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Skateboard:Die Vorreiterin

Deutsche Meisterin in der Kategorie "Street": Lea Schairer.

(Foto: Nico Kasterke/OH)

Als Lea Schairer beginnt, gibt es kaum Frauen in der Szene. Heute ist sie ein Vorbild für andere und Kandidatin für Tokio 2020. Vergleiche mit Männern findet sie unangebracht.

Als Lea Schairer im März für das SZ-Magazin in ein blaues Gucci-Fransenkleid schlüpfte, um sich damit für eine Modestrecke auf ihrem Skateboard ablichten zu lassen, wusste sie zwei Dinge noch nicht. Sie wusste nicht, dass sie im September zum zweiten Mal die deutsche Skateboard-Meisterschaft gewinnen würde. Und sie wusste nicht, dass sie sich wenige Tage später verletzen würde. Was sie wusste, war, dass Skateboarden von 2020 an olympisch wird. Und sie, wie sie hofft, am besten gleich mit.

Trotzdem war das kein lang gehegter Traum, denn als Schairer um die Jahrtausendwende damit anfängt, sich auf einem Brett mit Rollen fortzubewegen, sieht die Welt noch anders aus. Und auch die Skater sehen die Welt noch anders. Sie betreiben keinen Sport, sie kultivieren einen Lifestyle - und der schließt weder Olympia ein noch Frauen. Zumindest nicht als ernst zu nehmenden Teil des Skateboardens. Als Schairers Brüder (die ihr auch ihr erstes Board schenken) mit dem Skaten anfangen, haben sie Helden mit bekannten Namen und eigenen Franchises wie Szene-Guru Tony Hawk. Als Schairer sich in ihrer Heimat nach anderen Fahrerinnen umsieht, ist da eigentlich nur ihre Cousine.

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"Irgendwann hab ich das eher als Alleinstellungsmerkmal gesehen, aber ich hab mich halt immer an dem gemessen, was um mich rum passiert ist, und das waren halt immer Jungs", erzählt Lea Schairer. Es gibt zwar ein paar bekannte Gesichter wie Steffi Weiß oder die internationale Pionierin Elissa Steamer, aber ansonsten sind Frauen auf Skateboards eher die Ausnahme. Ähnlich wie große Parks, ob Street oder Transition (also Plätze oder Hallen mit Halfpipes, Rampen und Bowls) in Deutschland. Daher fängt Schairer ganz klassisch auf der Straße an - und bleibt dabei. Statt in der Kategorie "Park" feiert sie ihre Erfolge im "Street"-Bereich. Mit artistischen Tricks an Rails (Geländern) und anderen Hindernissen gewinnt sie nationale und internationale Contests. Über echte Handläufe gleitet die 30-Jährige, die nach dem Abitur zum Studium von Heidelberg nach München kam, heute nur noch selten: "Es ist einfacher, den Park zu gehen. Mein Erfolgserlebnis ist aber immer noch höher auf der Straße. Allerdings ist da heute zu 80 Prozent eine Kamera dabei."

Tatsächlich spielen Youtube und soziale Medien eine große Rolle beim Aufstieg des Skateboardens in den vergangenen Jahren. Die Sportart, die inzwischen auch als solche gilt, hat sich von einer subkulturellen Bewegung zu einem popkulturellen Trendsport entwickelt. Mit Vor- und Nachteilen. "Dass es jetzt Instagram und so was gibt, hat gerade für das Frauenskateboarding wahnsinnig viel gebracht. Weil man gesehen hat: 'Die macht den Trick, könnte ich auch mal probieren'. Oder: ,Die ist auf dem Level und bekommt das, das möchte ich auch'. Zu sehen, welche Möglichkeiten es gibt, sich selbst einordnen zu können: Dadurch gibt es generell mehr Frauen, die skaten , und auch mehr Frauen, die Sponsoring-Verträge bekommen."

Frauen kreieren heute ihren eigenen Skate-Stil

Gleichzeitig wird das Skateboarden immer kommerzialisierter, auch deswegen darf sich die Sportart einer Teilnahme an den Spielen in Tokio und Paris erfreuen. Auch deswegen gibt es inzwischen Rider, die mit Trainer und Physio anreisen. Und auch deswegen gibt es einige Skater, die der Meinung sind, dass Skaten in Zukunft Reiz und Einfluss verlieren könnte. "Skaten wird definitiv oft ausgenutzt, um ein jüngeres Publikum anzusprechen, und ja, vielleicht entwickelt sich die Szene - ähnlich wie beim Snowboarden - in zwei Lager. Einerseits die reinen Contestfahrer und andererseits die absoluten Streetskater, die gegen diesen Trend arbeiten wollen", sagt Schairer. Trotzdem werde Skaten nie seinen subkulturellen Touch verlieren, glaubt sie, nie das Alternative, nie den Bezug zur Straße. Sie selbst möchte gerne zu Olympia, dafür ist sie sogar in einen Verein eingetreten. Aber sie weiß auch, wie schwer das wird. Schon vor ihrer Verletzung war ihr klar, dass der Kampf um die wenigen Startplätze in Tokio sehr scharf wird.

Nun muss sie voraussichtlich aufgrund einer verschleppten Knieverletzung einige Monate pausieren und wird dadurch einige punktebringende Wettkämpfe verpassen. Glücklicherweise ist es kein lang gehegter Traum, zu Olympia zu fahren, viel mehr wünscht sich Schairer, dass die positive Entwicklung im Frauenskateboarding anhält. Und die Vergleiche mit den Männern aufhören: "Letztens hat ein Mann mir etwas gesagt, das er wahrscheinlich als Kompliment gemeint hat, ich aber als krasse Beleidigung verstanden habe." Er sagte: "Es ist richtig geil, dir zuzusehen, weil du fährst wie ein Typ." Schairer sagt: "So etwas will ich nicht hören. Viel lieber hätte ich gehört: Es ist richtig geil, dir zuzusehen, weil du so schön Skateboard fährst. Punkt." Die Zeichen dafür stehen gut. Frauen kreieren heute ihren eigenen Stil statt den Männern nachzueifern. Vielleicht haben sie Lea Schairer als Vorbild.

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