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Fußball:Was vom Meister übrig blieb

Trainer-Rückkehrer Holger Seitz stellt den stark veränderten Kader des FC Bayern II auf eine harte Saison ein. Das Testduell bei der SpVgg Unterhaching endet nach einem frühen Führungstreffer 1:1.

Von Christoph Leischwitz, Unterhaching

Ein paar besonders interessierte Zuschauer waren am Freitagabend tatsächlich zugelassen worden im Hachinger Sportpark. Es handelte sich um eine oberbayerische Trainerdelegation, die dem Test der Spielvereinigung gegen die U23 des FC Bayern beiwohnen durfte, samt fachmännischer Analysen der Trainer Arie van Lent und Holger Seitz nach der Partie. Wegen des vorgeschriebenen Abstands mussten die Trainer noch einmal laut werden, um Fragen wie "Was hamm'S denn da in der zweiten Halbzeit genau umg'stellt?" ausführlich zu beantworten.

Das Spiel endete mit einem leistungsgerechten 1:1, die Tore lagen 90 Minuten auseinander: Für die Bayern traf in der zweiten Spielminute Maximilian Zaiser mit einem Schuss aus knapp 40 Metern, Hachings Torwart Nico Mantl hatte zuvor den Ball am Strafraumrand verloren; erst in der Nachspielzeit gelang den Gastgebern der Ausgleich, als der eingewechselte Zugang Patrick Hasenhüttl den Routinier Dominik Stroh-Engel bediente (90.+2). Hachings Trainer van Lent meinte danach, seine Mannschaft müsse bis zum Saisonbeginn am kommenden Wochenende (Unterhaching startet in Zwickau) noch daran arbeiten, den "Respekt vor dem Gegner" abzulegen, manchmal habe sie ja fast schon Angst, den Ball zu bekommen. Während Seitz im Prinzip nicht viel zu beanstanden hatte, auch nach einem starken Leistungsabfall in der zweiten Halbzeit wegen schwerer Beine: "Da war erkennbar, dass wir im Trainingslager viel gemacht haben, da hat dann ein bisschen die Substanz gefehlt."

Das Trainingslager im Stubaital darf man sich wohl ein bisschen wie einen Crashkurs vorstellen. Nicht nur, weil die jungen Bayern in der vergangenen Woche zweimal täglich auf dem Platz standen; es gab und gibt auch viele Inhalte aufzuarbeiten, weil die Zeit knapp war. "Es war eine sehr komprimierte Vorbereitung", sagte Trainer-Rückkehrer Seitz, der erst vor gut zwei Wochen wieder übernommen hat. Die Weiterentwicklung der Spieler werde zum Saisonstart (die Bayern treffen auf Türkgücü) noch nicht abgeschlossen sein.

Für Seitz, 45, ist es eine besondere Situation. Bei seinem letzten Pflichtspiel mit dieser Mannschaft, gegen den VfL Wolfsburg II, stieg das Team viel umjubelt in die dritte Liga auf. Dort wurde sie in der Zwischenzeit Meister. Das erhöht freilich die Erwartungen an die nächste Spielzeit. Dass aufgrund des großen Erfolges aber wichtige Spieler und auch Trainer Sebastian Hoeneß "höhere Aufgaben" übernommen haben (Seitz), drückt diese Erwartungen. "Die Mannschaft hat mit der von voriger Saison nichts mehr zu tun", sagt Seitz. Natürlich sind noch einige Akteure da, allen voran die Ü-23-Spieler Nicolas Feldhahn, Maximilian Welzmüller und Timo Kern, deren Führungsqualitäten vor allem an den ersten Spieltagen gefragt sein werden. Doch die Hierarchie muss sich erst finden nach den Weggängen von Kwasi Wriedt und Derrick Köhn, Oliver Batista Meier (alle in die niederländische erste Liga), Lars Lukas Mai (Darmstadt), Christian Früchtl und Sarpreet Singh (beide Nürnberg), die nun allesamt höherklassig spielen. "Genau so hat das bei einer U23 zu laufen. Das ist der Job", findet Seitz. Aber nun ist es eben er, der beim Meister einen Neuanfang dirigieren muss.

Erschwerend kommt hinzu, dass der künftig für die U23 vorgesehene Angreifer Jann-Fiete Arp noch angeschlagen ist, ebenso Leon Dajaku. Dass in diesem Jahr dritte und erste Liga gleichzeitig starten, macht es für die Münchner ebenfalls nicht leichter. Denn statt Spielpraxis zu sammeln, standen zumindest schon mal bei der Generalprobe in Haching Jungspieler wie Chris Richards oder Jamal Musiala im Trainingsaufgebot der Profis. Und so wäre es nicht überraschend, wenn sich die U23 auch noch mal extern verstärkt. Dem Vernehmen nach werden noch ein Linksverteidiger und ein Angreifer gesucht.

Es geht für den Meister allein um den Ligaverbleib. "Das wird eine Saison, die uns alles abverlangen wird", warnt Seitz, auch mit Blick darauf, dass es eine stark verkürzte Winterpause geben wird und keine Pausen wegen Länderspielen, weshalb Junioren-Nationalspieler oft fehlen werden. Mit anderen Worten: Seine Mannschaft wird in den nächsten Monaten sehr viel lernen.

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SZ vom 14.09.2020
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