Abenteuer Im 28 Jahre alten Feuerwehrauto mehr als 7500 Kilometer auf Tour - ohne Navi

Mit ihrem ehemaligen Feuerwehrauto wollen sie zu einer Abenteuerreise rund um die Ostsee aufbrechen: (v.li. auf dem Dach) Lena Lampe, Silja Bückers, (v.li. stehend) Matthias Rummelsberger, Lisa Lampe und Teamleiter Lutz Lampe. Nicht im Bild sind Jana Schott und Levent Goebel.

(Foto: Arlet Ulfers)

Die "Ammerseedrivers" wollen mit dem ausrangierten Wagen in 16 Tagen eine Rallye rund um die Ostsee bewältigen. Die Fahrt durch zehn Staaten dient einem guten Zweck.

Von Astrid Becker

Ein feuerrotes Spielmobil. Die gleichnamige Kinder-Fernsehserie aus den Siebzigern muss einem beim Anblick des Gefährts vor Lutz Lampes Haus in den Sinn kommen. Der 58-Jährige lebt in Windach und ist im wirklichen Leben bei einem Stromanbieter für Automatisierungstechnik zuständig. Doch Lampe hat einen Traum: Zusammen mit seinen beiden Töchtern und vier ihrer Freunde, die allesamt aus der Ammersee-Gegend stammen, will er im Juni 2018 am achten "Baltic Sea Circle" teilnehmen - einer speziellen Rallye rund um die Ostsee, die viele tausend Kilometer weit durch zehn nordische Länder Europas führt. Eine Tour, die dem guten Zweck dient und die das Team mit einem ehemaligen, 28 Jahre alten Feuerwehrauto unternehmen wollen.

Ein Abenteuer also für die Sieben, die sich als "Ammerseedrivers" für die Rallye angemeldet haben. Eine Startnummer haben sie bereits: Nr. 164. Etwa 250 Mannschaften nehmen daran teil, sagt Lampe, der im vergangenen Juni einen Bericht über den Baltic Sea Circle im Fernsehen gesehen hat. Faszinierend sei das gewesen, erzählt er, allein die Landschaft: Einmal um die Ostsee durch atemberaubende Natur, Eis, Wasser und Felsen. Vorbei an weißen Stränden, einsamen Inseln und durch dichte Wälder. Ständige Helligkeit im Norden, die persönliche Grenzen zu überwinden und als Team zusammenzuwachsen.

So in etwa schwärmte Lampe am nächsten Tag nach dem Fernsehbeitrag auf einem Geburtstagsfest seinen Töchtern Lena (18) und Lisa (23) und ihren vier Freunden vor: Matthias Rummelsberger(21), Silja Bückers (20), Levent Goebel (25) und Jana Schott (20). Deren spontane Reaktion: "Da machen wir mit." Zumal das Ganze auch mit wohltätigen Zwecken verbunden ist: So müssen die Teilnehmer Spenden sammeln, 50 Prozent für eine Organisation, die die Veranstalter vorgeben, die andere Hälfte geht an eine Einrichtung, die das jeweilige Team selbst wählen kann.

Doch da gibt es noch mehr an Vorschriften. So soll das Gefährt, mit dem die Reise unternommen wird, möglichst aus dem Jahre 1989 stammen, gedacht als Reminiszenz an das Jahr des Mauerfalls, der Öffnung des Ostens. Zurückzulegen sind in 16 Tagen etwa 7500 Kilometer. Die Fahrt führt über Dänemark bis hoch zum Nordkap und dann über Russland und die baltischen Staaten wieder zurück. Für Lutz Lampe und sein Team wird die Reise allerdings noch länger ausfallen: Start und Ziel ist Hamburg - und auch dorthin werden sie mit ihrem feuerroten Spielmobil, ein alter Ford Transit, fahren müssen.

