Schwimmunterricht Die Hälfte aller Münchner Grundschüler kann nicht richtig schwimmen

Der Schwimmunterricht für die Kinder der Grundschule an der Manzostraße findet im Schwimmbad der Grundschule an der Pfarrer-Grimmstraße statt. Dort müssen sie erst mit dem Bus hinfahren.

(Foto: Alessandra Schellnegger)
  • 25 Meter am Stück schwimmen oder in schultertiefem Wasser nach einem Ring tauchen - das bekommt jedes zweite Kind zwischen fünf und elf Jahren nicht hin.
  • Das hat eine Umfrage unter Münchner Eltern ergeben.
  • In einer "Schwimmoffensive" will die Stadt nun mehr Kurse anbieten, vor allem für Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter.
Von Melanie Staudinger

Es gibt Dinge, die ändern sich nie. Das obligatorische Spiel zum Ende einer Sportstunde fällt zum Beispiel in diese Kategorie. Bei den Viertklässlern der Grundschule an der Manzostraße steht heute "Wer hat Angst vorm Wassermann" an. 18 Kinder tummeln sich im Schwimmbecken, das gerade einmal acht auf 15 Meter misst. Felix, der Wassermann, tut sich im Gedränge also leicht beim Fangen. Bereits im dritten Durchgang hat er alle erwischt, was auch daran liegt, dass längst nicht alle seine Klassenkameraden schwimmen können.

Seit eineinhalb Jahren geht Lehrerin Diana Sandner mit ihren Schülern schwimmen. Ihr Fazit ist ernüchternd: "Im Grunde genommen können wir ihnen das Schwimmen nur beibringen, wenn sie auch in ihrer Freizeit üben", sagt sie. Nur eine Schulstunde pro Woche ist vorgesehen, man bräuchte aber zwei. Sandner ging deshalb in der dritten Klasse nur alle zwei Wochen mit den Kindern schwimmen, jetzt in der vierten Klasse jede Woche, dafür nur im ersten Halbjahr.

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Schwimmunterricht ist das Stiefkind in den Grundschulen. Das liegt - und das zeigt ein Besuch an der Manzostraße ziemlich genau - vor allem an den Rahmenbedingungen. Eine Umfrage unter Münchner Eltern hat ergeben, dass nur die Hälfte aller Kinder zwischen fünf und elf Jahren eine zufriedenstellende Schwimmkompetenz hat, also nach einem Sprung vom Beckenrand 25 Meter am Stück schwimmen und einen Ring aus schultertiefem Wasser herauftauchen kann.

Die Gründe dafür: Viele Kinder haben Angst vor Wasser, und Eltern ist oft gar nicht bewusst, wie wichtig es wäre, dass die Kinder Schwimmen lernen - zudem fehlt das schulische Angebot. In den ersten und zweiten Klassen, so gaben die Eltern an, haben fast 80 Prozent der Kinder keinen Schwimmunterricht. In der dritten und vierten Klasse kehrt sich das Verhältnis dann um. Dennoch fallen oft Stunden aus - weil die Lehrerin krank, die Schwimmhalle belegt oder kein Fachlehrer vorhanden ist.

Wenn Schwimmen ansteht, bedeutet das für Lehrerin Sandner erst einmal Stress. 24 Kinder sind in ihrer Klasse, sie alle müssen ihre Jacken und Schuhe anziehen. Um halb zwölf wartet der Bus, der die Gruppe in einer zehnminütigen Fahrt zur zweieinhalb Kilometer entfernten Grundschule an der Pfarrer-Grimm-Straße bringt. Sie hat ein Schwimmbad, was Luxus ist, es gibt in der Stadt 134 Grundschulen und nur 32 Schulbäder. Sandner treibt die Kinder immer wieder an. Schuhe im Gang ausziehen, ab in die Umkleidekabine, unter die Dusche, Badehauben aufsetzen, am Beckenrand hinsetzen, Zweiergruppen bilden.

