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SpVgg Unterhaching:Harmonie im Wahnsinn

Zum Wiederauftakt der dritten Liga setzt sich Unterhaching 2:0 in Großaspach durch. Dabei überzeugen sogar die Reservisten. Als neuer Tabellenzweiter empfängt die Spielvereinigung am Dienstag nun Ingolstadt.

Fußball 3.Liga SG Sonnenhof Großaspach vs. SpVgg Unterhaching Fußball 3.Liga SG Sonnenhof Großaspach vs. SpVgg Unterhac

Wollen sich nicht aufhalten lassen: Hachings Kapitän Dominik Stahl (Mitte) behauptet den Ball, dahinter lauert Stephan Hain.

(Foto: Hansjürgen Britsch/Baumann/imago)

Nach einem 2:0-Sieg, der aus mehreren Gründen im kollektiven Gedächtnis der Hachinger bleiben dürfte, sah auch der sonst so kontrollierte Trainer Claus Schromm am Samstag keinen Grund, seine gute Laune zu kaschieren. Jeder Spieler kam so in den Genuss des seit Corona-Zeiten branchenüblichen "Heinsberger Grußes", einer kurzen Berührung der jeweiligen Ellenbogen.

Dass man beim abgeschlagenen Vorletzten Großaspach ganz gute Chancen auf einen Sieg haben würde, war zwar intern einkalkuliert wurden. Nicht aber, dass gleichzeitig auch Waldhof Mannheim sein Heimspiel gegen Uerdingen verlieren würde und Haching somit an diesem Dienstagabend (20.30 Uhr) bereits als Tabellenzweiter den FC Ingolstadt im Sportpark empfangen würde. Sollte die Saison nun abgebrochen werden, wäre die Spielvereinigung also Zweitligist. Und für den Fall, dass die Spielzeit regulär zu Ende gebracht wird, gilt nach dem überzeugenden Auftritt wohl eine ähnlich günstige Prognose.

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Lippenlesen für Fortgeschrittene: Hachings Chefcoach Claus Schromm, höchstwahrscheinlich gut gelaunt.

(Foto: imago)

Mit dem eher ungewöhnlichen Wunsch "Lassen wir den Wahnsinn mal beginnen" hatte der Aspacher Stadionsprecher den Ball freigegeben, derweil im mutmaßlich einzigen Heimblock der Welt, der kleiner als der gegenüberliegende Gästeblock ist, ebenfalls ein Wunsch formuliert und auf Stoff gebannt worden war: "Zeigt ihnen, dass es möglich ist. Glaubt an euch!" Das taten die Württemberger auch, und neben dem Glauben kam in der ersten halben Stunde auch Können dazu, dann aber setzte sich die höhere Klasse der Hachinger durch. Die brauchten zwar eine Weile, um auf Wettkampftempo zu kommen, waren nach einer halben Stunde aber prima im Spiel und kamen durch die Angreifer Felix Schröter (45.) und Stephan Hain (48.) zu ihren Treffern. Es sei halt auch "die Kernkompetenz von Stürmern" zu treffen, kommentierte Schromm lapidar.

Hains Tor wäre den Zuschauern wohl auch im Gedächtnis geblieben, wenn welche zugelassen gewesen wären. Mit dem Rücken zum Tor nahm er den Ball mit der Brust an, drehte sich einmal um die eigene Achse und zog ab. "Hat der mal Bundesliga gespielt?", feixte ein Kollege auf der Hachinger Bank. Wohlwissend, dass der prominenteste Hachinger tatsächlich dort mal zwei Dutzend Einsätze für Augsburg hinter sich gebracht hat.

Der zweitligaerfahrene Lucas Hufnagel, der beim SC Freiburg immerhin schon mal im Erstliga-Kader stand, hätte eigentlich das dritte Tor erzielen müssen, schoss aber Aspachs Keeper Maximilian Reule an (75.). "Wir haben noch ein paar Dinger am Ende liegen lassen, aber nach der langen Pause wollen wir da nicht groß jammern", sagte Schromm.

Einblicke ins Binnenklima: Jede gelungene Aktion der Elf auf dem Rasen wird aufrichtig beklatscht

Derweil waren die Hachinger Auswechselspieler vom Aspacher Pressesprecher in akribisch vermessenen Abständen auf die Haupttribüne versetzt worden, was den Journalisten wertvolle Einblicke in das offenbar intakte Binnenklima gab. Mit aufrichtiger Freude wurde jede gelungene Aktion der Elf auf dem Rasen beklatscht, kaum ein Fehlpass, der nicht mit einem "Weiter, Junge", kommentiert worden wäre. Es war also ein ebenso netter wie erfolgreicher Betriebsausflug, der die Hachinger bei schönstem Wetter ins idyllisch am Waldesrand gelegene Stadion mit dem nicht sehr alltagstauglichen Namen "Wir-machen-Druck-Arena" geführt hatte. Getrübt wurde er höchstens durch die Tatsache, dass Referee Daniel Schlager die gelben Karten sehr großzügig verteilte, weshalb Max Dombrowka und Jim-Patrick Müller pausieren müssen, wenn ihr Team am Dienstag versucht, Ingolstadt mit einem Sieg auf Distanz zu halten.

Im Gegensatz zu acht anderen Vereinen, die für einen Abbruch plädiert hatten, war Haching bekanntlich für den Re-Start gewesen - aus Überzeugung natürlich, aber vielleicht auch ein klein wenig aufgrund der Tabellensituation. Dass es bei einem Abbruch ein Relegationsspiel gegen den Drittletzten der zweiten Liga gegeben hätte, ist eher unwahrscheinlich. Umso besser scheint nun die Perspektive der Vorstädter zu sein. Womöglich gelingt das, was Präsident Manfred Schwabl den Aufstieg "von der Hölle ins Paradies" nennt, nun deutlich flotter. Zumal sich Waldhof Mannheim, das bis zum Wochenende Platz zwei innehatte, seit Anfang März im Zeitraffer selbst geschwächt hat. So wurden die Spieler in Kurzarbeit geschickt, aus juristischen Gründen durfte Trainer Bernhard Trares ihnen deshalb nicht einmal einen Trainingsplan zur Hand geben. Zudem haben die meisten Spieler nur einen Vertrag bis Ende Juni, auch das dürfte die Loyalität zum Verein nicht gerade erhöhen. Aus Münchner Perspektive dürfte sich das Mitleid allerdings in Grenzen halten. Am Wochenende wurden die Kurpfälzer schließlich gleich von zwei Vereinen überholt. Von 1860. Und natürlich von Haching.

© SZ vom 02.06.2020

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