Olaf Scholz in München:Eher Referent als Entertainer

Olaf Scholz in München: Olaf Scholz: Bezahlbares Wohnen ist "tatsächlich die soziale Frage in dieser Stadt"

Olaf Scholz: Bezahlbares Wohnen ist "tatsächlich die soziale Frage in dieser Stadt"

(Foto: Stephan Rumpf/Stephan Rumpf)

SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz präsentiert sich in üblicher Manier auf dem Marienplatz: sehr solide, sehr seriös, sehr kontrolliert.

Von Joachim Mölter

Es zieht sich hin, das Glockenspiel am Münchner Rathaus, länger jedenfalls, als es diejenigen erwartet haben, die für die Show verantwortlich sind, die gleich auf dem Marienplatz beginnen soll. Offenbar hatte keiner den Regisseuren gesagt, dass das berühmte Glockenspiel immer aus vier kleinen Stücken besteht, denn als es nach dem dritten kurz still wird, spielen sie schon eine Videobotschaft ein auf den Riesen-Bildschirmen, die um die Bühne herum stehen. Aber dann glockenspielt es doch noch mal weiter, und das Video wird wieder ausgeblendet.

Als dann endlich Ruhe einkehrt, flimmert erst das Video zur Gänze über die LED-Wände und dann ist es soweit: Olaf Scholz erscheint. Dunkle Hose, weißes Hemd, zugeknöpft bis fast ganz oben - "der künftige Kanzler der Bundesrepublik Deutschland", wie ihn Lars Klingbeil vorstellt, der Generalsekretär der SPD. Der moderiert am Samstagmittag den Wahlkampfauftritt des derzeit noch als Kanzlerkandidat der SPD durch die Bundesrepublik reisenden Scholz. Acht Tage sind es noch bis zur Bundestagswahl, es geht in die entscheidende Phase, Scholz ist schwer auf Tour, gerade durch Bayern, "allein heute an drei Tagen", wie sich Klingbeil verspricht.

"Auch Markus Söder kämpft dafür, dass Olaf Scholz Kanzler wird"

Der Generalsekretär der SPD ist für die munteren Momente an diesem Samstagmittag zuständig. Nachdem die Berliner Band Lounge Society das Publikum angewärmt hat mit Hits aus den Achtzigerjahren, heizt er es weiter an auf dem gut gefüllten Marienplatz, auf dem die Corona-Abstandsregel kaum einzuhalten ist. Klingbeil setzt die Spitzen gegen den politischen Gegner. "Das größte Problem bei der Digitalisierung ist Andi Scheuer", stichelt er gegen den CSU-Politiker, der als Bundes-Verkehrsminister auch für die digitale Infrastruktur zuständig ist. Und er spöttelt über den Wahlkampf der Unionsparteien generell: "Auch Markus Söder kämpft dafür, dass Olaf Scholz Kanzler wird."

Olaf Scholz selbst kämpft eher verhalten, nicht gerade einschläfernd, aber auch nicht wirklich begeisternd. Der 63-Jährige kommt ein wenig spröde daher, aber so ist der gebürtige Osnabrücker und frühere Bürgermeister von Hamburg halt: Nordisch by nature.

Am Mittwoch war Robert Habeck an gleicher Stelle aufgetreten, der Co-Vorsitzende der Grünen ist ein fesselnder Geschichtenerzähler, er unterhält sein Publikum. Scholz ist kein Entertainer, eher ein Referent. Aber die Umstände der beiden Auftritte waren sinnbildlich: Während es am Mittwoch regnete und es den Grünen sowieso schon seit Wochen nass reingeht, wurde die SPD am Samstag von der Sonne beschienen. Vor allem dank Olaf Scholz sind die Sozialdemokraten seit Wochen im Umfragehoch. Jetzt heiße es, den Vorsprung nicht zu verspielen, sagt Generalsekretär Klingbeil: "Wenn Du in der 85. Minute 2:0 führst, gehst Du auch nicht vom Spielfeld und jubelst schon."

Also agiert Olaf Scholz auf der Münchner Bühne sehr solide, sehr seriös, sehr kontrolliert. Er kommt schnell zum Thema bezahlbares Wohnen, "tatsächlich die soziale Frage in dieser Stadt", wie Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter später bekräftigen wird. Scholz will jährlich 400 000 neue Wohnungen bauen, wenn er gewählt wird, darunter 100 000 Sozialwohnungen. Den Älteren garantiert er ein stabiles Rentenniveau und keine Anhebung des Renten-Eintrittsaltes. Den Arbeitenden stellt er die Erhöhung des Mindestlohns auf zwölf Euro im ersten Jahr seiner Kanzlerschaft in Aussicht. "Zehn Millionen Menschen werden dann mehr verdienen", rechnet er vor. Und den Jüngeren verspricht er Beschleunigung in der Klimapolitik. Bis 2045 soll das Land klimaneutral wirtschaften, "wir müssen Tempo machen, dass das tatsächlich gelingt".

Olaf Scholz redet viel von aufbrechen und anpacken, von Herausforderungen und Lösungen, von diesem und jenen. Alles schön und gut, aber alles hat man schon gehört in diesem Wahlkampf, es ist nichts Neues, was Scholz den Leuten erzählt. Aber in den letzten fünf Minuten eines Fußballspiels fängt man ja auch nicht plötzlich mit Kunststückchen an, wenn man 2:0 vorne liegt; da schaut man, dass man Spiel und Vorsprung über die Zeit bekommt.

Das Publikum klatschte jedenfalls höflich und auch lange genug Beifall. Olaf Scholz winkte mit der rechten Hand zurück und steckte die Linke derweil lässig in die Hosentasche. Die SPD-Anhänger stellten sich nach der Kundgebung in einer langen Reihe für ein Selfie mit Olaf Scholz an. Könnte ja sein, dass sie tatsächlich ein Bild bekommen mit dem künftigen Kanzler.

© SZ
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