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Fahrradgeschäft in Stockdorf:Neustart nach dem Feuer

Und sie schrauben wieder: Mitarbeiter Kilian Schwahn bei Servicearbeiten im Stockdorfer Geschäft.

(Foto: Arlet Ulfers)

Der Stockdorfer Fahrradladen hat eine schwierige Zeit durchgemacht - ein Einbruch, bei dem teure Räder gestohlen wurden, der verheerende Brand im Januar und dann auch noch die Corona-Krise. Nun öffnet er wieder.

Von Michael Berzl

Als hätten seine Kunden seit dem verheerenden Brand Anfang Januar und die Hochphase der Corona-Krise hindurch nur darauf gewartet: Kaum stehen Peregrin Zunke und seine Kollegen nach mehr als einem halben Jahr wieder in ihrem Fahrradgeschäft in Stockdorf, herrscht dort schon wieder Hochbetrieb. Spezielle Schutzwesten sollen bestellt werden, ein älteres Paar bekommt eine eingehende Beratung für eine Neuanschaffung, in der Werkstatt werden die ersten Reparaturen erledigt. So geht das seit Mittwoch - ohne Werbung und ohne eine öffentliche Ankündigung, dass der Laden wieder eröffnet ist. Mehr als 50 Kunden waren schon am ersten Tag gekommen. An diesem Montag geht es offiziell wieder los.

Der Laden am Baierplatz wirkt nun heller und offener, aufgeräumter und großzügiger. Die komplette Technik wurde erneuert, auch die LED-Beleuchtung in der Decke, und das macht sich bemerkbar. Gleich beim Eingang hat sich der Filialleiter eine "Berater-Lounge" eingerichtet, wie er das Eck mit kleinen Sesseln und einem Espresso-Automaten nennt. An die Wand hat er dort als Dekoration die Front eines ausgeschlachteten T3-VW-Busses montiert. In einer Ecke steht ein Flipper. Alte Holzbalken aus einem Dachstuhl sind an einer Wand angebracht, mitten im Raum steht ein Stapel Scheitholz. Den Laden haben die Betreiber fast komplett in Eigenarbeit so hergerichtet, auf Handwerker zu warten, hätte zu lange gedauert. "Ich bin einer, der gerne alles selbst macht", sagt Zunke.

Der 35-Jährige hat die wohl schwierigste Zeit hinter sich, seit er in Stockdorf Fahrräder verkauft: Brand und Corona-Krise, ein Einbruch, bei dem teure Räder gestohlen wurden, ein Sturz mit dem Fahrrad, bei dem er sich schwer verletzt hatte. Und in der vergangenen Woche auch noch ein kleiner Wasserschaden. Aufzugeben kam für den Fahrradenthusiasten, der Zahnkränze auf den Unterarm tätowiert hat, aber nie in Frage.

Bis zur Wiedereröffnung sollte es trotzdem länger dauern als geplant. Ursprünglich war von Ostern die Rede, "pünktlich zum Saisonstart", wie es in einem Werbeflyer hieß. Doch der Termin war nicht zu halten; zu aufwendig waren die gesamten Sanierungsarbeiten. Zunächst musste der verrußte Laden, der sich im Erdgeschoss eines Mehrfamilienhauses befindet, komplett leer geräumt werden. Waren im Wert von etwa einer Viertelmillion Euro wurden ein Raub der Flammen, schätzt Zunke. Ursache war wohl ein technischer Defekt, wie Untersuchungen der Brandfahnder ergaben. Der Schaden an dem gesamten Gebäude belaufe sich auf etwa eine Million Euro. Die Elektroinstallationen über alle Stockwerke musste hinweg neu verlegt werden; auch das habe zu Verzögerungen geführt. Während der Schließung konnten die insgesamt fünf Beschäftigten zum Teil im Haupthaus in Starnberg arbeiten.

In der Filiale in Stockdorf ist von Brandgeruch, der sehr hartnäckig sein kann, kein Hauch mehr zu bemerken. Die Räume wurden gründlich gereinigt, verrußte Flächen mit Trockeneis gestrahlt und danach mit einer speziellen Sperrschicht grundiert. Reste der Aufräumarbeiten sind aber immer noch zu sehen. So stehen am Hintereingang zwei große Behälter, gefüllt mit dem Wasser, das bei der Reinigung aufgefangen wurde. "Eine stinkende Brühe", sagte Zunke.

Beim Neuanfang hat er nun mit zwei gegenläufigen Folgen der Corona-Krise zu tun, die sich so verkürzt auf einen Nenner bringen ließen: große Nachfrage und wenig Nachschub. Das Fahrradfahren erlebt gerade einen Boom, zum einen, weil es ein Sport ist, der sich gut mit großem Abstand ausüben lässt, zum anderen nutzen nun mehr als zuvor Pendler, die die Enge in der S-Bahn meiden wollen, dieses Transportmittel. Zugleich ist es derzeit teilweise noch schwierig, Ersatzteile zu bekommen, weil durch die weltweite Pandemie Lieferketten zusammengebrochen sind, wie Zunke feststellen musste. Teile wie zwei Laufräder oder ein Vorbau, die er bestellen wollte, seien nicht verfügbar gewesen. Ein österreichischer Hersteller nehme Aufträge überhaupt erst wieder ab Oktober an. "Das wird spannend", sagt Zunke.

© SZ vom 25.07.2020

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