Storchenpopulation Die Küken lebten nur ein paar Wochen

Vorsichtig lugen die drei Jungstörche über den Rand ihres Horstes im Garten des Anwesens Sanktjohanser in der Dießener Fischerei.

(Foto: Franz Sanktjohanser)

Dießener haben Störchen in ihrer Gemeinde eine Nisthilfe gebaut, doch im Dauerregen verlässt die Jungvögel die Kraft. Dennoch wächst die Population am Ammersee.

Von Armin Greune

Der anhaltende Regen zur Schafskälte Mitte Juni hat zwar seinen Tribut gefordert, doch von 41 Jungstörchen, die heuer in den 18 Horsten im Umkreis der Raistinger Wiesen aufgezogen wurden, haben 28 überlebt. Noch nie ist die Kolonie in einer Brutsaison so stark angewachsen, nach den vergangenen beiden Jahren wurde zum dritten Mal hintereinander ein Rekordjahr verzeichnet. Da zur Zeit auch noch mehr als 30 ein- und zweijährige Artgenossen die Gegend bevölkern, die meist auf einer Hochspannungsleitung an der Ammer übernachten, sind mit Brutpaaren und deren Nachwuchs insgesamt fast 100 Weißstörche südlich des Ammersees anzutreffen.

Zu den 13 Abgängen zählen die drei Jungen des einzigen Dießener Brutpaares. Franz Sanktjohanser und Renate Alton hatten ihm bei ihrem Haus in der Fischerei Logis angeboten. Am 7. Mai waren drei Küken geschlüpft, aber dann reichten 24 Stunden Dauerregen am 12. Juni aus, um ihnen den Garaus zu machen, sagt Alton. Die Jungvögel waren gerade in dem kritischen Alter, wo sie noch kein richtiges Gefieder schützt, sie aber so groß sind, dass sie die Eltern nicht mehr "hudern", also unter ihre Fittiche nehmen können.

Alton und Sanktjohanser bauten in eigener Initiative eine zwölf Meter hohe Nisthilfe für die Störche und gaben dabei allein für Material- und Planung fast 5000 Euro aus. Ihre anfängliche Trauer hat Alton inzwischen überwunden: "Die Arbeit hat sich doch gelohnt, wir haben an den Störchen viel Freude gehabt", erzählt sie. Auch im nächsten Jahr steht der Horst bereit; ob ihn dann das gleiche Paar bezieht, muss sich zeigen: Es hat nun begonnen, einen eigenen Horst auf einem Dach an der Herrenstraße zu bauen, offenbar eine Ersatzhandlung, weil es keinen Nachwuchs mehr aufzupäppeln hat.

Franz Sanktjohanser und Renate Alton.

(Foto: Georgine Treybal)

Auch in einigen der 16 Horste im Ortsgebiet von Raisting haben sich in der zurückliegenden Brutsaison Dramen abgespielt. Auf einer Tanne an der Zugspitzstraße hatte ein Paar im vergangenen Jahr erstmals selbständig einen Horst gebaut und erfolgreich gebrütet. In diesem Frühling aber machte ihnen ein Artgenosse den Wohnsitz streitig und warf dabei kurzerhand alle Eier heraus. "Danach wurde der Horst nicht neu bezogen", erzählt Wolfgang Bechtel, der seit Jahren für den Landesbund für Vogelschutz (LBV) die Störche am Ammersee beobachtet. Leer blieb heuer auch ein Horst auf einem Haus Am Laubberg, aber in der Ortsmitte kam ein neues hinzu: Als im Frühjahr die Nisthilfe auf einem zum Abriss vorgesehenen Haus auf den Schlauchturm des ehemaligen Feuerwehrhauses gegenüber umgesetzt wurde, zog dort sofort ein neues Storchenpaar ein. Die alten "Untermieter" aber bauten sich selbst auf dem vertrauten First einen Horst. Der Abriss des Hauses wurde verschoben und die Störche brachten ihren Nachwuchs durch, während die Nachbarn auf dem Schlauchturm alle Jungen bei der Schafskälte verloren.

Ein Teil der Überlebenden konnte schon mit Hilfe der Drehleiter der Dießener Feuerwehr beringt werden. Einmal musste sie auch außerplanmäßig ausrücken, als Ende Juni ein Jungstorch aus einem Horst in einer gekappten Fichte geflattert war und seine Kräfte für die Rückkehr nicht mehr ausreichten. Der Ausreißer wurde zurück zu seinen beiden Geschwistern in den Horst gesetzt und überstand das Abenteuer unbeschadet. Inzwischen sind schon einige Störche der neuen Generation ausgeflogen. Kürzlich konnte Bechtel beobachten, wie ein verirrter Jungvogel ausnahmsweise so lange in einem fremden Horst geduldet wurde, bis er dann doch noch heimfand.

Mit dem Bruterfolg dieser Saison darf die Raistinger Weißstorchpopulation als gesichert angesehen werden. Auch landesweit hat sie sich erholt, sodass der LBV im vergangenen Jahr das Artenhilfsprogramm einstellen konnte: In mehr als 30 Jahren hat die Zahl der bayrischen Brutpaare von 60 auf fast 500 zugenommen. Außer den allgegenwärtigen Weißstörchen werden am Südufer des Ammersees inzwischen auch immer öfter die wesentlich selteneren und scheueren Schwarzstörche gesichtet. Mehrere Paare brüten in den Wäldern östlich und westlich des Sees, ihr Aktionsradius ist mit 20 Kilometern zehnmal so groß wie der ihrer weißen Verwandten.