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Schwanthalerhöhe/Obersendling:Stark werden

Das Projekt "Queer Yourope" unterstützt junge Leute, die rassistisch angefeindet und wegen ihrer sexuellen Identität diskriminiert werden. Es geht um die Erfahrung, nicht allein zu sein und darum, Selbstbewusstsein zu entwickeln

Von Ellen Draxel, Schwanthalerhöhe/Obersendling

Anna R. ist selbstbewusst und wortgewandt. Die 19-Jährige studiert Nordamerikanistik an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), ist in München geboren und aufgewachsen. Sie ist halb Italienerin, halb Kroatin. Und musste schon früh erfahren, wie es sich anfühlt, rassistischen Anfeindungen und Vorurteilen ausgesetzt zu sein. Sätze wie "Du solltest eine Burka tragen, das würde Dir stehen" hat sie immer wieder gehört. Mit 13 durfte sie eine Freundin nicht mehr sehen, weil sie ja "aus dem Osten" komme. Die schlimmste Erfahrung aber, erzählt Anna R., habe sie mit dem Jugendamt gemacht. "Damals war ich in der elften Klasse Gymnasium, und der Sachbearbeiter meinte allen Ernstes, ich könne nicht richtig lesen." Kein Einzelfall, weiß die junge Frau: "Für viele Menschen, die aus dem Ausland kommen, ist diese Art des Umgangs bei Behörden Realität."

Lina I. (rechts) im Gespräch mit Anna R.

(Foto: Gino Dambrowski)

Diskriminierungen treffen Migrantinnen und Migranten. Aber Vorurteile und Machtspiele haben viele Formen, sie treffen auch all jene, die etwa lesbisch, schwul, bisexuell, trans- oder intergeschlechtlich, kurz LSBTI, sind. Anna R. ist bisexuell - und muss in Posts von Bekannten lesen, dass schwule Menschen keine Rechte haben sollten. "Ziemliche Probleme" hat sie auch zu Hause: Ihre kroatische Großmutter, mit der sie zusammenwohnt, ist "extrem katholisch". Sie gibt Sätze von sich wie: "Solche Menschen sollten keine Kinder haben, das ist unnatürlich, die kommen alle in die Hölle." Höre man so etwas permanent, sagt die Enkelin, zweifle man zwangsläufig an sich. "Der lange gelernte Hass auf sich selbst schläft ja immer in einem drin." Umso wichtiger sei es, "zu wissen, dass man nicht alleine ist und Freunde hat, die in der gleichen Lage sind".

Queere Jugendliche

"Eine Gruppe von queeren jungen Menschen of Color, die sich treffen, um sich gegenseitig zu stärken, sich auszutauschen und zu vernetzen": So definiert Lina I. das Projekt "Queer Yourope".

(Foto: Queer Yourope)

Bei "Queer Yourope" hat Anna R. diese Freunde gefunden. Seit einem Jahr besucht sie das Café des seit August 2019 existierenden Projekts an der Ganghoferstraße 41, trifft Menschen aus vielen Kulturen. "Wir waren schon im Kino, haben gemeinsam gekocht und waren beim Black-Lives-Matter-Protest." Es sei schön, sagt die Studentin, "dass es einen Ort gibt, wo man sich austauschen und weiterbilden kann".

