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Scorpions in München:Pfeif es noch einmal, Klaus

Die Stimme von Klaus Meine ist noch immer so glasklar, dass sie Eisblöcke zerschneiden könnte.

Seine Stimme ist noch immer so glasklar, dass sie Eisblöcke zerschneiden könnte: Klaus Meine von den Scorpions in München.

(Foto: dpa)

Ein Musiksender, der keine Musik mehr spielt, trifft auf eine Hardrock-Band, die keine E-Gitarren dabei hat: Kann das gut gehen? Natürlich nicht. Beim Tourauftakt der MTV Unplugged Tour der Scorpions ist das Publikum lauter als die Band. Die Schuldigen sind schnell gefunden: die verdammten Barhocker.

Auf der Bühne der Münchner Olympiahalle stehen griechische Stelen. Dahinter: Projektionen von antiken Helden. Ganz vorn: drei Barhocker. Das kann ja heiter werden. 2013 traten die Scorpions zwei mal im ausverkauften Lycabettus Theater in Athen auf. MTV hatte zum Unplugged-Konzert geladen. Ein Musiksender, der keine Musik spielt, traf auf eine Hardrock-Band, die keine E-Gitarren spielt. Die Griechen, seit jeher eine harte Fanbase der Hannoveraner, feierten die stromlosen Scorpions trotzdem frenetisch. Das brachte die Band wohl auf die Idee, mit den Barhockern auf Tour zu gehen. Vier Konzerte absolvieren die Hardrocker, integriert in die seit mehr als drei Jahren andauernde Abschiedstournee der Scorpions. Erste Station: die Münchner Olympiahalle.

Schon das Gedudel vor dem Konzert ist so leise und harmlos, dass sie nicht einmal Oma beim Mittagsschläfchen aufwecken könnte. Das Publikum ist entsprechend gesittet: Kuttenträger, die den Scorpions seit mehr als 40 Jahren die Luftgitarre halten? Mangelware. Doch Ausnahmen bestätigen die Hardrock-Regel. In Reihe Drei setzt sich unmittelbar vor Beginn ein Vater auf die Tribüne. Graues schütteres Haar, zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden. Er trägt ein ausgeblichenes T-Shirt mit der Aufschrift "Scorpions - Rock The World - Chicago 1991". Aus dem Ärmel ragt der Stachel eines tätowierten Skorpions. Man glaubt ihm sofort, dass er tatsächlich in den USA dabei war. Neben ihm seine Tochter, ähnliches Outfit, minus Bierbauch. Sie zückt ihr Handy, macht ein Foto von der Bühne und postet es auf Facebook.

Ohrensausen gibt es an diesem Abend nicht

Derweil schlurfen Klaus Meine, Rudolf Schenker und Matthias Jabs bedächtig auf die Bühne, setzen sich auf die Barhocker. Das hier ist schließlich unplugged, also ein bisschen mehr Hochkultur, erst recht wenn man Jahrzehnte damit verbracht hat, in hautengen Hosen menschliche Pyramiden zu bilden. Ihnen folgt ein Sammelsurium an Musikern. Streicher, Klavier, Mundharmonika, Percussions, Mandoline, Sitar - die Scorpions haben alles dabei. Nur einer fehlt: Schlagzeuger James Kottak. Der wurde, wie die lokale Tageszeitung "The National" berichtet, wegen Beleidigung von Muslimen in Dubai zu einer einmonatigen Haftstrafe verurteilt. Die Band verliert darüber kein Wort. Dem Publikum fällt es auch nicht weiter auf.

"Sting In The Tail" vom letzten Studioalbum ist der Opener und schon da ist klar: Ohrensausen wird es an diesem Abend nicht geben. Das Publikum jubelt lauter als die insgesamt 17 Musiker spielen. Dafür ist Klaus Meines Stimme noch immer so glasklar, dass sie Eisblöcke zerschneiden könnte. Da sitzt jeder Ton.

Überhaupt Klaus Meine: Der Mann ist schon ein Phänomen. Er sagt "Ämphytheater" und meint "Amphitheater". Er ruft "Geht's euch gut?" und "Lasst mal da hinten was von euch hören!". Er nennt seine Streicher-Sektion "Strings from Heaven". Er holt eine blonde Sängerin im Wallekleid mit Diadem auf die Bühne, nur damit sie ein paar Sätze spricht. Und das alles ist ihm nicht peinlich.

Stumpfer Hardrock, banale Texte, große Stadien

Die Scorpions unterschied schon immer eines von anderen deutschen Bands (abgesehen von 150 Millionen verkauften Alben): Ihnen waren die Kritiker egal. Die sich über den stumpfen Hardrock lustig machten. Die banalen Texte. Den nicht zu überhörenden deutschen Akzent. Denn während die einen sich beschwerten, spielten die Scorpions in den größten Stadien der Welt.

Das funktionierte mit einer Verstärkerwand im Rücken tadellos. Unplugged sieht das anders aus. Wo sonst die Stromgitarren dröhnen, schwelgen nun die Streicher. Das kann nicht gut gehen. Zwar brilliert Gastsängerin Cäthe bei "In Trance" und der Hamburger Johannes Oerding, sonst eher für Radio-Pop bekannt, erweist sich als veritabler Hardrock-Sänger ("Hit Between The Eyes"), an die elektrischen Originale reicht das aber nicht heran.

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Dem Publikum ist das schier egal. Sie wedeln bei "Send Me An Angel" brav mit den Armen und singen lauthals den Refrain. Und selbst als Gitarrist Rudolf Schenker bei seiner Eigenkomposition so schief nölt, dass Dieter Bohlen das Zahnpastagrinsen aus dem Gesicht fallen würde, feiert die Menge. Überhaupt das Publikum: Das huldigt den Scorpions, als wäre das tatsächlich ihre letzte Tournee (und als würden sie es sich in ein paar Jahren nicht sowieso noch einmal überlegen). In der ersten Reihe tanzen Frauen in den 50ern entfesselt, die Arme in der Luft, die Handtaschen über dem Kopf schwingend. Der Hardrocker mit Tochter in Reihe Drei beginnt irgendwann unablässig mit dem Kopf zu nicken. Seine Tochter schaut rüber und grinst breit.

Das Grinsen wird noch breiter, als die Scorpions nach zwei Stunden zur Zugabe ansetzen. Die Hits haben sie sich für den Schluss aufgehoben. Klaus Meine sieht eine Scorpions-Fahne im Publikum, schnappt sie sich und legt sie über die Schultern. Er setzte sich wieder auf seinen Hocker und pfeift das unabwendbare "Wind of Change". Tausende Smartphones laufen. Dann "Still Loving You", die weitaus bessere Power-Ballade der Hannoveraner. Und bei "Big City Nights" und "Rock You Like A Hurricane" wird es tatsächlich noch einmal laut.

Rudolf Schenker und Matthias Jabs erheben sich endlich und reißen die Gitarren hoch. Da ist das Stadion, da ist der Hardrock, da sind die Posen. Da sind endlich die Scorpions! Hätte ihnen nur jemand schon früher die Barhocker weggenommen.

© Süddeutsche.de/bica