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Sexueller Missbrauch in der Kirche:Es war einmal ein großer Aufklärer

Münchner Erzbistum legt Missbrauchsbericht vor

Reinhard Marx bei der Pressekonferenz auf der die Rechercheergebnisse zum Missbrauch in der Erzdiözese München und Freising vorgestellt wurden.

(Foto: dpa)

Über Jahrzehnte hatte die Kirche das Thema sexuelle Gewalt verdrängt, die Täter geschützt, die Opfer alleine gelassen. Als die Taten an die Öffentlichkeit kamen, gab Kardinal Marx den großen Aufklärer - doch einer unabhängigen Analyse hat er sich in den Weg gestellt.

Von Matthias Drobinski

Es war ein trüber Wintertag zur Mittagsstunde, von der Stirnseite des Sitzungssaals schaute der gekreuzigte Jesus zu den Journalisten hin, vor ihm zur Linken saß Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising und seit zwei Wochen Kardinal. Bleich war er, die Hand stützte das Kinn; nicht er redete, das tat die Frau in der Mitte des Tisches: Marion Westpfahl, Anwältin, Aufklärerin im Auftrag des Erzbistums.

Ein halbes Jahr lang hatte die ehemalige Richterin und Staatsanwältin 13 200 Personalakten durchforsten lassen, hatte mit Verantwortlichen geredet, wie sie in der Vergangenheit mit Fällen sexueller Gewalt umgegangen waren. Nun fasste sie ihre Erkenntnisse zusammen. Sie öffneten den Blick in einen Abgrund. Und doch halfen sie auch dem Mann, der da schweigend neben Westpfahl saß; sie halfen ihm sogar sehr.

Was die Anwältin an diesem 3. Dezember 2010 vortrug, war wahrhaft niederschmetternd: Über Jahrzehnte hatte die Kirche das Thema sexuelle Gewalt verdrängt, die Täter geschützt, die Opfer alleine gelassen. Viele Akten über auffällig gewordene Priester waren verschwunden oder unvollständig geführt, einige lagerten beim ehemaligen Personalchef zu Hause.

Trotzdem fanden sich Hinweise auf sexuelle Übergriffe bei 159 Priestern und 96 Religionslehrern. Verurteilt wurde kaum einer von ihnen. Die Vertuschung und Verharmlosung hatte System, bis dahin, dass höherrangige Personen im Ordinariat erpresst wurden, weil sie schwul waren. So hart, so rückhaltlos und so selbstkritisch hat bis heute noch kein katholisches Bistum die Geschichte der sexuellen Gewalt aufgearbeitet.

Was allerdings genau bei der Aktensichtung herausgekommen ist, wissen bis heute nur wenige, vielleicht sogar nur drei Personen: Kardinal Marx, sein Generalvikar Peter Beer und eben Marion Westpfahl. Denn das Ergebnis der Untersuchung steht in einem 250 Seiten dicken, rot eingebundenen Buch, es hat die Auflage von genau einem Exemplar und liegt im Tresor des Generalvikars. Es heißt, nicht einmal der käme alleine an das rote Buch, es bräuchte einen zweiten Schlüssel, um die Tresortür zu öffnen - so brisant ist, was in dem roten Buch geschrieben steht. Nichts ist dort verschlüsselt. Dort stehen die Klarnamen, die Namen der Verantwortlichen; was sie taten oder unterließen, ist klar zuzuordnen. Das Erzbistum hat 2010 mutig Ergebnisse aus der Untersuchung veröffentlicht. Doch die tieferen Erkenntnisse sind nur für den Dienstgebrauch.

Das ist der wichtigste Unterschied vom Münchner Weg zum nun gescheiterten Projekt der Bischofskonferenz und des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN), und es erklärt, warum die Münchner von Anfang an skeptisch waren gegenüber dem Vorhaben. In Hannover wollte der KFN-Direktor Christian Pfeiffer einen möglichst umfassenden Zugang zu den Akten, um dann möglichst umfassend und unabhängig forschen und veröffentlichen zu können - was durchaus Probleme mit dem Datenschutz und dem Arbeitsrecht mit sich bringen kann.

Brisantes im roten Buch

In München handelte eine gesetzlich zur Verschwiegenheit verpflichtete Anwältin im Auftrag des Erzbistums, sie unterstützte mit ihrem Sachverstand die Arbeit von Erzbischof und Generalvikar. Probleme mit dem Datenschutz oder dem Arbeitsrecht gibt es bei diesem Weg keine - allerdings haben eben auch der Generalvikar und der Erzbischof die letzte Entscheidung darüber, was mit dem Abschlussbericht geschieht. Westpfahl hatte sich damals zwar zusichern lassen, dass sie freie Hand habe und die Essenz ihrer Erkenntnisse veröffentlicht würden. Doch hätte die Bistumsleitung sich dann anders entschieden, hätte sie das schlucken müssen.

Im Dezember 2010 wurden solche Feinheiten allerdings nicht diskutiert - das Erzbistum München und Freising hatte einen Scoop gelandet. Erstmals in diesen quälenden Monaten der Missbrauchsdebatte hatte hier jemand die Defensive verlassen, hatte gezeigt, dass es ihm ernst ist mit dem Wunsch, Täter zu enttarnen und die Strukturen aufzudecken, die sexuelle Gewalt und deren Vertuschung in der Kirche möglich machen. Und dieser Jemand war Kardinal Marx. Zum ersten Mal seit fast einem Jahr gab es wieder positive Schlagzeilen über die katholische Kirche: der neue Kardinal als Aufklärer.

Und wer als Aufklärer daherkommt, wer schonungslos Fehler der Vergangenheit benennt, der hat nicht nur Mut, der bekommt auch Macht über andere. Auch das ist ein Teil der Geschichte dieser Aufarbeitung: Marx war erst seit Februar 2008 der Chef des Bistums - er war neu hier. Und die Fehler hatten die anderen gemacht, sein Vorgänger Kardinal Friedrich Wetter, die alten Weihbischöfe, Generalvikare, Personaldezernenten. Das macht es leicht, diese Fehler zu suchen und zu benennen - und Konsequenzen zu ziehen. So wurde zum Beispiel der damalige Personalchef Wolfgang Schwab vorzeitig abgelöst, und auch die Reform, die die Arbeit im Ordinariat straffte und zugleich hierarchisierte, begründete Marx mit den Konsequenzen aus dem Missbrauchsskandal.

Als das rote Buch in den Tresor kam, da war die Ära Wetter im Erzbistum endgültig vorbei. Wer von der alten Riege wollte noch gegen Reformen sein, wenn es doch darum ging, offensichtliche Missstände abzustellen? Wer aus der alten Zeit konnte noch offen die Zentralisierung beklagen, wenn er doch fürchten musste, vielleicht im roten Buch als jemand vorzukommen, der auch nicht konsequent genug gehandelt hat?

Die Verdienste der radikalen Aufklärung im Erzbistum schon im Jahr 2010 schmälert das nicht. Es erklärt aber, warum Generalvikar Beer und KFN-Direktor Pfeiffer zu Gegnern in der Sache wurden: Die kontrollierte Aufklärung der Münchner und der Wunsch nach größtmöglicher Unabhängigkeit vertragen sich nicht.

© SZ vom 11.01.2013/wib

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