"Queer Yourope" unterstützt Jugendliche zwischen 14 und 27 Jahren, die Rassismen und zusätzlich LSBTI-Diskriminierungen erfahren. Das Projekt ist Teil der Initiativgruppe des Vereins Interkulturelle Begegnung und Bildung, deren Ziel es ist, jungen Leuten Schlüsselkompetenzen für eine selbstbestimmte Teilnahme am gesellschaftlichen Leben mit auf den Weg zu geben. "Wir sind", erklärt Pädagogin Lina I., "eine Gruppe von queeren jungen Menschen of Color, die sich treffen, um sich gegenseitig zu stärken, sich auszutauschen und zu vernetzen." Gemeinsam mit ihrem Kollegen Ramazan D. betreut und koordiniert die 24-Jährige unterschiedliche Aktivitäten: Sie organisieren Kinobesuche, gehen mit der Peer-Group in Ausstellungen oder Konzerte, machen Wanderungen, Klettertouren und Bildungsreisen. Vergangenen Sommer waren sie in Augsburg und trafen eine andere queere Gruppe. Auch rassismuskritische Workshops zu Themen wie Geschlechterrollen oder sicheres Dating werden im Rahmen des Projekts angeboten. "Eine Teilnehmerin hat im Juli beim Christopher-Street-Day gesprochen und dort erzählt, wie wichtig es sei, auf solidarische Art kritisch zu sein", sagt Lina I. Die Podiumsdiskussion wurde live gestreamt und auf Youtube und Instagram gepostet. Die Koordinatoren machen außerdem Beratungen, helfen bei der Wohnungssuche und bei Stipendien oder kümmern sich um Schüler, die gemobbt werden.

Gegen das Normalitätsdiktat

"Queer" ist ein Sammelbegriff. Er beschreibt eine Bewegung und wird emanzipatorisch von Menschen verwendet, die lesbisch, schwul, bi-, trans- oder intersexuell sind oder anderweitig nicht der heterosexuellen Geschlechternorm entsprechen. Das Wort, einst als Schimpfwort für Homosexuelle benutzt, ist heute positiv besetzt und hat eine politische Konnotation: Queerness impliziert einen Protest gegen Nivellierungen, Normalitätsdiktate und Zwangsanpassungen. Der Begriff grenzt Identitäten bewusst nicht scharf voneinander ab, um sichtbar zu machen, wie Machtverhältnisse solche Identitäten erst hervorbringen.

LSBTI ist die Abkürzung für Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transsexuell/Transgender und Intersexuell, englisch LGBTI (Lesbian, Gay, Bisexual, Transexuell/Transgender und Intersexual). Oft wird dieser Abkürzung noch ein Q für Queer oder Questioning hinzugefügt, um auch diejenigen Menschen zu integrieren, deren sexuelle und soziale Geschlechtsidentität uneindeutig ist. eda

Lina I. und Ramazan D. wissen, wovon sie sprechen. Auch sie sind Migranten und queer, haben Rassismus erlebt. Als Jugendlicher, erzählt der Betreuer, habe er "viele negative Erfahrungen mit der Polizei" gemacht. Leute, die sich für sehr aufgeklärt und gebildet hielten, reagierten extrem abweisend, wenn sie auf rassistische Bemerkungen angesprochen würden, sagt er.

Dabei ist Queer-Sein weit verbreitet, jede zehnte Person in Deutschland, sagt Lina I., sei queer. Diese Zahl will Andreas Unterforsthuber von der Münchner Koordinierungsstelle zur Gleichstellung von LSBTI so zwar nicht bestätigen. Aber laut einer repräsentativen Studie des Berliner Umfrage-Startups Dalia von 2016 rechnen sich 7,4 Prozent der Deutschen dieser Community zu. Und eines weiß Unterforsthuber: "Alle Angebote, die wir in München für diese Gruppe haben, sind voll. Es ist also eine erkleckliche Anzahl an Personen."

"Queer Yourope" will seinen Mitgliedern helfen, sich in einer "sexistischen und queerfeindlichen Gesellschaft zurechtzufinden. Stark und selbstbewusst zu werden. Noch bis Ende 2021 wird das Projekt durch die "Aktion Mensch" gefördert. Erreichbar sind die Ansprechpartner dienstags und mittwochs im Untergeschoss der Schertlinstraße 6, Telefon 748 08 89 14, per Mail an n.kirchhof@initiativgruppe.de oder auf Instagram: queeryourope.

© SZ vom 02.12.2020
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