Förderung im Landkreis Starnberg:Anders lernen

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Starnberg: Stiftung Startchance

Er ist ein Neuntklässler und hoch motiviert: Dawid Cybulski. Der 15-Jährige besucht das Starnberger Gymnasium und büffelt einmal pro Woche dort nachmittags mit Coaches der Stiftung "Startchance".

(Foto: Nila Thiel)

Die Stiftung "Startchance" mit Sitz in Berg hat es sich zum Ziel gesetzt, benachteiligten Schülern kostenlos zu helfen. Ihre Koordinatoren und etwa 60 jugendliche Coaches verfolgen dabei einen ganzheitlichen Ansatz.

Von Sabine Bader

Dawid Cybulski ist ein aufgeweckter 15-Jähriger. Er hat eine gewinnende Art und kann dem Gegenüber genau erklären, worauf es ihm ankommt. Dawid ist einer von etwa 100 Jugendlichen, die von der Stiftung "Startchance" gefördert werden. Mehr noch: Er war der erste Schützling, den die neu gegründete Stiftung vor sechs Jahren unter ihre Fittiche genommen hat. Das Besondere: Dawid wird gerade selbst zum Schüler-Coach ausgebildet, um danach Jüngere beim Lernen anzuleiten.

Stiftungsgründer Wulf von Schimmelmann lebt in Berg. Er durfte und konnte in seiner Jugend ungehindert lernen, und genau dies will er auch der nachfolgenden Generation ermöglichen, beschreibt er seine Motivation. Seine Grundidee lässt sich in einem Satz zusammenfassen: "Jedes Kind hat eine Chance verdient." Profitieren können Jugendliche unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit, ihrem Geburtsland und dem Geschlecht. Mädchen und Buben kommen aus allen Schularten - von der Grund- und Mittelschule über das Gymnasium bis hin zur Berufsschule. Grundvoraussetzung ist: Sie wollen durchstarten, aber ihr familiärer Hintergrund lässt dies nicht automatisch zu - sei es wegen geringer finanzieller Möglichkeiten der Eltern, sei es, weil diese sehr viel arbeiten müssen oder weil sie durch einen Migrationshintergrund selbst sprachliche Probleme haben. Kurz: Kinder, die, warum auch immer, benachteiligt sind. Für ihre Eltern ist die Förderung kostenlos.

Dawid beispielsweise kommt aus Polen. Er wurde in der Nähe von Danzig geboren - seine "erste Heimat", wie er es nennt. Als Dawid fünf Jahre alt ist, geht die Familie nach Deutschland, genauer nach Starnberg. Söcking ist Dawids zweite Heimat. Nach Polen zu den Verwandten fährt die Familie immer in den Ferien. Dawid fühlt sich in beiden "Heimaten" zuhause. Deutsch zu lernen, ist für den damals Fünfjährigen kein Problem. Er besucht den Kindergarten, später die Grundschule und findet schnell Freunde in der neuen Heimat. Seine Noten sind gut, also darf er, wie viele seiner Klassenkameraden, aufs Gymnasium gehen. Doch hier beginnen die Probleme: Der Schulwechsel macht dem Buben zu schaffen. Für jedes Fach gibt es jetzt einen anderen Lehrer. "Ich war plötzlich schlecht in den Hauptfächern", erinnert sich Dawid. Besonders Deutsch und Englisch bereiten ihm Probleme.

Starnberg: Stiftung Startchance

Lehrerin Michaela von Buchholtz animiert stets ihre Schüler, sich einmal wöchentlich helfen zu lassen. Sie zählt zu den Gründungsmitgliedern und Koordinatorinnen der Stiftung.

