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Wohnungsbau in München:Boheme aus Beton

  • Das neue Quartier soll auch Magnet für Künstler sein. Ein Teil der Penthouse-Mieten soll in eine gemeinnützige GmbH fließen, die Kunstprojekte finanziert.
  • Realisiert werden 89 000 Quadratmeter Geschossfläche, davon sind 21 000 Quadratmeter für Büroflächen, 7400 Quadratmeter für Shops, Restaurants und Cafés reserviert. Dazu entstehen rund 210 Wohnungen.
  • Das neue Viertel soll autofrei sein: Die zukünftigen Bewohner können ihr Auto in einem 67 000 Quadratmeter großen Tiefgaragenkomplex abstellen.

Von Stefan Mühleisen, Schwabing

Als das Wort "Schwabylon" fällt, verziehen der Designer, der Gesellschafter und der Unternehmenssprecher das Gesicht, als hätten sie gleichzeitig in eine Zitrone gebissen. "Bad Karma", sagt Sprecher Steffen Warlich, schlimmes Schicksal. Mehr braucht er nicht sagen. Es wird deutlich: Für die Jost-Hurler-Gruppe war es undenkbar, den alten, legendären Namen wiederzubeleben. "Wir wollen ein belebtes und beliebtes Stadtquartier im Herzen Schwabings", sagt Maximilian Hurler, Gesellschafter und Enkel des Firmengründers über eines der größten Investorenprojekte in der Stadt, das den Namen "Schwabinger Tor" tragen wird.

Die Firmenleitung hat mit einem Vertreter der Kreativagentur, die für die Vermarktung zuständig ist, zum Pressegespräch in ein Gebäude am Rande der riesigen Baustelle an der Leopoldstraße geladen. Während draußen die Baumaschinen dröhnen, soll es drinnen um den Stand und die Perspektive für das Neubauprojekt gehen. Hurler kündigt an, dass zwei der insgesamt neun Gebäude im Nordteil des 4,2 Hektar großen Areals bis Ende des Jahres, das komplette Quartier bis zum Oktoberfest 2017 fertig sein soll. Der Investor will indes kein Allerweltswohngebiet hochziehen; Hurler präsentiert das "Schwabinger Tor" als kompaktes Stadtquartier, in dem der "Geist der Schwabinger Boheme" wieder lebendig werden soll.

"Schwabylon" ist Symbol für eine gigantische Fehlinvestition

Es ist kaum verwunderlich, dass der Investor nicht über "Schwabylon" sprechen will, dem gigantischen Pleiteprojekt, auf dessen verschwundenen Trümmern er baut. 1973 war hier, an der Westseite der Leopoldstraße unweit des Mittleren Rings, eine glitzerbunte Wohn-, Geschäfts- und Freizeitstadt entstanden. Mit großem Bohei angekündigt, wollten die Münchner den pyramidenartigen Superbau aber partout nicht toll finden - er verödete bald und wurde 1978 wieder abgerissen. "Schwabylon" wurde zum Symbol für eine gigantische Fehlinvestition.

Lange her. Und angesichts des angespannten Münchner Immobilienmarkts kann man von einem guten Karma für das "Schwabinger Tor" ausgehen, das auf einem Gebiet entsteht, welches jahrzehntelang von einem riesigen Metro-Supermarkt geprägt war. Ein Pleiteobjekt wird das sicher nicht - eher im Gegenteil. Realisiert werden 89 000 Quadratmeter Geschossfläche, davon sind 21 000 Quadratmeter für Büroflächen, 7400 Quadratmeter für Shops, Restaurants und Cafés reserviert. Dazu entstehen rund 210 Wohnungen, nur 32 davon sind öffentlich gefördert. Das gesamte Ensemble ist derart dicht angelegt, dass kein Platz für eine Kinderbetreuungseinrichtung blieb. "Das ging wegen der Anforderungen an die Freiflächen nicht und ist mit der Stadt abgesprochen", sagt Maximilian Hurler. Immerhin sollen drei Kinderspielplätze angelegt werden, einer davon ein "sehr attraktiver" Abenteuerspielplatz, wie er betont.

Autos werden im neuen Viertel unter die Erde verbannt

Die Mieten - Eigentumswohnungen wird es nicht geben - werden nach seinen Angaben zwischen 500 Euro in den geförderten Wohnungen und 5000 Euro in Penthouse-Appartements liegen; letztere sollen bis zu 180 Quadratmeter groß sein. Ein exklusiver Tummelplatz entsteht mit dem 5-Sterne-Hotel Andaz, das zur Hyatt-Kette gehört: 234 Zimmer, 13 Stockwerke, Dachterrasse mit "Sky-Lounge". Die zukünftigen Bewohner können ihr Auto in einem 67 000 Quadratmeter großen Tiefgaragenkomplex abstellen. Dadurch wird das neue Viertel komplett autofrei.

Der Investor hat den Anspruch, ein Quartier mit besonderen Charme zu schaffen. Als Leitmotiv nennt Hurler die Schwabinger Boheme. Das neue Quartier solle eine weltoffene Atmosphäre bieten - und auch ein Magnet für Künstler sein. "Wir wollen das Zusammenleben neu definieren." Das Konzept steht unter dem Motto "Talente. Teilen. Toleranz". Den Ansatz erklärt Hurler so: Leben im Schwabinger Tor soll für verschiedene "Stilgruppen" interessant sein - Menschen also, die sich über den gemeinsamen Lebensstil definieren. Ein Teil der Penthouse-Mieten soll etwa in eine gemeinnützige GmbH fließen, welche Kunstprojekte finanziert. "Damit können die Menschen in den hochpreisigen Wohnungen ihren Beitrag leisten", sagt Hurler.

Eine Handy-App wird die Teilkultur institutionalisieren. Per Smartphone sollen die Bewohner alles mögliche - vom Werkzeug bis zum Auto - teilen und tauschen können. Auch eine Car-Sharing-Flotte wird in der Garage bereit stehen. Als wichtig erachtet der Investor zudem eine durchgängige Ästhetik: Das Quartier wird ein urbanes Gefüge mit sechs Plätzen und architektonischen Akzenten, die sich auch in der Innenausstattung widerspiegeln. "Es ist ein ganzheitlicher Ansatz", so Hurler. Apropos Innenausstattung. Auf dem Gang zum Konferenzsaal hat man einigen Büros Namen gegeben. Auf einem steht tatsächlich "Schwabylon".

© SZ vom 11.07.2015
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