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SpVgg Unterhaching:Eine Grätsche als Gesamtkunstwerk

Haching dreht nach frühem Rückstand die Partie gegen Wehen und beendet seine sechs Spiele andauernde Negativserie. Entscheidend sind Kapitän Schwabl und der zuletzt nicht berücksichtigte Marseiler.

Von Stefan Galler, Unterhaching

Manchmal kann man Fußballspiele auf eine einzige Szene herunterbrechen. Ein Sonntagsschuss, Fallrückzieher, direkt verwandelter Eckball oder irgendein Tor, das die große Wende bringt. Beim Drittligaspiel zwischen der SpVgg Unterhaching und dem SV Wehen Wiesbaden am Samstag war es: eine Grätsche. Markus Schwabl, Kapitän der Unterhachinger und Sohn des Präsidenten, erkämpfte sich in der 54. Spielminute an der Seitenlinie gegen Michel Niemeyer beinahe artistisch und halb knieend den Ball, seine leicht abgefälschte Flanke fand am zweiten Pfosten Luca Marseiler, der die Kugel mit einem sehenswerten Volleyschuss unter die Latte jagte - die 2:1-Führung für Haching und letztlich der Siegtreffer.

"Wenn er den Ball nicht trifft, geht er womöglich vom Platz, aber er hat die Gier, da ranzukommen und bereitet damit das spielentscheidende Tor vor", sagte Wehens Trainer Rüdiger Rehm später und es klang beinahe ein bisschen bewundernd. In der Tat hatte Schwabl schon die gelbe Karte gesehen, ein weiteres Foul hätte womöglich den Platzverweis und, angesichts schwindender Kräfte inmitten englischer Wochen, sogar eine Niederlage zur Folge gehabt. Und auch SpVgg-Trainer Arie van Lent wusste um die Bedeutung des Zweikampfes: "Daraus hätte auch eine Chance für den Gegner entstehen können. Markus spielt eine sehr gute Saison und kann mittlerweile auch richtig gut flanken." Dass Schwabl die Kapitänsbinde vom neuerlich verletzten Josef Welzmüller (Kreuzbandriss) übernommen hat, sei für ihn "selbstverständlich" gewesen, so van Lent.

Kollektive Erleichterung: Siegtorschütze Luca Marseiler (links) und Dominik Stroh-Engel (Vierter v.li.) nehmen die Glückwünsche der Kollegen entgegen. Marseiler fehlte zuletzt zweimal im Hachinger Aufgebot. „Ich denke, ich habe heute die richtige Reaktion gezeigt“, sagte der 23-Jährige.

(Foto: Claus Schunk)

Schwabl selbst gab das Lob an die Mannschaft weiter: "Heute hatten wir elf Mann auf dem Platz, die alle hundert Prozent ihres Leistungsniveaus erreicht haben, das war in den Vorwochen öfter mal nicht so", sagte der Kapitän und erinnerte an den missglückten Start in die Partie: "Nach so schweren Wochen wieder so früh in Rückstand zu geraten und dann so eine Moral zu beweisen: Das zeigt, was für eine geile Mannschaft wir haben."

Nach sechs sieglosen Spielen in Serie und dem schwachen Auftritt zuletzt beim 0:2 in Dresden am Mittwoch dauerte es auch gegen Wehen keine zwei Minuten, da lagen die Rot-Blauen schon wieder hinten: Ein missglückter Befreiungsschlag von Torwart Nico Mantl landete bei Tobias Schwede, der direkt Maurice Malone bediente. Der 18-Jährige Felix Göttlicher, als Ersatz für Christoph Greger erstmals in einem Pflichtspiel aufgeboten, sah nicht gut aus und Mantl hatte keine Abwehrchance - 0:1. "Greger wirkte zuletzt ein bisschen müde und hat es nicht optimal gemacht. Und Felix war ja 87 Minuten lang richtig gut. Aber beim 0:1 habe ich mir gedacht: ,Oh mein Gott, das ist bitterböse'", sagte van Lent.

Der Rückstand rüttelte die Unterhachinger wach, sie drängten auf den Ausgleich und waren damit schon in der 21. Minute erfolgreich: Auch hier war Schwabl der Vorbereiter, Dominik Stroh-Engel, der am Freitag seinen 35. Geburtstag gefeiert hatte, hielt in der Mitte nur den Fuß hin. Die Situation hatte Marseiler, der spätere Siegtorschütze, mit einem beherzten Dribbling eingeleitet. Zuletzt hatte van Lent zweimal auf ihn verzichtet, was offenbar mit dem Engagement des 23-Jährigen im Training zusammenhing. "Er kann Spiele mitentscheiden, und ich freue mich, dass er das heute gemacht hat", sagte der Coach. "Ich nehme ihn ungern raus, aber manchmal ist es einfach so. Heute hat man gemerkt, dass wir alle froh sind, wenn er dabei ist. Die Pause hat ihm gut getan." Marseiler selbst konnte kaum verbergen, dass sein starker Auftritt eine gewisse Genugtuung für ihn darstellte. "Zwei Spiele nicht dabei zu sein, hat schon wehgetan. Ich denke, ich habe heute die richtige Reaktion gezeigt", sagte er bei Magentasport.

"Beim 0:1 habe ich mir gedacht: ,Oh mein Gott, das ist bitterböse‘“: SpVgg-Trainer Arie van Lent sah danach aber eine kämpferische Hachinger Elf.

(Foto: Claus Schunk)

Dass es in der Schlussphase noch einmal eng wurde, mussten sich die Hachinger selbst zuschreiben, sie hatten die Partie nach dem 0:1 vollständig dominiert, es aber wieder einmal verpasst, sich frühzeitig aller Sorgen zu entledigen. Noch vor dem 2:1 hatte Marseiler den Pfosten getroffen, den Abpraller stolperte der freistehende Niclas Anspach aus kurzer Distanz neben das Tor (47.), später traf er nach Vorlage von Niclas Stierlin Aluminium (64.), in der Schlussphase brachte abermals Anspach die Kugel im Eins-gegen-eins nicht an Wehens Torwart Tim Boss vorbei (83.).

Und so wurde es tatsächlich noch einmal eng, doch dann warf sich Robert Müller in seinem 324. Drittligaspiel (womit er Rang drei in der ewigen Rangliste übernahm) in die Flugbahn eines Schusses von Michael Guthörl (79.), in der Nachspielzeit blockten mehrere SpVgg-Verteidiger in Teamarbeit einen Versuch von Benedict Hollerbach. Dann war's geschafft. "Am Ende auch verdient", wie van Lent völlig zu Recht bemerkte.

© SZ vom 30.11.2020
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