"Wir schwimmen uns jetzt ein", sagt Sandner und blickt kurz an die Decke. Dort fehlen die Platten, es tropft, man sieht Schimmel - keine besonders angenehme Arbeitsatmosphäre. Die Kinder wissen, was sie zu tun haben: einfaches Brustschwimmen auf die andere Seite, zwei auf einer imaginären Bahn, nach sechs Zügen ist der Beckenrand erreicht - doch nicht alle Schüler schaffen das. Einige setzen öfter den Fuß auf den Boden, ist ja nur höchstens 1,30 Meter tief. Einer braucht noch eine Schwimmhilfe. Immerhin trauen sich mittlerweile alle ins Wasser. Am Anfang der dritten Klasse, so erzählt Sandner, sei das noch nicht so gewesen. Ein kleiner Erfolg. "Achte auf deine Arme und Beine", sagt die Pädagogin und beobachtet die Kinder vom Beckenrand aus. Ins Wasser geht sie nicht, die Vorschriften verbieten das.

Eigentlich sollte es im Schwimmunterricht noch eine Hilfskraft geben

Was Lehrer beachten müssen, hat das Kultusministerium in einer Bekanntmachung von 1996 geregelt, die den Titel "Durchführung von Schwimmunterricht an Schulen" trägt. Für Schwimmer und Nichtschwimmer seien eigene Gruppen einzurichten, steht dort geschrieben. Auch von einer Hilfskraft ist öfter die Rede, die gemeinsam mit der Lehrkraft "Parallelunterricht der Schwimmer und Nichtschwimmer" anbieten könne oder die Schüler beaufsichtige, während die Lehrkraft im Wasser einzelne Schüler unterrichte. Das Kultusministerium verrät allerdings nicht, wo diese Hilfskraft überhaupt herkommen soll. An den Schulen jedenfalls gibt es eine solche nicht. Ganz im Gegenteil: Wie die Elternbefragung der Stadt gezeigt hat, existieren ja nicht einmal genügend Lehrer.

Für die Grundschulen ist der Freistaat zuständig, dennoch will sich die Stadt nun um die Schwimmkompetenz der Kinder kümmern. In einer Schwimmoffensive will der Stadtrat mehr Kurse anbieten, vor allem für Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter. Vier Schulschwimmbäder haben dafür in den Ferien und an Samstagen geöffnet. Schwimmvereine oder andere geeignete Träger übernehmen den Schwimmunterricht für Anfänger und Fortgeschrittene in Kooperation mit dem Bildungsreferat. Für Flüchtlinge und Frauen mit Migrationshintergrund wird es eine Reihe von Anfängerkursen geben, Angebote für Menschen mit Behinderungen sind in Planung. Damit alle teilnehmen können, unabhängig davon, wie viel Einkommen der Familie zur Verfügung steht, können sich bedürftige Teilnehmer von den Kursgebühren befreien lassen.

"Sport muss einen höheren Stellenwert im Unterricht bekommen"

"Das wäre eigentlich die Aufgabe des Freistaats", sagt Stadtschulrätin Beatrix Zurek (SPD). Die Stadt wolle mit der Schwimmoffensive ein Signal setzen, dass man durchaus etwas unternehmen könne. Zurek sieht es als problematisch an, dass zu wenige Lehrer an Grundschulen überhaupt Schwimmunterricht geben dürfen. Ihnen fehlt die Fortbildung zum Rettungsschwimmer. "Sport muss einen höheren Stellenwert im Unterricht bekommen", fordert Zurek. Das Kultusministerium sieht sich allerdings nicht in der Verantwortung. "Die Vermittlung der Fähigkeit des Schwimmens ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die im Vorschulalter im Elternhaus, in einem Schwimmverein oder bei einer der Wasserrettungsorganisationen beginnen sollte", erklärt ein Sprecher auf Nachfrage. Er räumt zwar ein, dass Sportunterricht wegen Krankheit der Lehrkraft ausfallen könne - eine Statistik darüber existiere aber nicht. Und für ausreichende Schwimmhallen sei die Stadt als Sachaufwandsträgerin zuständig.

Von diesem Kompetenzgerangel bekommen die Kinder von der Manzoschule nichts mit. Sie haben Brustschwimmen geübt und mit den Bein- und Armbewegungen fürs Kraulen begonnen. Nach 25 Minuten ist der Unterricht wieder vorbei - duschen, umziehen, Haare föhnen und ab in den Bus. Jetzt müssen sich die Mädchen und Jungen nicht ganz so beeilen wie auf der Hinfahrt. Sie fahren zwar zurück zu ihrer Schule. Von dort aus gehen sie aber in den Hort, die Mittagsbetreuung oder nach Hause - Unterricht findet nicht mehr statt.

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