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Schneeballsystem:"Warum die Leute so dumm sind, ist schwer zu erklären"

Die Behörden werden früh auf den Spitzeder'schen Geldverleih aufmerksam, die Polizei fängt an, sie zu beobachten. Doch eine Handhabe gegen sie gibt es zunächst nicht. "Es war nicht eindeutig illegal, da es noch kein Kreditwesengesetz und keine Finanzaufsicht gab", sagt Autor Nebel. Es war ja nicht verboten, Geld anzunehmen und mit Zinsen zurückzuzahlen. Alles bewegte sich im Graubereich.

Wegen ihr kommt es zu einem regelrechten Zeitungskrieg. Die Münchner Neuesten Nachrichten schreiben früh von einer Betrügerin, "die den Leuten das Geld aus der Tasche zieht". Andere Zeitungen wie der Volksbote halten dagegen, zum Teil auch, weil sie Kredite von Spitzeder bekommen. Adele spaltet München.

Im Jahr 1872 spitzt sich die Lage zu. Das Gericht entscheidet, dass es sich um kein Privatgeschäft handle, sie müsse ein Gewerbe eintragen. Das bedeutet die Pflicht zu ordentlicher Buchführung. Doch bei Adele herrscht das reine Chaos. Es gibt zwar Bücher mit Namen von Kunden, aber sie sind nicht vollständig, manche haben auch nur mit XXX unterschrieben.

Markt in der Au in München

Ein Markt im Münchner Stadtteil Au um 1900: In dem Arme-Leute-Viertel fing alles an, hier hatte die Geldleiherin Adele Spitzeder besonders viele Kunden.

(Foto: SZ Photo)

Die Gerüchte mehren sich, dass die Bank geschlossen wird. Die Kunden werden nervös, sie holen sich ihr Geld zurück. Das Innenministerium warnt, das Geschäft beruhe "nur auf Ausbeutung des Unverstandes und der Habsucht".

Am 12. November 1872 fahren vier Zweispänner und eine Droschke der Polizei in der Schönfeldstraße vor, wo sich die Menschenmassen drängen. Adeles Geliebte versucht noch, 50 000 Gulden in Sicherheit zu bringen, die sie ihr angeblich geschenkt hat, und wird dabei ertappt. In der Gerichtsverhandlung wird Adele nur deswegen verurteilt, Betrug kann man ihr aufgrund der bestehenden Gesetze nicht nachweisen.

32 000 Kunden verloren 38 Millionen Gulden - "eine irrsinnige Summe"

Sie muss für drei Jahre und acht Monate ins Gefängnis. Zurück bleiben 32 000 geschädigte Kunden, die Forderungen von 38 Millionen Gulden geltend machen - umgerechnet 400 Millionen Euro. "Es ist ein irrsinniger Betrag, auch für die Kürze der Zeit, in der er angesammelt wurde, und das nur mit Mundpropaganda", sagt Autor Nebel. Der Insolvenzverwalter findet lediglich Vermögenswerte, die 15 Prozent der Forderungen ausmachen. Tausende Menschen verlieren alles, was sie haben, es kommt zu einer Welle von Selbstmorden.

Die große Frage bis heute bleibt, wie es zu einer solchen Hysterie kommen kann und warum niemand hinterfragt, wie jemand so hohe Zinsen zahlen kann. "Warum die Leute so dumm sind, ist schwer zu erklären", sagt Nebel, am ehesten wohl durch das ewig gültige Prinzip der Gier. "Sobald jemand hohe Gewinne verspricht, schaltet sich bei vielen Menschen der Verstand aus."

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