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Spielsucht:Was tun, um die Kinder von der Spielkonsole zu trennen?

PS4 Pro-Premieren-Event

Jungen werden laut Experten eher spielsüchtig als Mädchen.

(Foto: Rainer Jensen/dpa)
  • In Eichenau haben Eltern eines Zwölfjährigen die Polizei um Hilfe gebeten, weil ihr Sohn drei Tage lang vor der Playstation gesessen hatte.
  • Suchtexperten raten Eltern, feste Regeln durchzusetzen, Kinder in Vereine zu schicken und auf frühe Warnzeichen zu achten.
  • Den Kindern die Spiele komplett vorzuenthalten, halten die meisten Experten jedoch für realitätsfern.

Von Stefan Salger, Eichenau

Beim zweiten Besuch nahmen die Polizisten den heftig um sich schlagenden Zwölfjährigen kurzerhand mit und brachten ihn in eine Münchner Fachklinik: Der Bub war am Mittwochabend erneut handgreiflich mit seinem Vater aneinandergeraten, als dieser ihn von der Playstation wegbekommen wollte. 72 Stunden soll der Bub aus Eichenau im Westen Münchens vor dem Bildschirm gesessen haben, fast am Stück und nahezu ohne Unterbrechung und Schlaf - so berichtet es die Polizei. Als der Junge die Konsole am Mittwochmorgen nicht aus der Hand legen wollte und sich weigerte, in die Schule zu gehen, alarmierten die ratlosen Eltern schließlich die Polizei. Gelang es den Beamten diesmal noch, in diesem sehr speziellen Generationenkonflikt zu vermitteln, so waren sie beim nächsten Hilferuf am Abend mit ihrem Latein am Ende. Gute Worte halfen da nicht mehr: Sie trennten den Bub von der Playstation und den Eltern.

Auch für Suchtexperten und Pädagogen ist dies ein extremer Einzelfall. "So etwas hatten wir hier noch nie", sagt Thomas Christiani von der Fachambulanz für Suchterkrankungen der Fürstenfeldbrucker Caritas. So etwas kenne man eher vom E-Sports-Gamingbereich und aus asiatischen Ländern wie etwa Südkorea, wo dehydrierte Spieler sogar schon vor dem Bildschirm gestorben sind, ohne dass ihr Tischnachbar das mitbekommen hätte. Auch bei Polizeidienststellen in der Münchner Region ist hinsichtlich des Jungen aus Eichenau von einem sehr ungewöhnlichen Einsatz die Rede.

Da müsse es zuvor bereits große Defizite bei der Erziehung gegeben haben, mutmaßt Wolfgang Scholz, ohne freilich den speziellen Fall zu kennen. Der 55-Jährige ist Sozialpädagoge im Jugendzentrum Maisach und hat die Erfahrung gemacht, dass in den halbwegs ländlichen Gegenden das Thema Spielsucht noch nicht gar so dominant ist wie in Städten. Wie aber könnten es Eltern besser machen, um gar nicht erst in eine solche Situation zu kommen? Scholz räumt ein, dass es schwierig ist, ein Kind durchgängig zu betreuen, wenn beide Eltern arbeiten, oder im Fall von Alleinerziehenden. Für die soziale Kontrolle seien Vereine wichtig. Zudem rät er Eltern, feste Regeln fürs Computerspielen aufzustellen und diese Regeln dann auch durchzusetzen.

In seinem Jugendzentrum sind Egoshooter-Spiele wie Counter-Strike generell tabu. In einem abgesteckten zeitlichen Rahmen sind Sportspiele wie Fifa oder das einigermaßen kreative Farm Ville erlaubt, im Grenzbereich liegen Rennspiele wie Need for Speed. "Irgendwann scheuchen wir die Kinder aber auf jeden Fall raus auf Spielplatz oder Bolzplatz", sagt Scholz. Minderjährigen Computerspiele oder Smartphones ganz vorzuenthalten, wie das der bekannte Hirnforscher Manfred Spitzer gebetsmühlenartig empfiehlt, hält auch Caritas-Experte Christiani für völlig jenseits der Lebenswirklichkeit. Viel sinnvoller seien klare Absprachen mit den Jugendlichen.

Meist sorgen sich Eltern von Jungs, dass ihr Kind womöglich spielsüchtig werden könnte. Mädchen chatten erfahrungsgemäß eher in Messengern und Netzwerken. Soziale Unterschiede sind nicht entscheidend: Der Sohn des Arztes spielt online durchaus mit dem Sohn des Maurers - so wie beim zurzeit wohl populärsten Spiel Fortnite. Dessen Figuren kämpfen Seite an Seite im Team und vollführen besondere Freudentänze, die sogar regelmäßig von Fußballprofis wie dem französischen Nationalspieler Antoine Griezmann beim Torjubel nachgeahmt werden. So etwas kommt bei Jugendlichen gut an, und sie sind nicht selten bereit, für besondere Outfits oder Eigenschaften ihrer Spielfiguren ihr Taschengeld zu investieren.

Eltern rät Christiani, auf erste Warnzeichen zu achten. Wenn Jugendliche sich zurückziehen, Aktivitäten wie Sport vernachlässigen und reizbar werden, sei es höchste Zeit, das Thema offen mit dem Kind und bei Bedarf bei Suchtberatungsstellen anzusprechen.

© SZ vom 15.09.2018/baso
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