Starkbieranstich auf dem Nockherberg Hinterfotzige Streicheleinheiten

"Wenn in der CSU einer versagt und das nicht gleich drei Milliarden kostet, dann ist das doch ein Fortschritt". Fastenrednerin Luise Kinseher gelingt es als Bavaria, die Politik mit feiner Ironie zu sezieren - auch das Singspiel kommt gut an.

Von Wolfgang Görl

Als vor einigen Monaten ruchbar wurde, dass eine Frau, nämlich die Kabarettistin Luise Kinseher, als Salvatorrednerin auf dem Nockherberg auftreten werde, gab es einige - männliche - Stimmen, die sagten: "Das kann die nicht, und außerdem hat's ja so etwas noch nie gegeben." Letzteres stimmt, was aber die Zweifel betrifft, muss man erwidern: Sie kann es doch - wenngleich die Rede Längen hatte und bisweilen die politische Schärfe fehlte.

Horsti, was is denn los?

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Im Kostüm der Bavaria tritt sie auf die Bühne, quasi als Mutter der bayerischen Nation. Und so spricht sie dann auch: nicht wie ein eifernder Bußprediger, der den Sündern unten im Saal gnadenlos die Leviten liest, sondern wie eine Mama, die ihre Bengels auch dann liebt, wenn sie etwas ausgefressen haben. Der Horsti zum Beispiel, also der Ministerpräsident Seehofer, bereitet ihr Sorgen, weil alles, was er anpackt, schiefläuft: "Horsti?", fragt sie beunruhigt. "Was ist aus dir geworden? Dabei warst du früher so ein Alphahengst, jetzt bist du nur noch ein Alphawallach!"

Mit Karl Theodor zu Guttenbergs Doktorarbeit hält sie sich klugerweise nicht auf, die ist kabarettistisch ausgelutscht. Aber dass er der CSU jetzt fehlt, bedauert Mama Bavaria schon: "Wenn in der CSU einer versagt und das nicht gleich drei Milliarden kostet, dann ist das doch ein Fortschritt." Nur der Markus (Söder) ist über Guttenbergs Abgang ganz froh: "Wenn Gutti das Telefonbuch vorgelesen hat, hat jeder gesagt, er hat eine wegweisende Rede gehalten, und wenn Du eine wegweisende Rede hältst, also jetzt mal rein hypothetisch, dann meint jeder, du willst ihm einen Gebrauchtwagen ohne Getriebe andrehen."

Luise Kinseher gelingt es, die Mutterrolle mit so viel Ironie aufzuladen, dass selbst liebevolle Streicheleinheiten als veritable Hinterfotzigkeiten daherkommen. Zu den bayerischen SPD-Männern Florian Pronold und Markus Rinderspacher sagt sie: "Mei, meine Buberl. Wenn ich Euch so anschaue, da bekomme ich die gleichen Gefühle wie in der Fußgängerzone beim Anblick halb verhungerter Zirkusponys." Am besten, die beiden träten in die CSU ein: "Bei der CSU kann man nämlich wieder was werden, nachdem Gutti weg ist, ist keine Lichtgestalt mehr in Sicht!"

Zu allem Überfluss muss sich die sozialdemokratische Ponytruppe auch noch auf die Pensionierung ihres Paradegauls Ude einstellen: "Du kannst uns doch nicht verlassen. Du kannst doch nicht den Rest deines Lebens mit der Edith auf Mykonos Katzen kastrieren." Wer aber wird ihm nachfolgen? Landesmutter Bavaria sieht großes Ungemach auf die Münchner SPD zukommen. Wird es bei Udes Abgang so wie seinerzeit bei Karl dem Großen: "Was kam dann? Pippin der Bucklige. Karl der Kahle. Ludwig der Stammler." Freundlicher Beifall, und man sieht: Nach dem Kanzleramt ist auch das Amt des Salvatorredners für die Männer perdu.