(Foto: Nila Thiel)

An dieser Stelle kommt Michaela von Buchholtz ins Spiel. Sie ist seine Englischlehrerin in der fünften Klasse. Auch wenn der Bub in ihrem Fach schlecht ist, merkt sie dennoch: Er hat Potenzial, er will lernen, weiß aber nicht so recht wie. Ein Fall für die Stiftung Startchance, deren Mitbegründerin sie ist. So kommt Dawid zur Stiftungsfamilie. "Mir hat einfach die Zielstrebigkeit gefehlt", sagt Dawid heute. Anders als beim üblichen Nachhilfeunterricht, der ja in einem bestimmten Fach stattfindet, sind bei den Lernstunden der Startchance immer mehrere Schüler-Coaches im Raum und für die Jugendlichen Ansprechpartner. "Da geht man einfach zu dem, der sich in dem speziellen Fach gut auskennt", erzählt Dawid.

Doch der Stiftung geht es nicht nur ums Lernen: "Unsere Idee ist, die Kinder ganzheitlich zu fördern", sagt die 46-jährige Lehrerin. Zur ganzheitlichen Arbeit zählen neben dem Vermitteln von Wissen auch sportliche und kulturelle Aktionen. Das heißt, die Koordinatoren und die rund 60 Schüler-Coaches lernen nicht nur mit den Jugendlichen, sie fördern auch deren soziale Kompetenz - besuchen mit ihnen Museen, besichtigen Umweltprojekte, veranstalten Fußballturniere und gehen mit ihren zum Schlittschuhlaufen oder in den Kletterwald.

"Grundvoraussetzung für uns ist, dass die Jugendlichen regelmäßig kommen", sagt von Buchholtz. Gelernt wird immer freitags von 14 bis 17 Uhr, die Ausflüge finden dann an den Wochenenden statt. Die Stiftung ist bislang in Starnberg, Berg, Schäftlarn sowie an zwei Standorten in Geretsried aktiv und darf dort nachmittags mehrere Klassenräume zum Lernen nutzen. In Starnberg belegen die Lerngruppen freitags beispielsweise vier leere Klassenzimmer im Gymnasium. Dawid ist immer mit dabei, auch wenn sich der 15-Jährige gerade selbst zum Schüler-Coach ausbilden lässt.

Die Stiftung

Alle Mitarbeiter und Koordinatoren der Stiftung "Startchance" arbeiten laut Stiftungssprecher Sebastian Dorn ehrenamtlich. Das heißt, dass alle Spenden die generiert werden, egal ob groß oder klein, eins zu eins den Kindern und Jugendlichen zugute kommen. Von ihnen werden alle Projekte und Aktivitäten finanziert, und die Schüler-Coaches erhalten für ihre Arbeit eine Aufwandsentschädigung. Die Schüler-Coaches lernen zudem, Verantwortung für Jüngere zu übernehmen. Diese wiederum finden in ihnen nicht selten Vorbilder. Das Grundvermögen der Stiftung beträgt 100 000 Euro. bad

Grundvoraussetzung für die Ausbildung zum Schüler-Coach sind natürlich gute Noten. Den erforderlichen Notendurchschnitt hat David, und er besucht auch schon fleißig Fortbildungen. Denn neben dem reinen Wissen sind auch die pädagogische Fähigkeiten gefragt, um das Gelernte zu vermitteln. Dawid sagt, er weiß, wie man sich fühlt, wenn man schlecht in der Schule ist und Hilfe braucht. Er sieht seine Fähigkeiten vor allem im naturwissenschaftlichen Bereich. "Wenn ich Coach bin," sagt er, "kann ich den anderen vor allem in Mathe, Physik und Chemie helfen. Alles, was man logisch herleiten kann, fällt mir leicht".

Seit sechs Jahren wird Dawid von der Stiftung zum Lernen angeleitet. Deren Förderprogramm ist ohnehin auf Langfristigkeit angelegt. Das heißt, man will Kinder und Jugendliche im Idealfall von der Grundschule bis zum Eintritt ins Berufsleben begleiten. "Aber ich bin trotzdem kein Streber", sagt Dawid schnell. "Mir macht das Lernen in der Gemeinschaft jetzt einfach Spaß."

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