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Schwabing:Brücke zwischen drinnen und draußen

Das "Forum am Luitpold" der Pfennigparade sucht Ehrenamtliche, die die Bewohner des Hauses an der Belgradstraße als Begleiter in der Freizeit unterstützen

Max Schwarz kommt als erster. Schwungvoll steuert er seinen Rollstuhl an den gedeckten Tisch, streckt die Hand aus und stellt sich mit "Max, freut mich!" vor. Kurze Zeit später erscheint sein Freund Volkmar Sauer. Beide Männer erlitten vor ein paar Jahren einen Schlaganfall. Seitdem ist der frühere Unternehmensberater Max halbseitig gelähmt, aber noch äußerst wortgewandt, auch wenn er die Silben wegen der Lähmung nur leicht stakkatoartig zu formen vermag. Sauer hingegen, Vater von vier Kindern und bis zu seinem Hirnschlag von einer Baustelle zur nächsten unterwegs, kann zwar gehen und seine Arme bewegen, leidet infolge einer Gehirnblutung aber an Aphasie. Der 53-Jährige versteht alles, findet aber die Worte nicht, um sich auszudrücken. Gemeinsam sind die beiden ein Dream-Team: Max spricht für Volkmar, und Volkmar fungiert als Max' Fortbewegungsmotor.

Brunch im Bewohnertreff: Das Frühstück ist Teil eines Pilotprojekts.

(Foto: Catherina Hess)

Dass sich ausgerechnet diese beiden Männer an diesem Morgen im Bewohnertreff des Forums am Luitpold der Stiftung Pfennigparade einfinden, verwundert weder ihre Nachbarn noch die Betreuer. Sauer sei "der größte Motivator hier im Haus", sagt Anna Weilnhammer, die für das Betreute Wohnen im Forum zuständig ist. "Er hat die Gabe, Leute, ohne viel zu sprechen, zum Mitmachen zu bewegen. Ganz toll." Gleichzeitig werbe er fürs Entschleunigen, wenn man mal hektisch rennend an ihm vorbeikomme. "Weil er weiß, was auf Stress folgen kann." Sauer nickt zustimmend und summt zum Beweis die "Ballade pour Adeline".

Freiwillige sollen den Menschen im Haus an der Belgradstraße sowohl Begleiter in der Freizeit als auch Unterstützer beim Abbau von Berührungsängsten sein wollen.

(Foto: Catherina Hess)

Max Schwarz und Volkmar Sauer sind hier, weil das, was an diesem Tag stattfindet, Kommunikation pur bedeutet. Inzwischen haben sich noch weitere der insgesamt 92 Bewohner des Forums eingefunden - plus einige Ehrenamtliche. Es gibt Semmeln mit Butter, Marmelade, Wurst und Käse, dazu Kaffee, Tee, Saft. Der Brunch ist ein Novum - Teil eines Pilotprojekts, das ins Leben gerufen wurde, um Freiwillige zu gewinnen, die den im Haus an der Belgradstraße lebenden Menschen sowohl Begleiter in der Freizeit als auch Unterstützer beim Abbau von Berührungsängsten sein wollen.

Es gibt Brot mit Butter, Marmelade, Wurst und Käse, dazu Kaffee, Tee, Saft.

(Foto: Catherina Hess)

"Der Wunsch, mehr Kontakt zu Leuten zu bekommen, die außerhalb des geschützten Pfennigparaden-Radius leben, kam von den Bewohnern selbst", sagt Ursula Latka-Kiel. Die Diplompädagogin koordiniert das Projekt, das auch andere Aktivitäten wie Vorlesestunden, Film- oder Spieleabende beinhaltet. Sie verfügt über Erfahrung in dem Bereich, hat 24 Jahre lang Stadtteilarbeit gemacht und dabei unter anderem drei Nachbarschaftstreffs in Berg am Laim aufgebaut. Als die heute 70-Jährige in Rente ging, wollte sie nicht einfach die Füße hochlegen. "Eines Tages kam sie hier hereingeschneit und sagte, sie wolle sich engagieren", erinnert sich die Leiterin des Forums am Luitpold, Konstanze Riedmüller. "Helfende Hände", weiß Latka-Kiel, "werden immer gebraucht". Also packte sie mit an - zunächst auf ehrenamtlicher Basis, nun mit Honorar.

Zwei, die "Lust haben, was mit Menschen zu tun" und die Latka-Kiel bereits fürs die Mitarbeit gewinnen konnte, sind die Schwabinger Marita Scheibmayr und David Taoufik. Scheibmayr, Sozialpädagogin, Keramikerin und ehemalige Leiterin des Musischen Zentrums, war schon beim Spieleabend im Forum dabei, sie hat sich den Bewohnern selbst vorgestellt. "Ich habe keine Berührungsängste, warum auch? Hier kann man sich wohlfühlen, weil es menschelt - wie überall." Auch Friseur Taoufik ist an diesem Vormittag nicht das erste Mal in der Pfennigparade. "Ich war beim Kinoabend da und überwältigt von der menschlichen Wärme, die in diesem Haus herrscht", sagt der gebürtige Tunesier. Taoufik war 17, als er nach München kam, das ist lange her. Vier Jahre half er bei der Münchner Tafel mit. Dass er jetzt direkten Kontakt mit Menschen hat, die einer Unterstützung bedürfen, empfindet er "als Erfüllung und Geschenk". Gerne hätte er für seine Eltern gesorgt, doch sie waren zu weit weg. Beim Frühstück streicht Taoufik Butter auf Max' Brot und schenkt ihm Kaffee ein. "Inklusion", sagt Latka-Kiel, "heißt auch, gemeinsam zu genießen. Und hier beim Café kann man als Außenstehender gut Hemmschwellen abbauen". Einer speziellen Ausbildung bedarf es als freiwilliger Helfer nicht, zumal Latka-Kiel stets ein offenes Ohr hat und die Ehrenamtlichen engmaschig betreut. Aber viele Aktivitäten gehen im Forum eben nur, wenn sich genügend engagierte Helfer finden. Ausflüge etwa, weil dann Rollstühle gefahren werden müssen. Oder Basteleien, wie kurz vor Weihnachten, als Adventskränze zu binden waren.

Wer Interesse an einem ehrenamtlichen Engagement im Mehrgenerationenhaus Forum am Luitpold an der Belgradstraße 104-108 hat, meldet sich telefonisch bei Ursula Latka-Kiel oder Anna Weilnhammer unter 8393-4322. Ehrenamtliche Tätigkeiten sind versichert über die Pfennigparade, Fahrtkosten und Aufwendungen werden erstattet. Der Brunch findet 14-tägig immer donnerstags von 11 bis 12 Uhr im Bewohnertreff im ersten Stock über dem Café Scheidplatz statt, das nächste Mal am 16. Mai.