Sexueller Missbrauch in der Kirche Brisantes im roten Buch

In München handelte eine gesetzlich zur Verschwiegenheit verpflichtete Anwältin im Auftrag des Erzbistums, sie unterstützte mit ihrem Sachverstand die Arbeit von Erzbischof und Generalvikar. Probleme mit dem Datenschutz oder dem Arbeitsrecht gibt es bei diesem Weg keine - allerdings haben eben auch der Generalvikar und der Erzbischof die letzte Entscheidung darüber, was mit dem Abschlussbericht geschieht. Westpfahl hatte sich damals zwar zusichern lassen, dass sie freie Hand habe und die Essenz ihrer Erkenntnisse veröffentlicht würden. Doch hätte die Bistumsleitung sich dann anders entschieden, hätte sie das schlucken müssen.

Im Dezember 2010 wurden solche Feinheiten allerdings nicht diskutiert - das Erzbistum München und Freising hatte einen Scoop gelandet. Erstmals in diesen quälenden Monaten der Missbrauchsdebatte hatte hier jemand die Defensive verlassen, hatte gezeigt, dass es ihm ernst ist mit dem Wunsch, Täter zu enttarnen und die Strukturen aufzudecken, die sexuelle Gewalt und deren Vertuschung in der Kirche möglich machen. Und dieser Jemand war Kardinal Marx. Zum ersten Mal seit fast einem Jahr gab es wieder positive Schlagzeilen über die katholische Kirche: der neue Kardinal als Aufklärer.

Und wer als Aufklärer daherkommt, wer schonungslos Fehler der Vergangenheit benennt, der hat nicht nur Mut, der bekommt auch Macht über andere. Auch das ist ein Teil der Geschichte dieser Aufarbeitung: Marx war erst seit Februar 2008 der Chef des Bistums - er war neu hier. Und die Fehler hatten die anderen gemacht, sein Vorgänger Kardinal Friedrich Wetter, die alten Weihbischöfe, Generalvikare, Personaldezernenten. Das macht es leicht, diese Fehler zu suchen und zu benennen - und Konsequenzen zu ziehen. So wurde zum Beispiel der damalige Personalchef Wolfgang Schwab vorzeitig abgelöst, und auch die Reform, die die Arbeit im Ordinariat straffte und zugleich hierarchisierte, begründete Marx mit den Konsequenzen aus dem Missbrauchsskandal.

Als das rote Buch in den Tresor kam, da war die Ära Wetter im Erzbistum endgültig vorbei. Wer von der alten Riege wollte noch gegen Reformen sein, wenn es doch darum ging, offensichtliche Missstände abzustellen? Wer aus der alten Zeit konnte noch offen die Zentralisierung beklagen, wenn er doch fürchten musste, vielleicht im roten Buch als jemand vorzukommen, der auch nicht konsequent genug gehandelt hat?

Die Verdienste der radikalen Aufklärung im Erzbistum schon im Jahr 2010 schmälert das nicht. Es erklärt aber, warum Generalvikar Beer und KFN-Direktor Pfeiffer zu Gegnern in der Sache wurden: Die kontrollierte Aufklärung der Münchner und der Wunsch nach größtmöglicher Unabhängigkeit vertragen sich nicht.