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Sozialer Wohnungsbau:Wie andere Städte günstigen Wohnraum schaffen

Berlin, Wien, Zürich: Große Städte sind teure Pflaster. Und überall muss bezahlbarer Wohnraum her.

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Wien - Leben im Gemeindebau

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Quelle: mauritius images

Die Wiener und ihr Gemeindebau, das ist eine ganz spezielle Beziehung, verewigt in Filmen, Serien und in der Popmusik. In den 1920er Jahren begann das sogenannte Rote Wien im großen Stil Wohnungen für die Armen zu bauen, mit für die damalige Zeit ungewöhnlich guten Standards, grünen Innenhöfen und Gemeinschaftsräumen wie Bädern, Waschküchen und Bibliotheken. Heute besitzt die - immer noch rot regierte - 1,8-Millionen-Einwohner-Stadt Wien 220 000 Wohnungen, ihr Unternehmen Wiener Wohnen gilt als größte Hausverwaltung Europas. Jeder dritte bis vierte Wiener wohnt in einem Gemeindebau, noch einmal etwa gleich viele in geförderten Wohnungen. Anders als viele deutsche Städte hat Wien nie dem Druck nachgegeben, die kommunalen Wohnungen zu privatisieren. Wer seit mindestens zwei Jahren in Wien lebt, in seiner derzeitigen Wohnung zu wenig Platz hat und als Einzelperson weniger als 44 410 Euro netto pro Jahr verdient, kann sich für eine Gemeindewohnung anmelden und bekommt - nach einer Wartezeit von mehreren Monaten bis Jahren - ein Angebot. Wiener Wohnen zufolge liegt die durchschnittliche Miete für eine Gemeindewohnung bei 6,30 Euro pro Quadratmeter inklusive Betriebskosten. Und wer einmal drinnen ist, kann für immer bleiben und die Gemeindewohnung sogar an Verwandte weitergeben oder vererben. Die hohen Einkommensgrenzen bringen der Stadt immer wieder Kritik ein. Ihr Gegenargument: Indem man Gemeindewohnungen nicht nur an die Ärmsten, sondern auch an die Mittelschicht vergebe, fördere man die soziale Durchmischung und verhindere Ghettobildung.

Foto: Mauritius Images

Ruth Eisenreich

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Berlin - Teure Sozialwohnungen

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Quelle: Sabine Dobre

Wenn Berliner den Bewohnern anderer Großstädte mit Wohnungsnot kamen, ernteten sie stets ein mildes Lächeln. Berlin galt als die Stadt, in der man sich locker 150 Quadratmeter Altbau leisten konnte, und der Rest bekam eine günstige Sozialwohnung. Auch in dieser Beziehung galt Berlin als Insel der Seligen: 55,3 Prozent der Berliner haben wegen der niedrigen Einkommen Anspruch auf eine Sozialwohnung. Doch diese Zeiten sind vorbei. Der Immobilienmarkt der Hauptstadt ist dabei, das Niveau internationaler Metropolen zu erreichen. Und Sozialwohnungen gibt es immer weniger. Das liegt, wie so vieles in Berlin, an der Geschichte. Zu Mauerzeiten wurde der soziale Wohnungsbau subventioniert, man wollte so viele Leute wie möglich in die Rumpfstadt holen. Als nach der Wiedervereinigung das Geld knapp wurde und die Stadt an der Pleite vorbei schrammte, fuhr man nicht nur die Förderung zurück und stoppte Neubauprojekte, seitdem wurden auch viele vorhandene Sozialwohnungen verkauft. Gab es im Jahr 2005 noch mehr als 200 000, sind es heute nur noch 120 000. Schätzungen zufolge sollen in den nächsten Jahren weitere 20 000 Wohnungen mit Sozialbindung vom Markt verschwinden. Und weil die Eigentümer von Sozialwohnungen die Förderungen, die abgebaut wurden, auf die Miete draufschlagen dürfen, kommt es zur paradoxen Situation, dass Sozialwohnungen nicht selten teurer als reguläre Mietwohnungen sind. Ständig hört man derzeit in Berlin von Leuten, die Sozialwohnungen verlassen müssen, in denen sie seit Jahrzehnten leben. Inzwischen reagiert die Politik, der Senat hat den Neubau von 10 000 Sozialwohnungen bis 2018 angekündigt.

