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Schwabing:Bedrängt von der Büro-City

Bei der Infoveranstaltung zur Parkraumbewirtschaftung in der Parkstadt entlädt sich der aufgestaute Ärger der Anwohner: Sie erleben die Nachbarschaft der vielen großen Firmen als sehr belastend im Alltag

Der Vertreter des Fahrzeugkonzerns MAN formuliert mit leiser, behutsamer Stimme. Die Parkstadt Schwabing bezeichnet er als ein "besonderes Quartier" und spricht von der gemeinsamen Aufgabe, die Situation "für uns alle" besser, sicherer zu machen. "Wir sitzen alle im selben Boot", sagt der MAN-Mitarbeiter, der als Abgesandter von mehr als einem halben Dutzend Firmen zu diesem Anwohner-Informationsabend gekommen ist.

Die Reaktion fällt weder leise noch behutsam aus. "Mir stößt das übel auf, ich will nicht mit den Unternehmen in ein Boot gesetzt werden", stellt eine Besucherin donnernd klar. Die Mitarbeiter hätten die Freiheit, nicht mit dem Auto zur Arbeit zu fahren. "Aber was sollen wir Anwohner machen? Wir können das Auto ja nicht zusammenfalten und auf den Balkon stellen."

So klingt der Sound der Parkstadt Schwabing im Jahr 2019: Geballter Groll hat sich angestaut bei gut 2300 Bewohnern im Quartier zwischen Mittlerem Ring, Autobahn A 9 und Domagkstraße - und gut 70 Besucher lassen am Montag ihre Wut raus bei der Infoveranstaltung zur Parkraumbewirtschaftung im "Lihotzky"-Kulturzentrum im benachbarten Domagkpark, zu der das städtische Planungsreferat geladen hat.

Es ist die Empörung über rücksichtlose Pendler, die entweder durchs Quartier rasen oder mit Hotel-Gästen um Parkplätze konkurrieren. "Seit 13 Jahren wohne ich hier, es ist wahnsinniger Stress", schildert eine Besucherin das Leben in der Parkstadt. Es ist ein Leben umstellt von Bürokomplexen großer Unternehmen wie Microsoft, Osram, Züblin, Amazon, MAN. 12 000 Arbeitsplätze gibt es in dem 40 Hektar großen Gebiet - und bei der Veranstaltung wird erneut deutlich, dass dieser Stadtteil einen besonderen Geburtsfehler hat, an dem wohl nur herumgedoktert, der aber nicht geheilt werden kann.

Leben zwischen den Komplexen: Die Parkstadt Schwabing war zunächst als reines Gewerbegebiet geplant, bis der Generalunternehmer auf Wohnungsbau umschwenkte. Seit langem ist die Verkehrsinfrastruktur überlastet.

(Foto: Catherina Hess)

Das ehemalige Industriegebiet wird seit der Jahrtausendwende vom Immobilienentwickler Argenta, größter Grundeigentümer in dem Gebiet, entwickelt. Anfangs hatte Firmenchef Helmut Röschinger eine reine Büro-City im Sinn, schwenkte im Zuge einer Gewerbeflaute dann auf Wohnbebauung um; auch auf den letzten Brachflächen sollen Wohnungen entstehen. Das Ergebnis: ein Hybride aus Gewerbe- und Wohngebiet, dessen Verkehrsinfrastruktur heillos überlastet ist. Das Areal ist nur durch die Trambahnlinie 23 öffentlich angebunden - die hält aber im äußersten Westen, die Firmenkomplexe sind im Osten. So verstopfen die Büromenschen mit ihren Autos Straßen und Stellplätze. Die Anwohner sind deshalb sauer auf die Firmen, die ihrerseits stinkig auf die Stadtverwaltung sind, die der Malaise lange tatenlos zusah. Denn im Wettbewerb um die besten Fachkräfte ist die angespannte Lage inzwischen ein negativer Standortfaktor. Sie schreckt so manchen Bewerber ab. "Wir wollen eine Lösung finden, die die Situation für alle in der Parkstadt nachhaltig verbessert", betont der MAN-Verteter, der nicht öffentlich genannt werden will.

Doch eine allseits akzeptierte Lösung wird kaum möglich sein, wie der Verlauf der Veranstaltung zeigt. Das Planungsreferat hat immerhin einen Lösungsvorschlag zur Parkraum-Bewirtschaftung: In den parallel in Ost-West-Richtung aufgereihten Wohnstraßen soll von Montag bis Freitag auf gut 400 Stellplätzen von 9 bis 18 Uhr eine Parkdauer von zwei Stunden erlaubt sein; in der Wilhelm-Wagenfeld- und einem Abschnitt der Lyonel-Feiniger-Straße wird das Parken im selben Zeitraum gebührenpflichtig. Das Kalkül: Für das Heer der Büro-Arbeiter fallen diese Stellplätze weg, ebenso für Wohnmobil-Dauerparker; Parkstadt-Bewohner können dafür während der Woche schon ab 16 Uhr dort gratis ihre Wagen abstellen. Entlang der Nord-Süd-Achsen bei den Firmenkomplexen bleibt das Parken dagegen kostenlos. "Es wäre ein erster Schritt", betont Benjamin Stjepanovic vom Planungsreferat.

Doch Begeisterung löst das nicht aus, im Gegenteil. "Das greift alles viel zu kurz", sagt ein Besucher nahezu ungehalten. Er meint damit auch den Vortrag des MAN-Vertreters zu den Vorstellungen der Unternehmen in der Parkstadt für ein "Mobilitäts-Zukunftskonzept": E-Scooter und Leihfahrräder an den U-Bahnhöfen "Alte Heide" und "Studentenstadt" sollen zur Anreise mit der U-Bahn animieren; schon im Herbst sollen vier der neuen MVG-"Isartiger"-Sammeltaxis die Parkstadt bedienen. Ferner glauben die Firmen, dass es Entlastung brächte, die Nord-Süd-Achsen teils zu Einbahnstraßen, teils zu Fahrradstraßen umzuwidmen. "Das ist Mangelverwaltung", so der barsche Kommentar eines Besuchers dazu. Es brauche viel mehr Parkplätze, fordert er und erinnert daran, dass die Brache, die Microsoft als Mitarbeiter-Stellplatz für gut 500 Autos nutzt, bald bebaut wird. "Dann explodiert die Situation."

Explosiv gestimmt sind die Parkstädter unterdessen auch wegen der Hotels. "Die haben leere Tiefgaragen und ermutigen die Leute, auf der Straße zu parken", berichtet ein erzürnter Anwohner - und bezweifelt, dass die neuen Parkregeln daran etwas ändern. Für den Königsweg halten viele, zumindest Teile des Viertels zum Parklizenzgebiet zu machen. Doch das sei rechtlich wegen des Stellplatzschlüssels nicht möglich, wie Stjepanovic versichert.

Nach über zwei Stunden gehen alle mit dem Versprechen nach Hause, dass die Planungsbehörde die Park-Auslastung nochmals überprüfen, mit Hotelbetreibern und Firmen reden, überhaupt das Konzept bis zum Herbst überarbeiten wird. Dann wird wieder öffentlich diskutiert. "Es ist wie in einem Setzkasten, wir können nicht allles gleichzeitig machen. Doch wenn wir nicht anfangen und nichts probieren, wird sich nie etwas ändern", gibt Stjepanovic den Parkstädtern mit auf den Heimweg.