Sendling-Westpark:Urbanes Dilemma

Wohnungen oder Grünanlage? Lokalpolitiker diskutieren, ob auf dem Areal einer alten Tankstelle gebaut werden oder ein Park entstehen soll

Von Berthold Neff, Sendling-Westpark

Was ist wichtiger: Im Grünen aufzuatmen oder ein Dach über dem Kopf zu haben in einer Stadt, in der Wohnungen kaum zu finden und meist unbezahlbar sind? Mit dieser kniffligen Frage hat sich der Bezirksausschuss (BA) Sendling-Westpark in seiner jüngsten Sitzung auseinandergesetzt. Bei der Hybrid-Sitzung, an der elf BA-Mitglieder im Sozialbürgerhaus an der Meindlstraße anwesend waren und zwölf von zu Hause aus zugeschaltet waren, wurde über einen Antrag von Sandra Tänzler (Grüne) debattiert - und zwar sehr kontrovers. Die Grüne Tänzler fordert nämlich, auf dem Grundstück an der Ecke Passauerstraße/Euckenstraße, wo sich früher eine Esso-Tankstelle befand, nicht wie geplant Wohnungen zu errichten, sondern eine "kleine Grünanlage anzulegen, vorzugsweise mit Brunnen". Dadurch könnten die vorhandenen Bäume am Rand des Grundstücks erhalten bleiben. Sie begründete ihren Vorstoß damit, dass speziell die Siedlung westlich der Passauerstraße und südlich der Albert-Roßhaupter-Straße als Gebiet "mit hoher klimatischer Belastung klassifiziert" sei.

Tankstelle Passauerstrasse 20

Versiegelt und im Sommer aufgeheizt: Um das Areal der früheren Tankstelle ist ein Streit entbrannt - begrünen oder bebauen.

(Foto: Catherina Hess)

Dem Bericht zufolge, so Tänzler, sollen in solchen Gebieten "durch Entsiegelung ausreichend große beschattete Areale mit hohem Vegetationsanteil ausgebildet werden". Und sie erinnerte daran, dass die Landeshauptstadt München dieses Flurstück erworben habe und nun die Gelegenheit hätte, den Empfehlungen der Stadtklimaanalyse zu folgen. Diese stammt aus dem Jahr 2014 und wurde von der Geo-Net Umweltconsulting GmbH aus Hannover im Auftrag der Stadt ausgearbeitet.

Tankstelle Passauerstrasse 20

Grün ist das Areal, um dessen Zukunft diskutiert wird, heute schon - allerdings nur an seinen Rändern.

(Foto: Catherina Hess)

Was in dem Grünen-Antrag nicht steht: Das Grundstück wurde von der Stadt explizit dafür erworben, damit die städtische Wohnungsbaugesellschaft GWG dort Wohnraum schaffen kann. Stefanie Krammer (SPD) erinnerte daran und begründete damit, warum ihre Fraktion das Ansinnen der Grünen ablehnt. Auch der SPD-Fraktionssprecher Walter Sturm schlug in diese Kerbe. Er begrüße natürlich jedes Stück Grün, das irgendwo gerettet oder neu geschaffen werden könne, "aber nicht auf diese Art". Unterstützung erhielt die SPD in dieser Frage auch von der CSU. Deren Fraktionssprecher Alfred Nagel bekräftigte, dieses Areal müsse "lieber für Wohnungen freigehalten werden". Die Grünen-Fraktionssprecherin Maria Hemmerlein räumte ein, dass auch sie der Meinung gewesen sei, dass die Stadt dieses Grundstück kaufen und dort Wohnungen errichten solle. Dennoch plädierte sie dafür, dass sich das Stadtviertel-Gremium intensiv mit dem Wohnungsbau-Projekt auseinandersetzen solle, "damit dort nichts nach 08/15, sondern etwas Besonderes entsteht". Ihre Fraktionskollegin beharrte darauf, dass die Klimadaten eindeutig zeigten, wie dringend mehr Grün an dieser Stelle wäre, um das Stadtklima zu verbessern. Letzten Endes wurde beschlossen, das Thema in den Unterausschuss Bau, Stadtplanung und Umwelt zu verweisen, damit es dort im Detail erörtert werden kann.

Klar ist allerdings: Im stadtweiten Vergleich, den das Statistische Amt im Jahr 2017 vornahm, steht Sendling-Westpark nicht schlecht da, gehört mit einem Grünanteil von 17,2 Prozent zu den Stadtvierteln, deren Grünflächen-Anteil zwischen 15 und 26 Prozent liegt. Angeführt wird diese Liste von Schwabing-Freimann (26 Prozent), Milbertshofen-Am Hart (24,9) und Neuhausen-Nymphenburg (21,8). Die Spitzenreiter profitieren von den großen Parks, etwa dem Englischen Garten, den Isarauen, dem Nymphenburger Schlosspark oder dem Olympiapark. Sendling-Westpark punktet vor allem dank zweier großer Grünflächen: dem Sendlinger Wald und dem Westpark. Diese Statistik sagt allerdings kaum etwas darüber aus, wie es in den dicht bebauten Quartieren um das Stadtklima bestellt ist. Gerade dort, wo sich die Stadt durch die Versiegelung im Sommer stark aufheizt, fehlt oft das kühlende Grün - oder das Wasser.

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