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Schach:Unter Zugzwang

"Mir fehlen zurzeit die Ressourcen": Münchens Großmeister Stefan Bromberger ist bislang sieglos.

(Foto: Claus Schunk)

Münchens zweiter Bundesligaklub verzichtet auf Profis und ist vom Abstieg bedroht. Mehr noch: Er muss schnell eine neue Bleibe finden.

Das war ganz anders geplant gewesen. Von der Reise zur Doppelrunde nach Hockenheim hatte sich die Bundesligamannschaft der Münchner Schachakademie (MSA) Zugzwang Punkte in der laufenden Meisterschaft versprochen. Doch daraus wurde nichts, die Münchner stecken weiter auf dem vorletzten Platz der Tabelle fest. Besonders gegen den SV Hofheim hatten sie sich ein spannendes Duell erhofft. Am Ende verlor die Achter-Formation der MSA Zugzwang jedoch deutlich mit 2,5:5,5 Punkten. Lediglich Robert Zysk konnte an Brett vier einen Erfolg landen.

"Das lief gegen Hofheim von Anfang nicht gut", sagt Stefan Bromberger, der dort an Brett zwei spielte. "Der Gegner war klar besser, da geht auch das Ergebnis in Ordnung." Auch Bromberger war gegen seinen jungen deutschen Großmeister-Kontrahenten Jan-Christian Schröder chancenlos. Bereits am Tag zuvor hatte er gegen den kroatischen Schachprofi Ivan Savic den Kürzeren gezogen, als die Münchner das erste Mannschaftsduell gegen den SV Hockenheim mit 2:6 verloren und bei vier Niederlagen nur zu vier Remispartien kamen. Überhaupt ist der Saisonstart für die MSA Zugzwang und den Großmeister Bromberger ziemlich daneben gegangen. Sechsmal saß Bromberger bisher am Schachbrett für die Münchner, bisher sprang kein Sieg heraus. Fünf Niederlagen und ein Remis sind eine schlechte Bilanz. Dabei ist Bromberger, nominiert an Brett drei, einer von vier Großmeistern im Team, von denen Punkte gegen den Abstieg erwartet werden. An Brett eins spielt Leon Mons, an zwei Stefan Kindermann und an vier Gerald Hertneck.

Volkswirt Bromberger ist beruflich so eingespannt, dass ihm wenig Zeit bleibt zu trainieren, also am Schachcomputer Spielvarianten zu testen und sich auf Gegner vorzubereiten. "Mir fehlen zurzeit einfach die Ressourcen", bedauert der 35-jährige Wolfratshauser. "Das zeigt sich an meinen persönlichen Ergebnissen."

Zehn Aufstiege in 35 Jahren: 2016 kommt der Klub mit seinen Amateuren in der ersten Liga an

Bromberger spielt Schach von Kindesbeinen an. Seine Karriere ging steil aufwärts bis zum Internationalen Meister (IM), einer Stufe unter dem Großmeister. In der internationalen Großmeisterriege des TV Tegernsee spielte er als IM mehrere Jahre in der Bundesliga erfolgreich mit. Schon mit 23 Jahren hatte er sich dem Großmeistertitel genähert, als er in der Elo-Wertung, einer weltweiten Punktewertung für alle Schachspieler, die erste Großmeisternorm von 2500 Punkten übersprang. Schwieriger für Bromberger wurde die zweite Norm, nämlich bei internationalen Turnieren gegen Großmeister zu gewinnen. Das zog sich doch neun Jahre hin, bis er vom Internationalen Schachverband (Fide) 2014 den Großmeistertitel verliehen bekam. In der Zwischenzeit wechselte er vom TV Tegernsee zum FC Bayern München und 2011 zur MSA Zugzwang.

Der Münchner Schachklub Zugzwang wurde 1982 gegründet. Den großen Aufschwung brachte die im Jahr 2009 begründete Zusammenarbeit mit der Münchner Schachakademie (MSA). Durch den Zusammenschluss zur MSA Zugzwang verstärkten die Großmeister Kindermann und Hertneck die erste Mannschaft. Es folgte der Marsch durch die Ligen, 2016 erreichte der Klub die erste Bundesliga. "Wir sind in 35 Jahren zehn Mal aufgestiegen", erzählt Vereinschef Herbert Gstalter, der Zugzwang damals gegründet hatte. Der 120-Mitglieder-Verein hat sechs Mannschaften im Spielbetrieb und legt großen Wert auf die Kinder- und Jugendarbeit. 30 Kinder ab sechs Jahren kommen regelmäßig zum Training. Natürlich ist das Bundesligateam das Aushängeschild. "Wir sind die Underdogs in der Liga und spielen dort mit Amateuren", sagt Gstalter. "Es ist verwunderlich, dass wir uns dort in der vergangenen Saison gehalten haben." Setzten doch fast alle Gegner eigens für die Spiele eingekaufte ausländische Profis ein. Von 2000 bis 3000 Euro Antrittsgage ist da pro Partie die Rede. Serienmeister OSG Baden-Baden und andere Spitzenklubs spielen fast nur mit ausländischen Großmeistern.

Gstalter findet: "Das ist eine Katastrophe für den deutschen Nachwuchs." Können die Spitzenteams auf einen Etat von etwa 300 000 Euro zurückgreifen, hat er für seine Bundesligaformation nur 25 000 Euro zur Verfügung, die zum Großteil von einem schachbegeisterten Immobilienunternehmer stammen. Das Geld wird für Reise- und Übernachtungskosten zu den Auswärtsspielen ausgegeben. 5000 Euro muss die MSA Zugzwang für ein Heimspiel investieren, zu dem jeder Verein verpflichtet ist. "Neben Raummiete und Catering geht ein Großteil des Geldes für die Liveübertragung der Spiele im Internet drauf", berichtet Gstalter. "Dazu brauchten wir spezielle Bretter, die alle verkabelt werden."

Herbert Gstalter hofft natürlich, dass das Bundesligateam bei vier Absteigern sportlich wieder überlebt. Oder es geht erneut ein Klub insolvent, dann wäre der Klassenerhalt auch so möglich. Doch treibt den Vereinsvorsitzenden ein anderes Problem um. "Wir verlieren demnächst unser Spiellokal im Münchner Westend", so Gstalter. "Wir machen dem Wirt zu wenig Umsatz." Dem Verein verbleibt noch eine Gnadenfrist von zwei, drei Monaten. Die Suche nach einer neuen Spielstätte war bisher erfolglos, deshalb würde sich Gstalter über ein Angebot eines neuen Spiellokals zu annehmbaren Bedingungen in München freuen.

© SZ vom 14.12.2017
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