Doch zunächst musste ein fahrbarer Untersatz gefunden werden: "Wir wollten für diese Tour etwas Besonderes", erzählt Matthias Rummelsberger. Im Internet stießen sie schließlich auf ein Feuerwehrauto aus dem Jahre 1989 und waren sofort davon als begeistert. Doch der Verkäufer wollte zunächst nur an Gewerbetreibende veräußern, ließ sich dann aber doch erweichen. Als es allerdings ans Anmelden des Wagens ging, tauchten auch schon die ersten Schwierigkeiten auf.

Bei der Zulassungsstelle im Landratsamt Landsberg fehlte der Fahrzeugschein. Lampe hatte einen Umschlag mitsamt Schein versehentlich in den Papiermüll geworfen und sogleich im Wertstoffhof entsorgt. Seine Töchter brausten sofort zurück, durchwühlten den Container und "das Unfassbare geschah: Wir wurden fündig", erzählt Lena. Der Bus konnte endlich angemeldet werden - sogar mit Wunschkennzeichen: "LL - MY 112". Ein "CA" wollen sie noch davor kleben, fürs englische Wort "Call", im Sinne von Anrufen. Und auch das nimmt Bezug zum roten Bus. Denn hier findet sich noch ein Telefon, das die Feuerwehr offenbar einst dazu nutzte, sich zwischen den einzelnen Wagen via Funk verständigen zu können. Ein altmodischer schwarzer Hörer ist es - und auch ein Symbol für das, was die Sieben erwartet: Eine echt analoge Reise. Denn Navigationsgeräte oder GPS sind tabu, so will es das Regelwerk des Veranstalters. Damit entfällt auch der schnelle Blick aufs Smartphone. Angesagt ist stattdessen eifriges Kartenstudieren. "Eine Herausforderung" - so nennt Jana Schott das in Facebook. Sie ist für den Auftritt der Truppe zuständig: "In einer Zeit, in der man selbst den Weg zur nächst gelegenen Apotheke nur mit Hilfe von Google Maps findet, werden wir wohl, das ein oder andere Mal verloren irgendwo im Nirgendwo stehen."

38.000 Kilometer

weit ist das Feuerwehrauto bisher erst gefahren. Mit der Reise der Sieben wird sich dieser Stand um mehr als 9000 Kilometer erhöhen. Zum ersten Mal zugelassen wurde der Wagen am 2. August 1989. Bis Juli 2014 diente er der Feuerwehr in Eggstätt und danach der Feuerwehr in Baumgarten als Einsatzfahrzeug. Das Auto hat 71 PS und fährt maximal 120 Stundenkilometer schnell.

Aus dem Nichts heraus haben sie nun auch mit den Vorbereitungen für ihre Reise begonnen. Matthias Rummelsberger, gelernter Zimmerer, will das Auto in den nächsten Monaten noch etwas umbauen: Ein paar Schubladen sollen noch hinein und ein Tresen, auf dem gekocht werden kann. Silja Bückers kümmert sich um die Unterbringung von Gepäck, Wasser- und Treibstofftanks. Und da ist Lena, die im ersten Semester eines dualen Studiengangs namens "Digitale Medien". Sie hat zum ersten Mal in ihrem Leben eine Homepage kreiert - für die Ammerseedriver. "Eine tolle Erfahrung, bei der ich schon jetzt viel gelernt habe", sagt sie. Auch das gehört zu den Verpflichtungen der Teilnehmer des Baltic Sea Circle: Sich über Internet und soziale Medien zu vermarkten, so Spender und Sponsoren zu finden. Einige haben sich bereits gemeldet.

Damit stehen die Chancen bestens, mindestens 850 Euro zusammenzubekommen, die die Sieben brauchen. Weil ihr Auto 700 Euro teurer war als der vorgeschriebenen Kaufpreis von 2500 Euro, müssen sie mindestens 100 Euro mehr Geld sammeln. Geld, das sie dann der Meeresschutzorganisation "Deepwave" und dem SOS Kinderdorf in Dießen spenden wollen.