Schwabing Der Kampf ums Wohnzimmer

Im Viertel eine Institution: Die Clemensburg kann auf viele Stammgäste zählen und ist auch für Fans von Borussia Dortmund eine Attraktion.

(Foto: Stephan Rumpf)

Politiker und Stammgäste stemmen sich gegen das Aus für die Schwabinger Gaststätte Clemensburg.

Von Ellen Draxel, Schwabing

Die politische Willensbekundung ist eindeutig - aber sie kommt zu spät. Die Clemensburg, "eines der letzten Traditionslokale im Stadtviertel und somit auch ein lebendiges Stück Schwabinger Stadtkultur, soll erhalten bleiben", fordert der Westschwabinger Bezirksausschuss. Wohl wissend, dass die Schließung der Gaststätte bereits beschlossene Sache ist. "Die Schlüsselübergabe ist am 1. Juli", erklärt Sonja Pintaric, eine der beiden Pächterinnen. Daran ändert auch die Unterstützung zahlreicher Münchner nichts mehr. 3000 Leute haben sich per Unterschrift für den Fortbestand der Kneipe eingesetzt, darunter "ganz viele ältere Herrschaften, die selbst keine Gäste sind", weiß Anke Wörheide. Sie haben unterschrieben, weil sie gegen das Kneipensterben im westlichen Schwabing angehen wollen. Ebenso wie die Lokalpolitiker.

Wörheide ist seit 20 Jahren Stammgast in der Clemensburg, sie wohnt in der Nähe und hat denselben Vermieter wie Pintaric: die Baugenossenschaft München-Schwabing. "Viele Genossen finden es sehr schade, dass es die Clemensburg in dieser Form nicht mehr geben soll", sagt sie. "Aber natürlich - es gibt auch kritische Stimmen. Die gibt es bei Szene-Lokalen immer."

Von der Genossenschaft hat Wörheide bislang nichts zum Thema Clemensburg erfahren, "was zur Folge hat, dass die Gerüchteküche blüht". Was also passiert nach dem 1. Juli? Wird die Kneipe zum Büro umfunktioniert - oder kommt wieder ein Lokal in die Räumlichkeiten? Herbert Frötsch, Mitglied im dreiköpfigen Vorstand der Baugenossenschaft, will sich dazu nicht mehr äußern. "An der Sachlage hat sich nichts geändert", erklärt er auf Nachfrage.

"Sie haben noch immer kein Konzept, wie es weitergehen soll", sagt Pintaric. Die Genossenschaft, das ist bekannt, will keine Fußballkneipe. Die Clemensburg aber gilt seit ein paar Jahren als das Münchner Mekka der Fans von Borussia Dortmund. Weil es laut Genossenschaft immer wieder Lärmbeschwerden von Nachbarn gab - von denen Pintaric mit einer Ausnahme aus dem Jahr 2011 aber nichts weiß - haben die Vermieter ein Lärm-Gutachten in Auftrag gegeben. Das Ergebnis: Um das Haus bei einem Kneipenbetrieb schalldicht zu dämmen, wären Investitionen in Höhe von 500 000 Euro nötig.

"Als ich diese Summe gehört habe, war ich zunächst skeptisch", gibt Ruth Waldmann zu. Inzwischen hat die im Viertel ansässige SPD-Landtagsabgeordnete jedoch recherchiert und herausgefunden, dass die Zahl, angesichts heutiger Standards, realistisch ist. Und ihr ist auch klar, dass solche Kosten nicht auf die Mieter umgelegt werden können. Sie hat bei ihren Nachforschungen aber gleichzeitig einen Architekten gefunden, der behauptet, es ginge auch günstiger. Nach welchem Konzept und um wie viel günstiger, müsse noch geklärt werden.

Für Waldmann ist die Clemensburg das "Wohnzimmer Schwabings", eine Wärmestube, in der man sich seit mehr als hundert Jahren trifft, in der man isst, ein kühles Bier trinkt und ratscht. Um dieses Wohnzimmer zu erhalten, will sie nichts unversucht lassen. Für die Finanzierung sucht sie jetzt deshalb Partner. "Das könnte eine Brauerei sein, die in einen namhaften Standort investieren will. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass die Borussen selbst Interesse hätten." Dass eine dann de facto Borussia-Dortmund-Kneipe ein "Stachel im Fleisch des FC Bayern" wäre, der nur 250 Meter weiter an der Clemensstraße im Jahr 1902 sein erstes Derby gegen den TSV 1860 München bestritt, ist Waldmann durchaus bewusst.

"Es geht ja gar nicht um uns Pächterinnen", bekräftigt Pintaric, "sondern um das große Ganze". Beide Seiten, sie als Wirtinnen und die Baugenossenschaft als Vermieter, hätten "in einigen Dingen falsch reagiert". Das tut ihr mittlerweile leid. "Was uns so schmerzt, ist die unwiderrufliche Zerstörung einer alteingesessenen Schwabinger Kneipe."