Schwabing Blau für Fisch, grün für Blumen

Verkaufsbuden mit Dachterrassen, Ecken ohne Konsumzwang, ein schönerer Platz: In einem Workshop schieben 45 Anwohner Klötzchen übers Spielfeld und gestalten so ihren neuen Elisabethmarkt. Resümee: "ein selten konstruktiver Abend"

Von Ellen Draxel, Schwabing

Damit hatten die Planer zunächst nicht gerechnet. "Sie müssen alle Stände unterbringen, Weglassen geht nicht", erklärt Architekt Rainer Hofmann den Bürgern zu Beginn des Gestaltungs-Workshops zum Elisabethmarkt. "Und Stapeln ist auch nicht machbar, das funktioniert in der Praxis nicht, die Leute gehen erfahrungsgemäß nicht in den ersten Stock."

Hofmann hat sich geirrt. Die Kompositionen, die 45 Schwabinger im Laufe von eineinhalb Stunden kreativer Gruppendiskussion am Donnerstagabend auf die Spieltische zaubern, beweisen: Es geht doch. Per Wendeltreppe erreichbare Dachterrassen mit viel Sonne wünschen sich die Nachbarn für den künftigen Markt. Dafür können Gastro-Stände auch mal eine Etage höher angesiedelt werden. Und der störende Müllkomplex, 54 Kubikmeter groß, soll nach dem Willen der Schwabinger von der Marktoberfläche verschwinden.

Mehrere der Klötzchen ergeben einen Stand, aber nicht alle Stände sind gleich groß. Für den Fischhändler Willinger etwa gibt es sechs blaue Steine, für die Metzgerei Weil zehn rote und für den Blumenstand Klüsener drei grüne.

(Foto: Stephan Rumpf)

Der Elisabethmarkt, für viele das Herz ihres Viertels, wird bis Mitte 2022 neu gebaut. Wie, das dürfen die Anlieger an diesem Abend mitplanen. Die Hälfte der Anwesenden wohnt nicht weiter als hundert Meter vom Platz entfernt. Einige haben schon vor dem Workshop daheim mit Legosteinen gepuzzelt. Jetzt sitzen sie an vier Tischen, vor sich ein vom Architekturbüro Bogevisch konzipiertes und von Modellbauern konstruiertes Markt-Spielfeld im Maßstab 1:100 mit abstrahierten Bäumen und einer Styropor-Fassade des künftig real 20 Meter hohen, benachbarten Stadtsparkassengebäudes. In Holzkisten warten 137 gefärbte Glasbausteine darauf, im Baufeld der Marktfläche drapiert zu werden. Mehrere der Klötzchen ergeben einen Stand, aber nicht alle Stände sind gleich groß. Für den Fischhändler Willinger etwa gibt es sechs blaue Steine, für die Metzgerei Weil zehn rote und für den Blumenstand Klüsener drei grüne. Von den insgesamt 22 Ständen plus Müllentsorgung und WC sind allein sieben Imbiss- oder Gastronomiebetriebe, die auch eine Freischankfläche benötigen. Zu berücksichtigen gilt es außerdem den Raum für Auslegewaren, insbesondere bei den Obst- und Gemüsehändlern. Keine ganz leichte Aufgabe, wie sich im Laufe des Abends herausstellt. "Wir haben so viele Klötze, egal, was wir machen, irgendeine Ecke wird immer darunter leiden", meint die Sprecherin von Tisch vier nach 45 Minuten.

Hier eine Bude, dort ein Standl.

(Foto: Stephan Rumpf)

Erste Ergebnisse gibt es zu diesem Zeitpunkt trotzdem bereits. Das "Labyrinth-Gefühl" des heutigen Marktes ist ein Wert, den Arbeitsgruppe eins gern erhalten würde, dessen Umsetzung sich bei einer klassischen Anordnung der Kuben aber als schwierig erweist. Deshalb schlägt das Team vor, die beiden aus der Marktoberfläche herausragenden Aufbauten als Basis hölzerner Dachterrassen zu nutzen, flankiert von Gastronomie. Damit könnte man nicht nur der Verschattung durch das Sparkassengebäude ein Schnippchen schlagen, auch die Unterbringung der Freischankflächen wäre charmant gelöst. Eine Idee, die alle anderen Gruppen sofort unterstützen. Nachbartisch zwei stellt fest, dass die Kleinteiligkeit angesichts gewünschter Aufenthaltsflächen "kaum umsetzbar" ist. Und Gruppe drei verortet einen Bäcker und eine Metzgerei umgehend auf der Seite der Arcisstraße, um die Versorgung der Schüler des angrenzenden Gisela-Gymnasiums und der Berufsschule sicherzustellen. Ein "Problem mit dem Müll" haben alle, Tisch drei wirft ihn gleich ganz raus und plant ohne die sechs schwarzen Glassteine. So ist es leichter, Lücken zu schaffen, wo es geht, schließlich sei "der Charme des Flanierens das Herz des Marktes".

Mit Klötzchen bauen Schwabinger, von Markthallenchef Boris Schwartz (Mitte) beobachtet, den Elisabethmarkt auf.

(Foto: Stephan Rumpf)

"Es ist", bestätigt Architekt Hofmann, "einfach super eng auf dem Platz". Was er anfangs ausgeschlossen hat, bietet er nun, nach Rücksprache mit Markthallen-Chef Boris Schwartz, an: "Wir überlegen, ob man einen momentan leeren Imbiss-Stand weglassen könnte." Weil in den Arkaden des Stadtsparkassengebäudes ja ohnehin Gastronomie angeboten werde. Also: Alles auf Anfang, fünf orangefarbene Klötzchen weniger. Wieder wird verschoben und kumuliert, neue Varianten entstehen. Team zwei beispielsweise ermöglicht einmal einen großzügigen Platz in der Mitte der Marktfläche, umgeben von sternförmig angeordneten Gastro-Ständen. Und in einer anderen Form einen rechteckig aufgeweiteten Platz mit zentralen Wegebeziehungen zwischen Wohngebäude und Markt sowie Gastronomie in Richtung Grün, damit Eltern einen Kaffee trinken können, wenn ihre Kinder auf dem Spielplatz toben.

Ob die Stände am Ende bewusst durchmischt oder nach Bio- und Fressmeile zusammengefasst sind, ob die Wege linear oder dynamisch verlaufen sollen, einig sind sich die Schwabinger in drei Punkten: Sie wollen Dachterrassen, sie wollen Plätze mit Aufenthaltsqualität ohne Konsum, und sie wollen - ergänzend zu der Marktplanung - einen schöner gestalteten Elisabethplatz, der mehr ist als eine Hundewiese. Eine Idee ist zudem, die künftig für den Interimsmarkt gesperrte Arcisstraße dauerhaft zu schließen.

Moderatorin Frauke Burgdorff lobt beim Resümee, sie habe "selten einen so konstruktiven Abend erlebt". Der Enthusiasmus der Schwabinger, pflichtet ihr Karl Huczala bei, "war fantastisch, wirklich großartig". Der Sprecher der Marktleute ist sich sicher: "Wir werden jetzt einen der schönsten Plätze Münchens bekommen, auch aufgrund dieses Workshops. Ganz herzlichen Dank."

Die Aufgabe der Architekten ist es nun, Teile der Entwürfe in Lösungen zu übersetzen. Die Ergebnisse sollen dann dem Westschwabinger Bezirksausschuss vorgestellt und im Infopavillon präsentiert werden.