Foto: Sabine Dobre

Verena Mayer

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Dresden - Neuanfang

Dresden City to Sell 48,000 Apartments

Quelle: Getty Images

Das Klischee, in den Städten des Ostens gäbe es überall billigsten Wohnraum und dann auch noch mit Stuck, ist von der Wirklichkeit inzwischen widerlegt. In der Studentenstadt Jena ist die Nachfrage so groß, dass Vermieter nicht mal die Fassaden alter Plattenbauten sanieren müssen, um diese auszulasten - und in Dresden ist das größte Projekt der linken Mehrheit im Stadtrat die Neugründung einer Genossenschaft, die als eine Art am Markt teilnehmende Mietpreisbremse funktionieren soll. Bis 2030 rechnet Dresden mit einem Einwohnerplus von 45 000 Menschen. 800 neue Wohnungen sollen über die geplante "Woba" entstehen, noch einmal mehr als 2000 über private Träger auf teilweise städtischen Grundstücken. Die Gründung der neuen Wohnungsbaugenossenschaft ist in der Stadt allerdings umstritten, und das liegt nur teilweise daran, dass in Dresden grundsätzlich immer alles umstritten ist. Konkret ist es so, dass Dresden in den vergangenen 15 Jahren knapp 8000 Wohnungen abgerissen hat - gefördert mit fast 30 Millionen Euro vom Land Sachsen und trotz Wachstums. Konkret ist es auch so, dass die Stadt 2006 unter bundesweiter Beachtung ihre "Woba" verkauft hatte und somit auf einen Schlag schuldenfrei wurde. Im Gegenzug gingen fast 50 000 Wohnungen in die Privatwirtschaft. Linke Politiker machen diesen Schritt für die signifikant steigenden Mieten in der Stadt verantwortlich, die gleichwohl von einem vergleichsweise geringen Niveau ausgehen. Konservative und liberale Politiker kritisieren am Vorhaben des Stadtrates, Dresden werde sich mit der neuen "Woba" wieder verschulden.

Foto: Getty

Cornelius Pollmer

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Zürich - Grund für Genossen

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Quelle: V. Schopp/Genossenschaft Kalkbreite

Ein Freund aus Weimar beschrieb es kürzlich so: "Ich dachte, Zürich sei das pumpende Herz des Kapitalismus. Dann sah ich überall Wohngenossenschaften, die einen alternativen Lebensstil pflegen. So etwas kenne ich aus Deutschland gar nicht." Tatsächlich. Anders als man es sich bei einer teuren und internationalen Stadt wie Zürich vorstellen würde, residieren längst nicht alle Einwohner in Lofts und schicken Innenstadtwohnungen. Etwa ein Fünftel der Zürcher lebt in einer Genossenschaftswohnung, die Mieten dort liegen ungefähr dreißig Prozent unter dem, was auf dem freien Markt verlangt wird. Möglich ist das, weil die Grundstücke oft in städtischem Besitz sind und Genossenschaften zu besonders günstigen Konditionen zur Verfügung gestellt werden. Prominentes Beispiel ist die Zürcher Kalkbreite, wo gut 250 Menschen über einem städtischen Tramdepot leben. Hier eine Wohnung zu bekommen, ist nicht einfach. Wer Mitglied einer Genossenschaft werden will, erwirbt einen Anteilsschein - der kann schnell einige Zehntausend Euro kosten. Immer wieder stehen die Genossenschaften wegen ihrer Vergabepraxis auch in der Kritik. Es seien nicht die wirklich Bedürftigen, die in den Genuss einer günstigen Wohnung kämen, sondern Mittelständler, die dem Weltbild der Organisatoren entsprächen, heißt es. Und: Ohne Beziehungen komme man nicht an eine solche Wohnung. Die ersten Genossenschaften reagieren auf die Kritik. Die Familienheim-Genossenschaft Zürich etwa nimmt nur noch online Bewerbungen entgegen, die dann von einer Software ausgewertet werden.

Foto: Müller Sigrist Architekten

Charlotte Theile

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Hamburg - Aufgestockt

Wohnungsbau in Hamburg

Quelle: picture alliance / dpa

Wer im schönen Hamburg eine Wohnung in angenehmer Lage sucht, dem geht es fast wie in München. Ganz so wahnwitzig ist es nicht, aber ähnlich. Die Mietpreise übertreffen mancherorts in der Hansestadt locker 15 oder 16 Euro oder bei Kaufpreisen 5000 oder 6000 Euro pro Quadratmeter. Die Stadtteile driften auseinander, weil zum Beispiel Eppendorf oder das Schanzenviertel beliebter sind als etwa Billstedt. Aber der rot-grüne Senat unter dem SPD-Bürgermeister Olaf Scholz versucht zumindest ein wenig dagegen zu steuern. Im September wurde das 2011 vereinbarte Bündnis für den Wohnungsbau erneut aufgestockt - 10 000 Baugenehmigungen nimmt sich die Stadtregierung vor, in den fünf Jahren bis 2015 waren es deren 46 300. Ein Drittel dieser Neubauten soll sozialer Art sein und öffentlich gefördert werden, auf städtischen Grundstücken liegt die Quote sogar bei 80 Prozent. Dazu kommen Flüchtlingsunterkünfte, die später auch anderweitig genützt werden könnten. Allein das städtische Unternehmen Saga GWG, das ungefähr 132 000 der 900 000 Hamburger Wohnungen vermietet, soll 2000 Wohnungen bauen. Die Saga GWG verlangte 2015 pro Quadratmeter durchschnittlich 6,15 Euro kalt. Die Mietpreisbremse dagegen gilt offiziell zwar als Entlastung. Der Mieterverein zu Hamburg aber klagte im Sommer, dass sich viele Vermieter nicht an die Regeln hielten und viele Mieter sich nicht beschwerten. Gut 20 Millionen Euro seien in einem Jahr zu viel bezahlt worden. Hamburgs teuerste Adresse ist künftig die Elbphilharmonie: eine Wohnung im 18. Stock dort kostet ungefähr zehn Millionen Euro, 25 000 Euro pro Quadratmeter. Mit Elbblick und guter Musik im Haus.

Foto: Angelika Warmuth/dpa

Peter Burghardt

© SZ vom 03.11.2016/vewo

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