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Eishockey:Regisseur ohne Neurosen

Mark Voakes (EHC Red Bull Muenchen) und Gustav Rydahl (Faerjestad BK Karlstad) im CHL-Gruppenspiel EHC Red Bull Muenchen; Eishockey

„Ich liebe es, Tore aufzulegen. Das ist kein Geheimnis“: Zuletzt glänzte der kanadische Mittelstürmer Mark Voakes selbst als Torschütze. Gegen Bremerhaven gelang ihm der Siegtreffer, in der CHL gegen Karlstad das 1:0.

(Foto: Eibner/Imago)

Mark Voakes führt den EHC München zum vorzeitigen Gruppensieg in der Champions League. Neuerdings schießt er sogar Tore.

Es gibt in der jüngeren Vergangenheit wohl kaum einen Profisportler, der öfter mit dem Begriff "Paradiesvogel" assoziiert wurde, als André Agassi. Mit seinen Outfits und (falschen) Frisuren hat die ehemalige Nummer eins der Tennis-Welt auch einiges dafür getan. Am anderen Ende der nach oben offen-bunten Skala rangiert Mark Voakes, so ziemlich der personifizierte Gegenbegriff zum schrillen Agassi von einst. "Ich bin ganz sicher nicht der Lauteste in der Kabine", sagt der Stürmer des EHC Red Bull München, der sich selbst schon mal als "vielleicht ein bisschen langweilig" bezeichnet.

Trotzdem sind Agassi und Voakes irgendwie verbunden: Voakes liest gerade die Agassi-Biografie "Open". Man muss kein Hellseher sein, um zu vermuten, dass Voakes - zumal er weit entfernt ist von der weltweiten Popularität Agassis - wohl nie ein Buch über sich schreiben wird. "Ich suche nicht das Rampenlicht", betont er.

Und doch scheint sich Voakes derzeit ein bisschen zu verändern. Nicht vom Wesen her. Vom Charaktertyp ist er deutlich näher bei Agassis Ehefrau Steffi Graf, ein stiller, zäher Wettkämpfer. Aber spielerisch. Es wirkt, als ob Voakes, der in der Vergangenheit selbst dann noch am liebsten quer gelegt hätte, wenn er alleine auf der gegnerischen Torlinie stand, mittlerweile Geschmack daran findet, selbst Tore zu schießen. "Vielleicht stimmt das ein bisschen", sagte er am Dienstagabend in den Katakomben der Münchner Olympia-Eishalle. "Ich mache mir darüber Gedanken, und zwar mehr, als es manchmal aussieht." Er wisse, dass er mehr schießen könne, erklärt er schüchtern lächelnd.

Und er weiß jetzt, dass es durchaus Sinn ergeben kann, selbst abzuschließen. Nachdem er am Sonntag den 2:1-Siegtreffer in Bremerhaven erzielt hatte, machte er am Dienstag das 1:0 beim nächsten 2:1-Erfolg der Münchner, diesmal in der Champions Hockey League (CHL) gegen Färjestad Karlstad aus Schweden. Durch den Dreier, den Philip Gogulla besiegelte, sicherte sich der EHC vorzeitig den Sieg in seiner Vorrundengruppe.

Voakes' Schlenzer nach einem im eigenen Drittel gestarteten Solo schlug in Minute sieben im rechten Kreuzeck ein. "Jedem gefällt es, Tore zu schießen", sagte er. "Es erinnert mich daran, nicht immer nur zu passen, sondern auch zu schießen." Dass er das Werkzeug dazu hat, wissen sie beim EHC. "Er hat einen guten Schuss", sagt Trainer Don Jackson, der auch Voakes' Uneigennützigkeit und defensive Aufmerksamkeit lobt. Maximilian Kastner, der lange mit ihm in einer Angriffsreihe gespielt hat, betont, dass Voakes im Training regelmäßig treffe: "Wir wissen ganz genau, dass er auch Tore schießen kann."

Mitspieler Frank Mauer sagt, Voakes habe sogar im Hinterkopf Augen

In erster Linie bleibt der Kanadier aber ein Spielmacher. Das wurde auch gegen Karlstad deutlich, wo er mehrmals seine Übersicht und Passqualitäten unter Beweis stellte. Das Besondere an dem 35-Jährigen: Er ist kein neurotisch-verschnörkelter Regisseur, keiner, der Pirouetten nur der Ästhetik wegen dreht. Voakes lässt vieles einfach aussehen, weil er simple, aber richtig getimte Pässe spielt. Deshalb sagte Sturmpartner Frank Mauer einmal über ihn, Voakes habe sogar im Hinterkopf Augen. Und deshalb bezeichnet Kastner ihn als "einen der besten Spieler der Liga".

Der Center wird kein klassischer Knipser mehr werden - will das aber auch gar nicht. "Ich erzwinge es nicht, denn ich liebe es, Tore aufzulegen. Das ist kein Geheimnis. So habe ich diesen Sport gelernt, und so funktioniert es für mich am besten." Der Kanadier gilt auch als sehr fairer Spieler, weshalb sein Check gegen den Kopf von Ingolstadts Colin Smith kürzlich erhebliche Aufregung hervorrief. Die Zwei-Spiele-Sperre, die er dafür bekam, sei womöglich seine erste überhaupt gewesen, sagt Voakes: "Das ist nichts, was ich zu oft mache." Der 35-Jährige, der selbst lange mit den Folgen einer Gehirnerschütterung zu kämpfen hatte, zeigte sich einsichtig: "Ich muss vorsichtiger sein, wenn mein Gegenspieler nicht ganz bereit für den Check ist." Er habe Smith hart treffen wollen, aber nicht am Kopf, betont Voakes. Und: "Ich werde aus meinem Fehler lernen." Seine Kreativität ist derzeit mehr denn je gefragt, da Derek Roy - Münchens zweiter begnadeter Spielmacher - aufgrund einer Oberkörperverletzung weiterhin nicht einsatzfähig ist. Roy stehe im Training zwar mit der Mannschaft auf dem Eis, wann er wieder spielen werde, sei derzeit aber noch unklar, sagte Jackson.

Am Freitag (19.30 Uhr) geht es für Voakes und den EHC um mehr als drei Punkte. Mit einem Heimsieg gegen die Grizzlys Wolfsburg würden die Münchner zum alleinigen Startrekordhalter in der Deutschen Eishockey Liga werden. Voakes kennt die Niedersachsen, er hat vier Jahre dort gespielt. "Sie wissen, dass es für uns ein Rekordspiel sein kann", sagt er vor dem möglichen zehnten Sieg in Serie. "Und wenn ich sie richtig kenne, werden sie ihr Level hochschrauben."