bedeckt München
vgwortpixel

Eishockey:Drei in 37

Pinguins Bremerhaven - EHC Red Bull München

„Wir haben Moral bewiesen“: Mit nun 16 Saisontoren ist Nationalspieler Yasin Ehliz 15 Spieltage vor Schluss der Hauptrunde nur noch einen Treffer von seinem persönlichen Bestwert entfernt.

(Foto: Carmen Jaspersen/dpa)

Mit Toren im Sekundentakt dreht der EHC Red Bull München einen 0:3-Rückstand in Bremerhaven und gewinnt 6:4.

Donnerstagabendspiele in der Deutschen Eishockey Liga sind bei den Fans in etwa so beliebt wie Montagabendspiele in der Fußball-Bundesliga. Also gar nicht. Zumal wenn das Spiel in Bremerhaven stattfindet und der Gegner München heißt: Wer hat schon Zeit, unter der Woche 800 Kilometer an die Nordseeküste zu fahren? Die an einer Hand abzuzählenden Fans des EHC Red Bull, die es dennoch taten, drapierten auf den Wellenbrechern vor sich ein paar Trikots - vermutlich, um optisch mehr herzumachen. Vor den 4435 Zuschauern in der Bremerhavener Eisarena entwickelte sich an diesem 38. Spieltag dann aber ein Spektakel, aus dem man schließen darf: Wenn alle Donnerstagabendspiele in der DEL so unterhaltsam wären, würde der Termin schnell zum populärsten im Spieltagskalender avancieren.

Wenn die beste Offensive der Liga bei den noch immer als irgendwie niedlich empfundenen Fischtown Pinguins aufkreuzt, dann steht für die meisten vorab fest: München gewinnt. Das war in 15 von 23 Begegnungen so. In Bremerhaven holte sich das Team von Don Jackson in elf Anläufen achtmal den Sieg. Spannung versprach vor diesem 24. Vergleich der beiden Teams in der DEL eigentlich nur der Wettbewerb der beiden gefährlichsten Schützen der Liga, Jan Urbas (Bremerhaven/18 Saisontreffer) und Trevor Parkes (München/19). Nach knapp zehn Minuten erzielte der Slowene Urbas, in der Saison 2013/14 in München unter Vertrag (und unter dem Trainer Pierre Pagé nicht sonderlich glücklich geworden), das 1:0 für den Tabellenfünften und zog in der Torschützenliste mit Parkes gleich. Zu Beginn des zweiten Drittels traf Urbas im Powerplay auch zum 2:0 (23.), und als Alex Friesen, ebenfalls im Powerplay, auf 3:0 (27.) erhöhte, da waren alle Statistiken auf einmal Makulatur. Es versprach unterhaltsam zu werden.

Vielleicht sollte man an dieser Stelle erwähnen, dass München dann 6:4 gewann.

Bis zur Hälfte dieses Spiels hatten die Gäste durch Maximilian Kastner und Blake Parlett zweimal den Pfosten getroffen, aber nichts ins Tor. Parkes war bei einem Alleingang an Bremerhavens lettischem Torhüter Kristers Gudlevskis gescheitert. "Bremerhaven braucht nicht viele Chancen", erkannte Münchens Topscorer Mark Voakes in der ersten Drittelpause richtig. Anders der EHC, der zu diesem Zeitpunkt seit 107 Minuten - mehr als fünf Drittel lang - ohne Torerfolg war. Der Tabellenführer schlampte im Spielaufbau und wurde dafür bestraft.

Dann tat sich vor der Spielerbank ein Loch auf, die Eismeister mussten mit Schaufel und Feuerlöscher ran, und irgendwo im dichten Sprühnebel versank Bremerhavens Konzentration. Als es weiterging, begann ein neues Spiel. Sieben Minuten später stand es 3:3.

Nach der 0:2-Niederlage in Schwenningen waren die Münchner "mit Wut im Bauch" angereist, wie Frank Mauer vorher gedroht hatte. Nun ließ der Tabellenführer seinem Drang nach Rehabilitation freien Lauf. Voakes (31.), Yasin Ehliz (38.), und U-20-Nationalspieler Justin Schütz (38.) stellten die Partie wieder auf Null - zwischen dem zweiten und dritten Tor lagen gerade einmal sechs Sekunden. Den Ausgleich hatte Mauer vorbereitet, wie man das von den Münchnern kennt - mit kalter Präzision: Eine kurze Unaufmerksamkeit der Pinguins nach dem Bully, und schon sprintete der Nationalstürmer und bediente Schütz punktgenau.

Bremerhaven konterte mit dem 4:3 durch Brock Hooton (40.) - wieder war ein Münchner Scheibenverlust im eigenen Drittel der Ausgangspunkt - und ging mit dieser Führung auch in die zweite Pause, Mauer sagte: "Dieses vierte Tor müssen wir uns selber ankreiden. Wir müssen in unserer Zone einfach cleverer spielen." Das taten sie im letzten Abschnitt.

Als wollten sie sich selbst übertreffen, drehten Kastner mit einem Treffer im Gerd-Müller-Stil im Liegen, Parkes mit seinem nun ebenfalls 20. Saisontor und abermals Ehliz binnen 37 Sekunden (51./52.) das Resultat und legten zumindest für eine Nacht wieder ein Neun-Punkte-Polster zwischen sich und Verfolger Adler Mannheim. "Wir haben die Scheiben nicht einfach hinten rausgespielt", sagte Ehliz. "Aber wir haben Moral bewiesen." Mit nun 16 Saisontoren ist der 27-Jährige in seiner zehnten DEL-Saison 15 Spieltage vor dem Ende der Hauptrunde nur noch einen Treffer vom besten Ergebnis seiner Karriere entfernt. Kritisch sah er die vielen Strafzeiten: Mit 532 Minuten liegt München am Ende dieser Tabelle. "Das sind viel zu viele", sagte Ehliz. Keith Aulie etwa leistete sich kurz vor Schluss einen üblen Stockschlag zwischen die Beine seines Gegners und musste vom Eis. An einem anderen Tag als an diesem bunten Donnerstagabend dürfte sich das rächen.

© SZ vom 18.01.2020
Zur SZ-Startseite