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American Football:72:0

Nach eineinhalb Jahren in München endlich der erste Auftritt: Justin Sottilare warf gegen die Frankfurt Universe sechs Touchdown-Pässe.

(Foto: Claus Schunk)

Die Munich Cowboys starten mit dem höchsten Sieg ihrer 42-jährigen Geschichte in die neue Erstligasaison. Noch stärker als von Corona wird die diesjährige Saison von der neuen European League of Football (ELF) beeinflusst.

Von Christoph Leischwitz

Rumms. Und immer wieder: rumms. Manchmal war der Hit eines Münchner Spielers so laut, dass man ihn auch dann noch gehört hätte, wenn die Haupttribüne des Dantestadions voll mit Zuschauern gewesen wäre. Bisweilen wirkten die Cowboys zum Saisonauftakt wie wilde Tiere, die endlich von der Leine gelassen wurden. Und als sie nach dem Spiel ihre ersten Interviews der neuen Saison gaben, hörte es sich teils schon an wie die Zusammenfassung einer erfolgreichen Saison: "Das ist das Ergebnis von anderthalb Jahren hartem Training", sagte Cheftrainer Garren Holley. "Wir sind durch Corona zusammengewachsen", meinte der Offensiv-Blocker Thomas Heller. Und man habe schließlich beweisen müssen, dass "wir uns in dieser Zeit weiterentwickelt haben".

Trotzdem fiel dieser Sieg zum Auftakt der neuen Football-Erstliga-Saison höher aus als erwartet. Mit 72:0 wurde die Frankfurt Universe nach Hause geschickt, es ist der höchste Cowboys-Pflichtspielsieg in ihrer 42-jährigen Geschichte. Gegen die Universe hatten die Münchner zudem noch nie zuvor gewonnen. Das alles wirft nicht einfach nur die Frage nach der Wettbewerbsfähigkeit der Hessen auf, es beantwortet sie eigentlich auch schon mit einem klaren Nein. Noch stärker als von Corona wird die diesjährige Saison von der neuen European League of Football (ELF) beeinflusst, die übernächstes Wochenende startet. Frankfurt stellt dort ein Team, die Galaxy, sodass der Bundesligist namens Universe plötzlich keine wettbewerbsfähigen Spieler mehr anwerben kann. Für die ELF ist das womöglich sogar ein angenehmer Nebeneffekt: Es erhöht nicht gerade die Attraktivität der deutschen Bundesliga, wenn zwei derart ungleiche Teams aufeinandertreffen. Allerdings finden insgesamt auch weniger Partien statt: Aus Gründen der Planungssicherheit bestreitet jedes Team nur zehn statt 14 Pflichtspiele, ehe es in die Playoffs geht. Es war wenig überraschend, dass Holley seinem Team nach dem ersten Auftritt "Playoff-Kaliber" bescheinigt.

Denn tatsächlich haben sich die Cowboys ja auch weiterentwickelt in der langen, spielfreien Pause. Einen großen Fokus legten die Trainer auf ein solides Laufspiel, fast schon traditionell eine der Schwachstellen der Cowboys - sie soll nun endlich behoben werden. Immerhin zwei der zehn Touchdowns am Samstagnachmittag wurden schon einmal durch die Zugänge Jakob Wenzel und Brandon Watkins erlaufen. Ersterer ist ein bundesliga-erfahrener Rückkehrer, Letzterer eine Art Wundertüte, die vom Regionalliga-Stadtkonkurrenten München Rangers kam. Zugleich wurde auch deutlich, dass die Reihe der Cowboys-Vorblocker nun besser geschult ist, offene Laufwege freizuschaufeln.

Zum nächsten Heimspiel in zwei Wochen gegen Stuttgart hoffen die Cowboys auf bis zu 900 Zuschauer

Der allererste Touchdown wiederum gehörte den üblichen Verdächtigen: Quarterback Justin Sottilare fand schon nach zwei Spielminuten den Passempfänger und US-Import Michiah Quick in der hinteren Ecke der Endzone. Sottilare kam schon Anfang vergangenen Jahres nach München und musste bis Samstag auf seinen ersten Cowboys-Auftritt warten. "Das fühlt sich natürlich großartig an", sagte Spielmacher Sottilare mit Blick auf die Anzeigetafel, gab aber gleich ganz demonstrativ zu Protokoll, dass er sich erst einmal das Video ansehen wolle: "Da waren einige überworfene Pässe von mir dabei, das muss ich analysieren, das hat für mich jetzt erstmal Priorität."

Aber ja, es zahle sich schon aus, dass er während der langen Corona-Pause nicht nach Hause geflogen sei, sondern immer mit den Cowboys trainiert habe, so oft es möglich war. Und auch er findet, man habe der Abwehr angemerkt, wie sehr sie sich danach sehnte, den gegnerischen Quarterback zu rammen: "Mich dürfen sie ja nicht tackeln im Training", sagte er grinsend. Um die Verletzungsgefahr des wichtigsten Spielers zu mindern.

Zum nächsten Heimspiel in zwei Wochen gegen Stuttgart hoffen die Cowboys, bis zu 900 Zuschauer, 20 Prozent der Gesamtkapazität des Dantestadions, einlassen zu dürfen. Die ersten zehn Touchdowns haben die Fans verpasst, und auch die Rückkehr von TV- und Radio-Kommentator Ralf Exel, der nach 20 Jahren Pause wieder für eine ganze Saison am Mikrofon steht und bei seinem Testlauf vor leeren Rängen allerhand zu tun bekam.

Am Sonntag reisen die Cowboys zum ersten Auswärtsspiel bei Aufsteiger Ravensburg, der zum Auftakt 14:58 beim Dauerfavoriten Schwäbisch Hall verlor. Cowboys-Cheftrainer Holley fand die Ankündigung der Ravensburger, man werde gegen die Cowboys mehr Punkte holen, provokant: "Sie haben da ein Feuer entzündet", sagte er. Ob man denn nach dem deutlichen Sieg zum Auftakt tatsächlich zusätzliche Motivation benötige? "Nein, definitiv nicht." Aber das sei schon eine.

© SZ/lein/sewi
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