Alfons Biedermann, der Autor und Regisseur des Singspiels, lässt zu Beginn die Puppen (vier Mädels im Dirndl) zu folkloristisch angereichertem Techno-Beat tanzen, dann steht Angela Merkel, wie gewohnt fulminant parodiert von Corinna Duhr, auf der Bühne, um die Salvator-Gemeinde vor versteckten Mikrofonen zu warnen. Jeder Lacher werde aufgezeichnet, "damit nicht wieder welche zwei Tage später behaupten können, es sei nicht lustig gewesen" - eine treffliche Anspielung auf das pharisäerhafte Verhalten einiger Politiker nach der umstrittenen Bußpredigt Lerchenbergs im vergangenen Jahr.

Biedermann war ja angetreten, dem Singspiel eine moderne Form zu geben, die auch junge Leute anspricht. Also tummeln sich die Politiker-Doubles nicht mehr in Ritterburgen oder Wüstenoasen, sondern in der bunten Film- und Fernsehwelt. Eine Münchner Variante der Oscar-Verleihung steht an, der "Ude 2011" wird verliehen, beispielsweise in den Kategorien "Bester Volksschauspieler" (den Preis erhält der Wutbürger) oder "Stärkste Ehefrau" (erwartungsgemäß siegt Stephanie zu Guttenberg, verkörpert von Stéphanie Berger).

Durch das Programm führt "unser Superstar" Christian Ude, dargestellt vom Kabarettisten André Hartmann. Im Grunde stellt Hartmann keine schlechte Ude-Parodie auf die Bühne, nur hat er zwei schwere Klötze am Bein. Der eine ist sein Vorgänger Uli Bauer, der als Ude-Darsteller jeden anderen ebenso in den Schatten stellt wie der richtige Ude jeden seiner möglichen Nachfolger. Zweitens muss sich Hartmann mit einem eher pointenarmen Text herumschlagen, der sich im Wesentlichen über die Marotte des Oberbürgermeisters, politisch korrekt zu sprechen ("Bürger und Bürgerinnen", "Geldbeutel und Geldbeutelin"), lustig macht. Leider erliegt Biedermann der Versuchung, den Running Gag zu oft einzusetzen.

Seine stärksten Szenen hat das Singspiel, wenn Stephan Zinner in Gestalt von Markus Söder auftritt. Wunderbar, wie Zinner als Franken-Pavarotti den Gassenhauer "'O sole mio" intoniert, wobei der Text - wie sonst? - "'O Söder mio" lautet. Auch sein Gezanke mit dem gefallenen Engel Guttenberg (Stefan Murr) hat viele witzige Momente, etwa wenn der Freiherr zu Söder sagt: "Ein geistiges Duell - ich duelliere mich doch nicht mit Unbewaffneten."

Zuvor hatte Guttenberg ein "selbstgeschriebenes Lied" zu Gehör gebracht, das, wie sich bald herausstellt, zusammengeklaut ist aus diversen Popsongs. Natürlich kommt der Schwindel auch auf der Bühe auf, aber Guttenberg entschuldigt sich auf die bekannte Tour - und gibt den Song zurück. Zu den Höhepunkten des Singspiels gehört Guttenbergs Duell mit Söder, der die neu gewonnene Augenhöhe zu Guttenberg beschwört. Der Adlige aber lässt den Rivalen arrogant abblitzen. Stefan Murrs Darstellung einer blasierten Adels-Figur kommt gut an beim Nockherberg-Publikum.

Da feixt auch Sozialministerin Christine Haderthauer (Angela Ascher), die später als durchgeknallte Powerfrau einen großen Auftritt hat. Sigmar Gabriel (Oliver Beerhenke), Claudia Roth (Eva-Maria Höfling) und Gesundheitsminister Philipp Rösler (Bernhard Wunderlich) bleiben mangels pointierter Texte hingegen blass.

"Der große Alphahengst, jetzt ein Alphawallach"

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