Eishockey Punkte vom Ex

900 DEL-Spiele: Yannic Seidenberg.

(Foto: Engelbrecht / Imago)

Der EHC München müht sich zu einem 4:2 gegen Schlusslicht Schwenningen und seinen ehemaligen Trainer Pat Cortina.

Von Johannes Schnitzler

Wie der Anchorman eines seriösen US-Networks saß Don Jackson hinter seinem Tisch, ein Blatt Papier in seinen Händen, und verlas die News: "Wir wussten, dass es heute keinen Schönheitspreis gibt. Im letzten Drittel haben wir das Spiel besser unter Kontrolle bekommen. Unsere jungen Spieler haben uns auf die Siegesstraße gebracht." Damit war das äußerst zähflüssige 4:2 (0:1, 2:1, 2:0) des EHC Red Bull München gegen die Schwenninger Wild Wings vom Trainer des EHC präzise zusammengefasst. Das Wetter.

Wenn der deutsche Meister an einem Donnerstagabend ohne vier Stammspieler auf den Tabellenletzten trifft, der neun seiner elf Saisonspiele glatt verloren hat, verspricht die Ausgangslage keinen Feiertag. Und das erste Drittel zwischen München und Schwenningen hielt, was die Konstellation befürchten ließ. Schwenningen tat sein Bestes (was derzeit nicht allzu viel ist), der EHC nur das Nötigste zwei Tage nach dem 1:6 gegen Malmö in der Champions League, in der er im Achtelfinale auf den EV Zug treffen wird, wie die Auslosung am Freitag in Helsinki ergab. Als Anthony Rech einfach mal abzog, lagen die Wild Wings plötzlich vorn (15.).

Für München war es die achte Partie binnen 16 Tagen, einige hätten schwere Beine gehabt, sagte Yannic Seidenberg: "Und wenn man müde ist, macht man auch mal Leichtsinnsfehler, dann ist der Kopf ein bisschen langsamer." Trotzdem fand Seidenberg das erste Drittel "gar nicht so schlecht". Das Urteil des Verteidigers, vor 34 Jahren in Villingen-Schwenningen geboren, war wohl weichgezeichnet von der Ehrung für seinen 900. Einsatz in der Deutschen Eishockey Liga, wofür er sogar vom Gegner Applaus bekommen hatte. "Es hat schon ein bisschen gedauert, bis die Beine wieder besser gelaufen sind", gab Seidenberg später zu.

Nicht von ungefähr liefen die jüngsten Beine am besten. Andreas Eder, 22, glich mit seinem ersten Saisontreffer aus (23.), dann, nach Rechs zweitem Streich (37.), sein jüngerer Bruder Tobias, 20, mit seinem ersten DEL-Tor überhaupt (38.). Auf die Siegerstraße, wie Jackson es formulierte, brachte den Meister Maximilian Kastner (42.), der einen Schuss von Konrad Abeltshauser abfälschte (nachdem er vor dem 0:1 den Puck leichtsinnig an Rech vertändelt hatte). Daryl Boyle machte kurz vor Schluss im Powerplay einen Haken hinter das wenig ansehnliche Spiel (58.).

"München hat einen Weg gefunden, dieses Spiel zu gewinnen", sagte Wild-Wings-Trainer Pat Cortina, von 2006 bis 2013 selbst Coach des EHC. "München ist ein Meisterschaftskandidat, jeder trägt seinen Teil bei, und heute haben eben die Jungen ein paar wichtige Tore geschossen." Anders als seine Mannschaft, in der Simon Danner zwar einen roten Helm aufhatte, der seinen Träger seit dieser Saison als "Topscorer" seines Teams kennzeichnet. Allerdings ist die Helmfarbe der Wild Wings: Rot. Es folgt also einer inneren Logik, dass in Schwenningen auch optisch kein Topscorer auszumachen ist. Mit seinen beiden Treffern katapultiert der Franzose Rech sich gleichsam an die Spitze dieser, äh, Bestenliste. "Das ist keine leichte Zeit für meine Mannschaft", sagte Cortina. Und erst recht keine leichte für ihn. "Ich habe sie aufgefordert: Zeigt, dass Ihr liebt, was Ihr tut. Und das haben sie gemacht." Cortinas Apologie erinnerte freilich rührend an den Witz vom Konzertpianisten: "Sagen Sie, spielen Sie eigentlich gerne Klavier?" - "Ja, natürlich, ich liebe es!" - "Warum lernen Sie es dann nicht?"

Don Jackson, der erfahrene Anchorman, würde sich einen solchen Scherz nie erlauben. "Kopf oben behalten, Pat", riet er dem Kollegen. Dann sortierte er seine Papiere und wandte sich gedanklich dem Spiel am Sonntag beim Vorletzten in Wolfsburg zu.