bedeckt München 22°
vgwortpixel

Gröbenzell:Riskante Taktik

„Wir haben uns in dieses Spiel gekämpft“: In der zweiten Halbzeit sah Dachaus Trainer Weidinger von diesem Kampf aber nicht viel.

(Foto: Toni Heigl)

Die Handballerinnen schlagen im Drittliga-Derby Dachau - und Trainer Hendrik Pleines seinen Nachfolger Stefan Weidinger.

Stefan Weidinger machte nicht lange herum, es ging ja gegen seinen künftigen Verein. Gleich zu Spielbeginn zog er sein Ass - das vermutlich einzige, das er und der ASV Dachau im Drittliga-Derby gegen den HCD Gröbenzell hatten. Weidinger suchte nach Kreativität für den Angriff, also wählte er eine riskante Taktik, die die meisten Handballtrainer erst spät im Spiel anwenden: Weidinger stellte bei eigenem Ballbesitz eine siebte Feldspielerin statt einer Torhüterin auf. Es war ein mutiger Schritt, denn bei Ballverlusten steht eben auch niemand mehr im Tor, der Bälle abwehren kann. Aber Weidinger wollte etwas probieren - und er wusste: "Unser Sieben gegen Sechs hat in dieser Saison bisher sehr gut geklappt."

Das Problem: Weidinger kann den HCD-Trainer Hendrik Pleines nur schwer überraschen. Pleines ist in Gröbenzell ja gerade wieder als Trainer eingesprungen. Bis zum Saisonende trainiert er die Mannschaft, neben seiner gewohnten Rolle als Sportlicher Leiter. Am Freitag wurde bekannt, dass Pleines als seinen Nachfolger ausgerechnet Weidinger verpflichtet hat, sein Gegenüber vom Sonntag. Dass Pleines den Trainer Stefan Weidinger schätzt, ist also keine gewagte These. Pleines wusste, worauf er sich einzustellen hatte. Natürlich auch auf die Variante mit sieben Dachauer Feldspielerinnen. "Wir haben uns die ganze Woche darauf vorbereitet", sagte Pleines nach dem deutlichen 28:18-Sieg seines HCD: "Sie wählen gegen eine gute 6:0-Deckung häufig dieses Mittel."

Sie müssen es auch wählen, denn anders bekommt Dachau oft gar keine Torchancen. Vor allem deshalb hat der ASV seit elf Spielen nicht mehr gewonnen und ist abgeschlagen Letzter. Und jetzt fällt auch noch Cornelia Karg mit einem Kreuzbandriss aus. Weidinger hatte gegen Gröbenzell damit nur vier fitte Rückraumspielerinnen im Kader. Dachau hielt trotzdem zunächst ganz gut mit. Ungefähr 15 Minuten lang funktionierte die Offensive mit sieben statt sechs Angreiferinnen. Nach zwei Gegentreffern ins leere Tor kehrte Weidinger aber zur normalen Formation zurück. Kurz darauf hatte sich der HCD erstmals einen Vier-Tore-Vorsprung erspielt (10:6). Doch dann kamen die Ballverluste.

"Natürlich lassen sich die Mädels davon anstecken, dass hier Abstiegskampf ist", sagte Pleines hinterher. Er wollte das nicht als Entschuldigung für die vielen Fehler verstanden wissen, aber schon als Erklärung. Hätte die HCD-Torhüterin Theresa Bauer nicht immer wieder gut gehalten, Dachau hätte bis zur Halbzeit vielleicht sogar geführt. So kam der ASV immerhin bis auf einen Treffer heran (11:12). "Ich finde, wir haben uns in dieses Spiel gekämpft und endlich mal wieder eine hervorragende Deckungsarbeit abgeliefert", sagte Weidinger, "zumindest in einer Halbzeit". Nach der Pause hielt Weidingers Mannschaft allerdings nur noch kurz mit.

Es bleibt die Frage: Wie will der ASV die nötigen Punkte für den Klassenerhalt sammeln?

Nach 40 Minuten, das Spiel war mit 14:15 noch ausgeglichen, sah Weidinger das Spiel langsam verloren gehen. Viele Zuschauer wunderten sich, dass der ASV-Trainer bereits jetzt die zweite Auszeit nahm, obwohl Gröbenzell nur knapp vorne lag. Aber wer genau hinschaute, konnte die Dachauer Offensivprobleme schon erkennen. "Wir haben gemerkt, dass uns vorne die Power fehlt", erklärte Weidinger: "Wir haben früh unsere Auszeiten genommen, um dem entgegenzuwirken." Es half nichts, am Ende reichten dem HCD 15 sehr gute Minuten, um auf zehn Tore davonzuziehen. Sogar die Torhüterin Theresa Bauer traf einmal (nun wieder ins leere Tor), beste Schützin war Jana Epple, die als Spielmacherin immer wieder torgefährlich wurde.

Eine Glanzleistung des HCD war es nicht, was Hendrik Pleines nach dem Spiel aber egal war. Vielmehr konnte er aus dem erkämpften Sieg viel Positives mitnehmen: "Dass wir in der Lage sind, miteinander zu fighten und an uns zu glauben. Selbst dann, wenn es richtig scheiße läuft - und es lief heute teilweise richtig scheiße." Gröbenzell hat als Siebter trotzdem weiterhin kaum Vorsprung auf die Abstiegsplätze: Der TV Möglingen, der nächste Gegner, hat als Zehnter auf dem ersten von drei Abstiegsplätzen nur drei Punkte Rückstand.

Und für Dachau wird es langsam richtig eng. Es bleibt die Frage: Wie will der ASV die nötigen Punkte für den Klassenerhalt sammeln? "Wir haben heute eigentlich alles offenbart, was wir machen können", sagte auch Weidinger. Immerhin soll zumindest eine der verletzten Rückraumspielerinnen, Alina Watzlowik, bald zurückkehren. Ende Februar gegen Pforzheim wird sie aber wahrscheinlich noch fehlen. Weidinger muss sich also wieder etwas einfallen lassen.

© SZ vom 18.02.2020
Zur SZ-Startseite