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Einzelhandel:Die Bio-Genossen

Viel Sinn fürs Natürliche: Sylvia Haslauer (re.) mit ihren beiden Töchtern Anna Haslauer (li.) und Dominique Sarring in ihrem Bioladen in Utting.

(Foto: Arlet Ulfers)

Vom Kunden zum Teilhaber - das ist das Konzept des Naturkost-Marktes von Sylvia Haslauer in Utting. Und es geht offensichtlich auf

Von Otto Fritscher, Utting

Sylvia Haslauer bezeichnet ihren Bio-Markt als eines der ältesten familiengeführten Naturkostgeschäfte Deutschlands. Vermutlich mit Recht. Denn schon seit 50 Jahren gibt es in Utting das Familienunternehmen. Gegründet hat es 1968 Ursula Oberdörfer, Haslauers Mutter, die im vergangenen Jahr verstorben ist. Damals war es ein Reformhaus, 2005 dann nach einen Umzug "Naturwaren am Dorfbrunnen" und schließlich 2011 nach einer erneuten Vergrößerung "La Vida", wie der Biomarkt an der Schondorfer Straße 15a heute heißt. Nun führt Sylvia Haslauer ihren Laden in zweiter Generation, und mit den Töchtern Anna (22) und Dominique (36) ist bereits die dritte Generation dabei.

5000 Bio-Produkte bieten die Haslauers auf 220 Quadratmetern Verkaufsfläche an; das Sortiment reicht von A wie Apfel bis Z wie Ziegenkäse. Und dazu gibt es, wenn gewünscht, Tipps oder auch Beratung über Ernährung und Gesundheit von Sylvia Haslauer. Dieses Talent hat sie wohl von ihrer Mutter geerbt, die am Westufer des Ammersees als Vorreiterin einer natürlichen Lebensweise bekannt war.

Entstanden ist das heutige Geschäft auf ungewöhnliche Weise. Vor fünf Jahrzehnten gab es in Utting eine buddhistische Gemeinschaft, die sich vegetarisch und gesund ernähren wollte. Man gründete ein Einkaufsgemeinschaft, bestellte gemeinsam Waren, es entstand ein kleines Geschäft, das erst einen Tag, dann drei Tage in der Woche offen hatte. Auf nur wenig mehr als zehn Quadratmetern entstand ein kleiner Laden, den Begriff "Bio" gab es 1968 noch nicht.

Ursula Oberndörfer, die damals in Donauwörth wohnte, las durch Zufall eine Anzeige in der Zeitung, dass in Utting ein Reformhaus zu verpachten sei. Und sie übernahm den Laden der Erzeugergemeinschaft. "Unsere Wohnung hatten wir direkt hinter dem Laden, anfangs waren es vielleicht zehn bis 20 Kunden am Tag", erinnert sich Sylvia Haslauer. Als sie in Utting noch die Grundschule besuchte, half sie schon mit, Studentenfutter und Müsli abzufüllen. Der Laden wurde immer größer und erfolgreicher, vor allem durch die Gesundheitsberatung, die Ursula Oberndörfer, eine gelernte Krankenschwester, ihren Kundinnen und Kunden angedeihen ließ. "Meine Mutter wusste sehr viel", sagt Sylvia Haslauer, "sie war in Utting eine Institution für Gesundheitsfragen".

1985 vergrößerte sie das Geschäft. "Ich bin mit und in dem Laden aufgewachsen", sagt Sylvia Haslauer und lacht. Danach führte Haslauer, die eigentlich Reprofotografin gelernt hat, fünf Jahre lang ein Musik-Café in Raisting, das Café Ibiza. Ihr Ehemann ist im Trockenbau tätig, "El Griagl" heißt seine Firma, was genauso spanisch klingt wie der Geschäftsname "La Vida" - das Leben. "Wir haben tatsächlich ein Häuschen in", sagt die Geschäftsfrau.

Dann kam der Moment, als die Mutter sie fragte, ob sie nicht ganz in das Geschäft einsteigen wolle. "2006 habe ich den Biomarkt übernommen und modernisiert", sagt Haslauer. Erfolgreich offenbar, denn die Kunden standen samstags bis auf die Straße hinaus Schlange. 2011 bot sich dann die Chance, zu vergrößern - am jetzigen Standort an der Schondorfer Straße. Sie hatte Kunden gefragt, was diese sich wünschten: Der Bio-Markt solle im Ort bleiben, das Sortiment vergrößern und eine kleine Café-Ecke einrichten. Sylvia Haslauer setzte die Wünsche um. Erforderliches Kapital besorgte sie sich auf ungewöhnliche Weise: Sie gab Genussscheine aus, 14 Kunden investierten insgesamt 100 000 Euro. Sie sind nun Teilhaber, besitzen aber kein Stimmrecht bei Entscheidungen des Bio-Marktes.

Das La Vida floriert noch immer. Die Zahl der Mitarbeiter ist auf 18 gestiegen. "Mein Team kennt sich aus", sagt Sylvia Haslauer. Seit neuestem gehören auch zwei Männer dazu. Hier versuche man, die Männerquote zu halten, scherzt Haslauer. Zu den Besonderheiten des La Vida gehört die Käsetheke mit 150 Sorten und die große Weinauswahl, alles bio natürlich. Außerdem auch die Abfüllstationen für Müsli, Reis, Nüsse, Linsen und Trockenfrüchte. Der Kunde bestimmt die Mengen, die er kaufen möchte. Und ganz nebenbei wird Verpackung eingespart. Denn Gläser, Dosen oder Stoffsäckchen können problemlos befüllt werden. Die Kundschaft kommt nicht nur aus Utting und den Nachbardörfern, sondern aus einem weiterem Umkreis. Und im Sommer kurbeln die zahlreichen Touristen den Umsatz an, der mittlerweile auf 1,2 Millionen Euro pro Jahr gestiegen ist.

Den ganzen April durch wird das 50-jährige Bestehen gefeiert. Das Jubiläumsprogramm widmet sich unter anderem den Themen Obst und Gemüse, Naturkosmetik und Wein. Und jeden Monat finden weiterhin die Abende unter dem Motto "Genuss nach Ladenschluss" statt. Es wird gemeinsam gekocht, geratscht, und über Gesundheit und Genuss geredet. Sylvia Haslauer und ihre Töchter Anna, die ursprünglich eine Ausbildung zur Tourismuskauffrau gemacht hat, und Dominique, eine gelernte Erzieherin, sind ein eingespieltes Team. "Alte Werte des Biofachhandels mit neuen Ideen verbinden, das ist unser Rezept für die Zukunft", sagt Anna Haslauer. So ist La Vida nun auch bei Facebook zu finden.

© SZ vom 06.04.2018

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