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Erster Weltkrieg:Von Verzweiflung, Heimweh und Hoffnung

"Bis jetzt noch glücklich durchgekommen. Haben wieder schönes Wetter“, schreibt Georg Bauer auf der Rückseite der Postkarte (links). Während des Ersten Weltkriegs gab es etliche Postkartenmotive zur Auswahl, Fotos des Kriegsalltags (links) ebenso wie idyllische und idealisierte Bildchen (rechts).

(Foto: Gemeindearchiv Wörthsee/Repros: Arlet Ulfers)

Die Wörthseer Archivarin Barbara Blankenburg zeigt in Herrsching eine Sammlung von Feldpost aus dem Ersten Weltkrieg.

Von Charlotte Alt

"Wenn doch nur ein Ende herging mit dem Krieg", schreibt 1915 ein Soldat an Amalie Königsbaur. Es ist eine von hunderten Postkarten, die der jungen Bauerntochter aus Etterschlag während des Ersten Weltkriegs zugesendet wurden. Auch Pfarrer Anton Ferstl aus Weßling pflegte rege Korrespondenz mit den Pfarrkindern seiner Gemeinde, die an der Front in Frankreich kämpften.

Die Briefe und Postkarten erzählen vom harten Kriegsalltag, von blutigen Schlachten und Verzweiflung, von banalen Belanglosigkeiten, Heimweh und der Hoffnung auf ein baldiges Ende. Vergangenes Jahr wurden die mehr als 300 Postkarten von Königsbaur und Pfarrer Ferstl dem Gemeindearchiv Wörthsee geschenkt oder geliehen. An diesem Donnerstag stellt die Archivarin Barbara Blankenburg eine Auswahl an Texten und Bildern dieser Feldpostsammlung in Herrsching vor.

Es war wohl das erste Mal, dass die Bauernjungen aus Etterschlag und Walchstadt Briefe geschrieben und versucht haben, durch Kontakt zur Heimat etwas Normalität zu bewahren, sagt Blankenburg. Die Motive der Postkarten sind mal bunte, romantische Bildchen, mal Fotos von Schlachtfeldern, Schützengräben oder zerstörten Kirchen. Die meisten seien ganz schlichte Grußkarten, erzählt die Archivarin, da stehe oft lediglich: "Ich lebe noch" oder "Mir geht es gut". Doch sind etliche Briefe viel ausführlicher und lassen dadurch die Menschen dahinter wieder lebendig werden.

"Nach blutiger Schlacht einen Tag zurück", schreibt ein Soldat im Mai 1918 in einer Postkarte an Amalie Königsbaur wie nebenbei. Die Brutalität des Kriegs scheint inzwischen Alltag geworden zu sein, zur Ablenkung fragt er deswegen nach der Heimat. "Haben jetzt viel Grausames gesehen und würden dich ersuchen zur besseren Zerstreuung von dir Neuigkeiten zu erfahren."

Die Archivarin der Gemeinde Wörthsee, Barbara Blankenburg, präsentiert Briefe und Postkarten der Feldpostsammlung.

(Foto: Arlet Ulfers)

Die Postkarten an das junge Mädchen seien voller Blödeleien, sagt Blankenburg, dadurch versuchten die Soldaten den harten Kriegsalltag etwas zu vergessen. Gegenüber Pfarrer Ferstl erzählten sie jedoch öfter auch von den Auswirkungen des Kriegs. So berichtet etwa ein Soldat, dass seine Nerven ganz "zerrüttelt" seien.

Überrascht hat Blankenburg, dass trotz Zensur einige Briefe durchaus Kritik gegen den Krieg äußern. So schreibt ein Feldwebel 1917 an Pfarrer Ferstl: "Wer in der Welt wird glauben, dass es noch einen Soldaten gibt, der für derartige Ziele nur eine Stunde länger in diesen menschenunwürdigen Zuständen verbringen will."

Und trotz alldem bleiben die Briefe immer hoffnungsvoll. So sind die meisten Postkarten mit "Aufs Wiedersehen" unterschrieben, oft sogar in Großbuchstaben. Das habe die Archivarin besonders erschüttert: "Die haben einfach nur gehofft, dass sie sich endlich wiedersehen können."

Die Feldpostsammlung erlaubt eine berührende Einsicht in die Gedankenwelt und in die einzelnen Schicksale der Soldaten. Und zeigen immer, wie sehr sie in ihre Heimat zurück wollten. "Wär jetzt lieber bei Euch", schreibt Alois Hartmannsgruber im Juni 1915 auf der Fahrt zur Front. Nur einen Monat später fällt der 21-Jährige dort.

Der Vortrag ist am Donnerstag, 5. März, von 19 Uhr an in Herrsching im Gasthaus Andechser Hof.

© SZ vom 05.03.2020

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