit ihr zusammen das Drehbuch verfasste. Während der Dreharbeiten hat Kenterman das Skript jedoch mehrmals umgeschrieben, so dass am Ende "eine wesentlich optimistischere Geschichte" herauskam als geplant.

Die Handlung dreht sich um den Schneider und sein banges Warten auf Kunden, die ausbleiben. Wegen der angekündigten Zwangsvollstreckung baut er sich einen Wagen, um seine Waren auf dem Markt zu verkaufen. Doch er muss feststellen, dass seine hochwertigen Anzüge für mindestens 800 Euro auch dort keine Abnehmer finden. Weil er Geld für die Medikamente seines kranken Vaters braucht und Frauen immer wieder nach Kleidern oder Hochzeitskleidern fragen, muss er sich umorientieren. Unterstützt wird er dabei von seiner Nachbarin Olga (Tamilla Koulieva), die ein Händchen für gutes Design hat. Die Entwürfe setzt Nikos nach den romantischen Vorstellungen seiner Kundinnen um, die hochzufrieden sind. Schon bald stellt sich nicht nur wirtschaftlicher Erfolg ein. Auch Nikos und Olga kommen sich näher.

Die Charaktere sind hervorragend herausgearbeitet, etwa der patriarchische Vater des Schneiders (Thanasis Papageorgiou) oder Olgas Ehemann (Stathis Stamoulakatos), der ein überkommenes Rollenbild des Alleinverdieners verkörpert, dessen Frau nicht arbeiten muss. Kenterman legt großen Wert auf Details. Die Nähmaschine des Schneiders wird in Großaufnahme gezeigt, im Takt der Musik wippen die Füße auf dem Pedal. Die Handlung indes bleibt manchmal betont vage. Die Liebesbeziehung wird nur angedeutet. Und es bleibt offen, ob sich ein Konflikt mit dem Ehemann anbahnt, der bereits etwas ahnt. Der Film lebt von seinen wunderbaren Bildern und kommt mit wenigen Dialogen aus. Es bleibt dem Zuschauer und seiner Fantasie überlassen, wie sich die Geschichte weiterentwickelt.

© SZ vom 24.08.2021
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