Süddeutsche Zeitung

Historie:Ein 2:0 für die Ewigkeit

Am 20. Mai 2000 entschied Unterhaching die Meisterschaft - und machte Leverkusen zu Vizekusen. Trainer Köstner erinnert sich.

Butterweiche Flanke von Jochen Seitz, der Ball rutscht Markus Oberleitner über die Stirn, prallt an den rechten Innenpfosten und dann ins Leverkusener Tor - um kurz vor fünf an jenem 20. Mai 2000 hatte die Fußball-Bundesliga ein weiteres jener legendären Kapitel geschrieben, die aus der Erinnerung der Fans nicht zu löschen sind. Es war das 2:0 für die SpVgg Unterhaching, und dieser Treffer besiegelte eine traumatische Niederlage für Bayer Leverkusen - von da an: Vizekusen - und dessen Coach Christoph Daum. Weil 14 Kilometer entfernt der FC Bayern 3:1 gegen Bremen gewann, wurde das Werksteam am letzten Spieltag noch vom Thron gestoßen. Die Münchner kippten einander Weißbier über die Köpfe und Ottmar Hitzfeld raunte ergriffen ins Mikrofon des Bezahlsenders: "Unterhaching hat Geschichte geschrieben."

Die Hachinger beendeten die Saison damals auf Rang zehn der Bundesligatabelle, ließen Vereine wie Borussia Dortmund, Schalke oder Frankfurt hinter sich. Der Vater dieses Erfolges war zweifellos Lorenz-Günther Köstner. Der Trainer aus dem oberfränkischen Wallenfels hatte den Vorortklub von 1994 an nach oben geführt, unterbrochen nur von einem neunmonatigen Intermezzo beim 1. FC Köln. Doch im Sommer 1998 war er aus dem Rheinland zurückgekehrt, schaffte mit Haching im Frühjahr 1999 den Sprung ins Oberhaus. Und nun, ein weiteres Jahr später, sollte der Außenseiter das Zünglein an der Waage im Kampf um die Meisterschaft sein.

Köstner lebt heute in Winnenden, 20 Kilometer nordöstlich von Stuttgart. Der 68-Jährige erinnert sich an jedes Detail von damals. So habe Daum ihn eine Woche vor dem Showdown angerufen, um abzuklopfen, wie die Stimmung im Hachinger Lager sei. "Ich habe ihm gesagt, dass ihm ja ein Unentschieden reichen würde. Aber wie ich ihn kannte, wollte er richtig triumphieren und das vor den Toren Münchens auch auskosten nach all dem Streit, den er in der Vergangenheit mit den Bayern gehabt hatte", sagt Köstner. Ihm sei es vor allem darum gegangen, "die Saison vernünftig zu Ende zu spielen", nachdem man am 32. Spieltag mit einem 1:0 gegen Bremen die Klasse gesichert hatte und beim letzten Auswärtsspiel der Saison gegen den HSV 0:3 untergegangen war. Das sei eher wie ein Ausflug abgelaufen, so Köstner: "Wir hatten sogar unsere Frauen dabei."

Das alles passte dem knorrigen Coach nicht recht in den Kram. Als er dann noch am Mittwoch vor dem Spiel mitbekam, dass Leverkusens Manager Reiner Calmund und Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser im Sportpark weilten, um die Übergabe der Meisterschale für den Samstag durchzuplanen, wusste er, was zu tun war: "Ich bin direkt zu den Jungs in die Kabine und habe ihnen davon erzählt." Spätestens jetzt waren die Spieler heiß auf ihre Rolle als Spielverderber.

Die Nacht vor dem Match verbrachten die Unterhachinger dann wie immer im Hotel Huber im Ort. Dort traf Köstner beim Frühstück auf einige rheinische Edel-Fans, die ihn ein bisschen aufzogen und von der Qualität der heimischen Wurstproduktion überzeugen wollten. Köstner konterte, er komme aus Oberfranken, da gebe es sowieso die beste Wurst, und deutete aus dem Fenster: "Oh, heute ist Kaiserwetter. Wenn das mal kein Omen ist." Als hätte er geahnt, dass Franz Beckenbauer später noch Grund haben würde, sich zu freuen.

Die Atmosphäre an diesem Samstag im Sportpark war speziell, auch zahlreiche Bayern-Fans hatten sich eingefunden, weil das Heimspiel ihrer eigentlichen Lieblinge seit Wochen ausverkauft war. Auf dem Trainingsplatz hinter der Haupttribüne war eigens ein VIP-Zelt aufgebaut, Sponsor Erich Lejeune hatte eine Videoleinwand aufhängen lassen - für die Zwischenstände aus dem Olympiastadion.

Köstner hielt seine Ansprache unmittelbar vor dem Spiel knapp. "Ich wusste, Leverkusen war die spielerisch stärkste Mannschaft der Saison, sie hatten 14 Spiele in Folge nicht verloren. Aber ich wusste auch: Wir waren konditionell und von der Disziplin her die Stärksten, hatten in Oberleitner, Grassow, Torwart Tremmel und Kapitän Zimmermann vier Ex-Bayern im Team." Als unmittelbar vor Anpfiff Motivationsguru Lejeune in die Kabine wollte, schickte Köstner ihn weg - kein Bedarf.

Das Spiel lief dann so, wie man es sich als Außenseiter besser kaum vorstellen kann: Im Sportpark wurden frühe Tore der Bayern gegen Bremen gemeldet, während sich Leverkusen in Person von Michael Ballack per Eigentor das 0:1 einschenkte. Weil Haching souverän den eigenen Strafraum verteidigte und Tremmel einen überragenden Tag erwischte, schwand beim Gegner mehr und mehr Selbstvertrauen. "Sie verkrampften und haben sich sogar gegenseitig angemeckert", erzählt Köstner, der in der Pause kaum mit seiner Elf reden konnte, weil das Donnerwetter in der Nachbarkabine so laut gewesen sei.

Der Rest ist bekannt: Oberleitners Kopfballwischer, Schlusspfiff und Leverkusen im Tal der Tränen. Während Daum seinem Sohn Marcel in die Arme fiel, musste Köstner später den Jungen trösten, schließlich sind beide Familien befreundet, seit Köstner von 1990 bis 1993 Daums Assistent beim VfB Stuttgart gewesen ist.

Das Verhältnis zwischen beiden kühlte in den Folgemonaten ab; dennoch hätten sie später beinahe noch einmal zusammengearbeitet, als Daum nach seiner Kokain-Affäre 2002 bei Austria Wien unterschrieb und Köstner als Co-Trainer wollte. Letzterer hatte aber gerade beim Karlsruher SC als Chefcoach zugesagt.

Doch zurück zum 20. Mai 2000, der mit einer rauschenden Meisterfeier der Bayern in der "Alten Gärtnerei" in Taufkirchen zu Ende ging. Hasan Salihamidzic, heute Sportdirektor, damals Profi, hatte die Hachinger dorthin eingeladen. Und die waren gekommen, womit man Trainer Köstner im ZDF-Sportstudio konfrontierte. "Das war mir unangenehm vor den Leverkusenern, Sportdirektor Völler hat auch stocksauer reagiert", sagt Köstner.

In Taufkirchen war das selbstverständlich kein Thema, dort wurde bis zum Morgengrauen gefeiert. An die Party kann sich vermutlich nicht mehr jeder erinnern, das Saisonfinale vor 20 Jahren aber dürfte keiner der Beteiligten je vergessen.

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Quelle:
SZ vom 20.05.2020
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