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Tobias Schweinsteiger beim FC Bayern:Der Zaunkönig

Fussball Regionalliga Bayern TSV 1860 München II FC Bayern München II v li Tobias Schweinstei; Fußball

Emotional Leader: Nach Siegen wie hier gegen 1860 II war Tobias Schweinsteigers Stammplatz bei den Fans.

(Foto: imago/foto2press)
  • Er sprach von den "FC Bayern Amateuren" und der "Hermann-Gerland-Kampfbahn": Für die Fans des FC Bayern ist Tobias Schweinsteiger einer der ihren. Ein spielender Anhänger.
  • An diesem Freitag macht er sein letztes Spiel in seiner Karriere. Vermutlich wird er ins Jugend-Trainerteam des Klubs wechseln.
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Von Benedikt Warmbrunn

Der Mann mit dem Hut stand auf dem Zaun, und es wurde still. Dann brüllte der Mann mit dem Hut, er jubelte, er sang, und Tausende brüllten und jubelten und sangen mit. Weil sie ein Fußballspiel gewonnen hatten, das ihnen mehr war als ein Spiel in der Regionalliga Bayern, ein Spiel, das sie in ihrem Glauben bestärkte. Und der Mann mit dem Hut fühlte und glaubte wie sie.

Tobias Schweinsteiger hatte immer einen feinen Sinn für die Romantik im Fußball, er wusste, dass es in diesem Spiel nicht nur um Tore geht, sondern vor allem um Emotionen. Und wenn der FC Bayern II gegen den TSV 1860 II gewann, dann war das für viele Fans eines der größten Ereignisse des Jahres. Also feierte Schweinsteiger mit Hut und auf dem Zaun.

An diesem Freitag (19 Uhr, Grünwalder Stadion) wird Schweinsteiger zum letzten Mal als Profifußballer einen Rasen betreten, zuvor wird er gemeinsam mit acht Mitspielern, darunter der frühere FCB-II-Kapitän Stefan Buck, verabschiedet werden. Für den Angreifer, der sich nach einer Jugend als Skifahrer erst spät für den Fußball entschieden hatte, wird es das 374. Spiel seiner Profikarriere, einer Karriere mit vielen Höhen und Tiefen. Schweinsteiger, 33, sagt: "Ich habe ein gutes Gefühl, wenn ich zurückdenke."

Bittere Momente in Lübeck und Regensburg

In Lübeck hatte er einen Kreuzbandriss, in Regensburg einen Knorpelschaden. Er hat in Lübeck eine Insolvenz erlebt, damals löste er seinen Vertrag früher auf, um dem Verein Geld zu sparen. In Regensburg war er dabei, als elf Freunde um ihre Zukunft bangten, weil ihnen mitgeteilt wurde, dass ihre Verträge nicht verlängert werden. Es waren bittere Momente, "ich hatte immer wieder Kämpfe und Rückschläge", sagt Schweinsteiger. Als Fußballer, sagt er, habe er aber auch gemerkt, wie wichtig ihm die Heimat ist. Und dort schließlich die schönsten Jahre verbracht.

Als Schweinsteiger in Lübeck und Braunschweig spielte, spürte er, wie sehr er seine Heimat rund um Rosenheim vermisste. Er wäre gerne häufiger dorthin geflogen, doch damals verdiente er nicht genug. Also wechselte er nach Unterhaching und beschloss, nie wieder den Süden zu verlassen. "Die vergangenen sieben, acht Jahre hätte ich auch weiter weg wechseln können, ich hätte mehr Geld verdienen können, hätte in der zweiten Liga spielen können", sagt Schweinsteiger, "aber es ist mir wichtiger, dass ich ein freies Wochenende in der Heimat verbringen kann."

Von Unterhaching ging er nach Regensburg, von dort aus konnte er an einem einzigen freien Tag die 200 Kilometer nach Rosenheim fahren. Beim Jahn feierte Schweinsteiger den größten Erfolg seiner Karriere, als Kapitän und bester Torschütze stieg er 2012 mit dem Team in die zweite Liga auf. Dennoch zog es ihn näher an die Heimat heran, er wechselte in den Verein seines jüngeren Bruders Bastian, allerdings in die U23. "Diese drei Jahre hier waren super", sagt Schweinsteiger nun, "das hat richtig Spaß gemacht."

Als er auf dem Platz weinte

In bisher 71 Spielen für den FCB II erzielte er 27 Tore, aber leicht war es nicht immer. Nach dem ersten halben Jahr wurde er nach Unterhaching ausgeliehen, am Ende der zweiten Saison fehlte dem Team eine halbe Minute zum Aufstieg in die dritte Liga. Dieses Spiel war es, das den Stürmer in eine Identifikationsfigur verwandelte, in einen Mann, auf den die Fans ihre Sehnsüchte projizieren konnten. Schweinsteiger weinte nach dem verpassten Aufstieg auf dem Rasen, sprach vom schlimmsten Moment seiner Karriere - und die Fans liebten ihn dafür. Er war für sie nun der spielende Anhänger, ihr Mann auf dem Rasen. Schweinsteiger feierte Derbysiege wie einen WM-Titel, er spricht weiter von den "FC Bayern Amateuren", das Stadion nennt er "Hermann-Gerland-Kampfbahn", er sagt: "Es freut mich natürlich, wenn ich bei den Fans in guter Erinnerung bleibe."

Schweinsteiger hätte gerne ein weiteres Jahr für den FCB II gespielt, doch der Verein wollte nicht verlängern. "Und für mich stand immer fest, dass ich nicht noch woanders spielen werde." Seit wenigen Monaten besitzt er die B-Lizenz als Trainer, er wird in Zukunft vermutlich im Trainerteam einer FCB-Jugendmannschaft arbeiten. Die Heimat wird ihn nicht mehr verlieren.

© SZ vom 22.05.2015/ebc

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