American Football Münchner Kindl

Vor 40 Jahren wurden die Munich Cowboys im Lokal "Bei Inge" gegründet. Die American-Football-Mannschaft avancierte zu einem der großen Traditionsvereine der Stadt.

Von Christoph Leischwitz

American Football breitete sich stets in Wellen über Deutschland aus, immer dann, wenn die exotische Sportart mal wieder regelmäßig im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Viele Anhänger gab es offenbar immer nur dann, wenn das Original irgendwo zu sehen war, im frei empfangbaren Sportkanal in den 1980ern, im Bezahlfernsehen in den 1990ern und nun im Internetstream. Der allererste Schub aber kam noch über den Äther.

Wer in den 1970ern in Milbertshofen oder Trudering wohnte, konnte über seine Dachantenne American Forces Network (AFN) empfangen. Eine große Clique traf sich regelmäßig für Übertragungen. Die meisten von ihnen waren schon bald Fans der Dallas Cowboys, vor allem wegen deren gefürchteter Defensive. Als sie selbst mal erfahren wollten, wie sich Football anfühlt, riefen sie eine Gruppe in Frankfurt an, die damals anderen Begeisterten Starthilfe gab. Die Frankfurter reisten nach München, hielten ein Seminar ab, und dann gründeten sich am 17. März 1979 im Lokal "Bei Inge" in der Riesenfeldstraße 58 die "Munich Cowboys". Erster Trainer war ein gewisser Bill Hudson, wenig später gefolgt von John Gatt, einem damaligen Colonel aus der McGraw-Kaserne.

6000 Mark bekamen sie für eine Penthouse-Reportage - ausziehen mussten sie sich nicht

40 Jahre später würde man diese Gruppe von rund 50 Münchnern und Besatzungskindern wohl Hipster nennen. "Modisch gekleidete Teens, denen Fußball zu dumm ist" schrieb im Sommer 1980 ein Reporter namens Axel Hacke im Sportteil der SZ. Immerhin, fuhr er fort, eröffneten sich den unverbrauchten Jugendlichen originelle Finanzierungsmöglichkeiten: "6000 Mark hat ja auch die Reportage für das Magazin Penthouse gebracht, bei der die Spieler aber ihre Sachen anbehalten durften."

1985 entlassen die Cowboys als Vorletzter Trainer Ronnie Peterson (kniend).

(Foto: imago)

Eines der Gründungsmitglieder ist Jean Urwich, 62, der auf beeindruckende Weise verdeutlicht, welch guten Schutz die damaligen Helme geboten haben müssen: Er kann sich an so gut wie alles erinnern. Selbst an das Penthouse-Shooting. Aber eben auch daran, dass sie zu Beginn nichts hatten, kein Wissen und kein Material; dass die ersten gleich wieder gingen, als sie realisierten, dass jeder Schritt vorgegeben ist und es sich gar nicht um eine Keilerei im Trikot handelt.

Für ein paar Spiele kommt sogar Gewichtheber-Weltmeister Manfred Nerlinger.

(Foto: imago)

Der Runningback Heinz Ruckdäschl nahm damals als 18-jähriger Kfz-Mechaniker-Lehrling einen Kredit auf, um die Ausrüstung für die Spieler zu kaufen. Eigentlich wollten sie in Weiß und Blau spielen. Ging aber nicht, weil die zuvor gegründeten Frankfurter Löwen und die Ansbach Grizzlies ebenfalls in diesen Farben spielten. Für die erste Saison bekamen die Cowboys vom jungen Verband Braun und Orange zugewiesen. Erst später besann man sich dann auf die Stadtfarben Münchens, Schwarz und Gelb. Die Ausrüstungen lagerten in den ersten Jahren "bei der Inge im Keller", wie Urwich sagt. Die Sponsoren- und Spielerakquise lief damals noch meistens parallel. Etwa dadurch, dass Spieler an einem Freitagabend in voller Montur in Schwabings Kneipen einfielen und fragten, ob jemand mitmachen wolle. "München war damals ein Dorf, man kannte sich, und so haben wir einfach jeden angehauen", erzählt Urwich. Trainiert wurde übrigens die meiste Zeit im Englischen Garten, was ebenfalls viele neugierige Passanten zu diesem Sport gebracht haben dürfte. Urwichs Wissensschatz ist auch deswegen so wertvoll, weil der Verein selbst viele Informationen aus der Gründerzeit verloren hat. Urwich mutmaßt, dass dies Mitte der 1990er Jahre geschah, als die Geschäftsstelle in einer längeren Phase der Schuldentilgung aufgelöst wurde. Bis dahin hatten die Cowboys viele verschiedene Wohnzimmer. Einer der ersten Unterstützer war das "California New" in der Occamstraße, wo auch Sequenzen von "Monaco Franze" gedreht wurden. Legendäre Abende sollen sich später in der "Tomate" zugetragen haben.

Das alte Logo der Munich Cowboys.

(Foto: Jean Urwich/KVB München)

Das erste Logo sah völlig anders aus als das markante, gelbe "M", das heute oft im Münchner Stadtbild zu erblicken ist. Es handelte sich um einen mit einem Football bewaffneten, reitenden Cowboy mit einem Helm statt eines Huts. Um sie für Merchandising zu verwenden, war die Grafik damals aber zu kompliziert.

In der Aufstellung des ersten Spiels der Cowboys am 11. August 1979 in der Meyerbeerstraße finden sich Namen, die Football-Anhängern auch heute noch ein Begriff sind. Quarterback Franz Bayer zum Beispiel, der die Cowboys 1993 als Trainer zur bislang einzigen deutschen Meisterschaft führte. Oder Cornerback Günter Zapf, später Präsident und bekannter US-Sportkommentator. Auch Martin Lautenschlager war schon dabei. 2008 war er der Center, der seinem Sohn Gary zu Beginn des Spielzugs den Ball zusnappte.

2008 war Martin Lautenschlager (vorne) der Center, der seinem Sohn Gary zu Beginn des Spielzugs den Ball zusnappte.

(Foto: imago sportfotodienst)

Die Cowboys sind ein Mitglied der so genannten "Original six", den sechs Gründungsvereinen der Bundesliga. Erfolgreichste bayerische Mannschaft sind zwar die Ansbach Grizzlies mit drei DM-Titeln. "Aber wir haben die meisten Bundesligaspiele überhaupt", sagt Präsident Werner Maier, der seit 1981 in München Football spielt. Laut football-history.de haben die Cowboys 447 Ligaspiele bestritten (mit 228 Siegen und 212 Niederlagen).

Für Präsident Maier bedeutet deshalb der Geburtstag auch "Tradition, die verpflichtet". Er sehe vor allem die Arbeit, die es braucht, so eine große Mannschaft im Spielbetrieb zu halten. "Da wurde jahrzehntelang Herzblut reingesteckt", sagt er. In der Saison 2019, die am 4. Mai mit einem Heimspiel im Dantestadion beginnt, soll das Jubiläum auch sicht- und hörbar sein, mit speziellen T-Shirts oder mit Liedern von 1979. Und vielleicht kann bald auch mal das deutsche "grand old team of the south" zu jener Welle beitragen, die mittlerweile in die andere Richtung schwappt: Viele deutsche Footballer haben es inzwischen in die Profiliga NFL geschafft - aber eben noch kein Münchner.