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SpVgg Unterhaching:Selbstkritik an erster Stelle

Was haben wir bloß falsch gemacht? Präsident Manfred Schwabl grübelt, wie die SpVgg auf einem Abstiegsplatz der 3. Liga landen konnte: „Es könnte ja auch daran liegen, dass wir nicht die richtige Kaderzusammenstellung vorgenommen haben.“

(Foto: Claus Schunk)

Das Präsidium der SpVgg Unterhaching, die durch vier Niederlagen in Serie auf einen Abstiegsplatz gerutscht ist, stellt sich vor Trainer Arie van Lent. Der rüffelt die Spieler.

Von Stefan Galler, Unterhaching

Arie van Lent ist ein freundlicher Mann, meistens locker und humorvoll. Nach der bislang schwächsten Saisonleistung seiner Mannschaft am vergangenen Samstag in Uerdingen (1:3) war dem Trainer des Fußball-Drittligisten SpVgg Unterhaching jedoch nicht nach Scherzen zumute. Stattdessen übte er ziemlich schonungslos Kritik an seinen Spielern. "Wie die kleinen Kinder" seien sie nach dem 0:1-Rückstand aufgetreten, jeder solle sich und seine Darbietung hinterfragen, schließlich sei Selbsterkenntnis der erste Schritt zur Besserung.

Auf weitere wörtliche Zitate wird an dieser Stelle verzichtet - der Niederländer drückte sich in seiner Ansprache nicht ganz druckreif aus. Exakt dieses klare Ansprechen von Defiziten erwartet Manfred Schwabl von seinem Übungsleiter aber, das hatte der Präsident schon bei der Vorstellung des ehemaligen Bundesligaprofis im Sommer betont. Genau das hatte er in den vergangenen Jahren vermisst. Und so nimmt er van Lent und dessen Assistenten Robert Lechleiter und Roman Tyce ausdrücklich in Schutz, obwohl die Mannschaft nach vier Niederlagen in Serie auf einen Abstiegsplatz abgerutscht ist und in Uerdingen erstmals offensiv wie defensiv schwächer war als der Gegner. "Ich habe weiterhin vollstes Vertrauen ins Trainerteam. Haching ist noch jedes Mal aufgestanden und das wird auch diesmal wieder so sein", sagt der Klub-Boss. "Wenn es sportlich nicht klappt, muss man die richtigen Schlüsse ziehen. Es könnte ja auch daran liegen, dass wir nicht die richtige Kaderzusammenstellung vorgenommen haben", sagt Schwabl. Vielleicht hätten er und der frühere Trainer und jetzige Sportliche Leiter Claus Schromm "nicht das richtige Händchen" gehabt. "Denn das Trainerteam muss ja mit dem Personal arbeiten, das wir ihm hingestellt haben."

Dass es nicht viele Alternativen gibt, weil die SpVgg nur über begrenzte finanzielle Mittel verfügt und sich nicht wie andere Drittligisten mit externen Zugängen behelfen will, versteht sich von selbst. Wie auch immer es sportlich weitergehe, man werde den eingeschlagenen Weg nicht verlassen, sagt Schwabl. "Ich bin höchst motiviert, weiterhin auf eigene Jugendspieler zu setzen und die gnadenlose Verjüngung fortzusetzen, ganz unabhängig, in welcher Liga wir spielen. Ich werde nicht einknicken." Selbst dann nicht, wenn es aus der ungeliebten 3. Liga statt hinauf in die zweite wieder hinunter in die Regionalliga gehen sollte? Ziel bleibe so oder so, "achtzig Prozent des Kaders aus dem eigenen Nachwuchs" zu bestücken und lediglich fünf bis sechs erfahrene "Ankerspieler" zu beschäftigen, wie Schwabl sie nennt. Eine Rückholaktion der freigestellten Sascha Bigalke oder Jim-Patrick Müller sei aber kein Thema.

Vor dem Heimspiel gegen Viktoria Köln an diesem Sonntag (14 Uhr) sind van Lent und Schromm mit der Mannschaft in eine tief greifende Videoanalyse eingestiegen. Defizite wurden etwa beim Vordringen ins letzte Offensivdrittel festgestellt: "Wir müssen die Stürmer schneller füttern, den Strafraum mehr besetzen und dort Überzahl schaffen", sagt Schromm. Auch das Mittel Distanzschüsse werde zu selten eingesetzt. "Torchancen erarbeiten und Verantwortung übernehmen, das erwarte ich mir von den Offensivspielern", sagt Schromm. In Routinier Stephan Hain steht schon bald eine Alternative im Angriff zur Verfügung. Der 32-Jährige ist nach seinen hartnäckigen Knieproblemen wieder im Mannschaftstraining, laut van Lent könnte Hains Puste demnächst für Kurzeinsätze reichen. Dagegen fällt Lucas Hufnagel (Hüfte) wohl längerfristig aus.

Seine klaren Worte habe das Team positiv aufgenommen, sagt van Lent. "Ich bin ehrlich und spreche alles offen an. Die Spieler wissen, dass ich für sie zu Fuß nach Hause laufen würde. Ich verzeihe alles, aber es muss vorangehen", sagt der Niederländer, der auf stressige Wochen blickt: In den nächsten vier Wochen stehen acht Spiele an.

Unterdessen kämpft Schwabl darum, dass die dritthöchste Spielklasse endlich jene Anerkennung bekommt, die ihr zustehe. Er ist deshalb der Task Force "Wirtschaftliche Stabilität 3. Liga" beigetreten, in der neben Repräsentanten von DFB und DFL sowie Klubvertretern auch Spieler, Sprecher von Faninitiativen und sogar ein Mitarbeiter des Bundesinnenministeriums sitzen. Bei der virtuellen konstituierenden Sitzung der Arbeitsgruppe am Dienstag fand ein erster Gedankenaustausch statt. "Wir wollen ein Bewusstsein schaffen dafür, dass wir eine sportlich geile Liga haben, die strukturell weniger als null darstellt", sagt Schwabl. "Ich habe lange überlegt, ob ich mich der Task Force anschließen soll, aber ich mache ja auch ständig den Mund auf, wenn es um die dritte Liga geht. Jetzt gilt es anzupacken." Sein Hauptantrieb sei, dass der Jugendfördertopf für die Klubs aufgestockt wird. "Wenn ich mir anschaue, dass in unserer U-21-Nationalelf kaum Stammspieler aus den Profivereinen spielen, dann ist das wirklich nötig."

© SZ vom 21.11.2020

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