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Schmerzpatienten:Münchner will bundesweit erstes Cannabis-Therapiezentrum errichten

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Künftig soll es im Ermessen des Arztes liegen, "schwerstkranken" Patienten auch Cannabis-Blüten auf Rezept zu verschreiben.

(Foto: Matt Masin/dpa)
  • Ein Münchner Bioladenbesitzer will das bundesweit erste Cannabis-Therapiezentrum für Schmerzpatienten errichten.
  • Eine Investment-Plattform im Internet soll dabei helfen, eine Million Euro für das Projekt zu beschaffen.
  • Am 1. März tritt ein Gesetz in Kraft, das Ärzten künftig die Möglichkeit gibt, "schwerstkranken" Patienten Cannabis-Blüten auf Rezept zu verschreiben.

Alexandra Scheiderer, eine zierliche Mitvierzigerin mit langen schwarzen Haaren, bewegt sich sehr vorsichtig. Als sie von ihrem Platz auf dem Podium des Münchner Presseclubs aufsteht, verzieht sie für einen Moment schmerzerfüllt das Gesicht. Seit über zehn Jahren leidet die Münchnerin an chronischen Schmerzen an Beinen und Rücken, Verdacht auf das Ehlers-Danlos-Syndrom, eine unheilbare Bindegewebskrankheit. Durch die schweren synthetischen Betäubungsmittel, mit denen sie die Schmerzen einigermaßen unter Kontrolle hält, hat sie sich zudem den Magen völlig ruiniert.

Ihre Hoffnung ruht nun auf einem neuen Gesetz, das zum 1. März in Kraft tritt: Künftig soll es im Ermessensspielraum des Arztes stehen, "schwerstkranken" Patienten nicht nur chemische Präparate, sondern auch Cannabis-Blüten auf Rezept zu verschreiben, die Scheiderer viel besser verträgt. Die Kosten übernehmen dann die Krankenkassen, bisher war das nur mit einer von gut 1000 Ausnahmegenehmigungen möglich.

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Doch es bleiben weiterhin viele Probleme, sagt Wenzel Cerveny. Der 55-Jährige betreibt einen Bioladen in München und macht sich seit drei Jahren für die Legalisierung von Cannabis stark. Viele Ärzte, mit denen er gesprochen habe, zeigten sich zwar interessiert an der Therapie mit Cannabis, hätten aber massive Skrupel, den Stoff zu verschreiben, um nicht als Kiffer-Arzt abgestempelt zu werden. Außerdem, wer könne schon genau definieren, was "schwerstkrank" heiße, das wisse schließlich der Patient am Besten.

Deshalb geht der Münchner Bioladenbesitzer nun selbst in die Offensive: Pünktlich zum 1. März startet er ein Online-Crowdinvestment: Eine Million Euro will er innerhalb weniger Monate auf der Investment-Plattform Transvendo sammeln, um in München ein Cannabis-Therapiezentrum zu errichten. Privatleute genauso wie professionelle Investoren können mit Beiträgen von 100 Euro den 600 bis 1000 Quadratmeter großen Komplex ermöglichen, für den momentan drei Standorte im Gespräch sind, zwei davon im Münchner Osten, einer am Harras. Im Unterschied zum Crowdfunding bekommen die Anleger beim Crowdinvestment, wenn das Projekt Gewinn abwirft, zusätzlich zu ihrem Investment auch Zinsen ausgezahlt.

"Ein solches Therapiezentrum ist dringend notwendig, um Cannabis zu entstigmatisieren"

Neben einer Lounge, in der Patienten ihr Medikament konsumieren können, soll es dort dann auch ein Geschäft für legale Lebensmittel aus Hanf bis hin zu Kleidung aus dem Material geben. Außerdem ist ein Showroom geplant, in dem die "vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von Hanf", wie Cerveny sagt, präsentiert werden. "Wir werden keine Anlaufstelle für Junkies sein", beteuert er.

Ein ärztliches Cannabis-Rezept, mit dem man sich in der Apotheke das Betäubungsmittel legal erwerben könne, werde es nur nach einem zweistufigen Verfahren aus Gruppen- und Einzelgespräch geben. Dazu ist geplant, dass eine Allgemeinärztin ihren Sitz in dem Therapiezentrum hat, die bereits Erfahrungen im Umgang mit Cannabis in der Schmerztherapie mitbringt.

"Ein solches Therapiezentrum ist dringend notwendig, um Cannabis zu entstigmatisieren", sagt auch Franz Wolf. Er ist einer von 1020 Patienten, die mit Ausnahmegenehmigung Cannabis-Produkte zu medizinischen Zwecken einnehmen dürfen. Für Wolf ist Cannabis eine "Heilpflanze", seitdem er legal Cannabis konsumiert, brauche er keine anderen Schmerzmittel mehr. Raus aus dem Schwarzmarkt mit all den dubiosen Dealern und rein in eine geregelte Behandlung, das ist auch für Alexandra Scheiderer das wichtigste. Fünf Medikamente inklusive ihrer Nebenwirkungen würde sie einsparen, könnte sie auf Cannabis umsteigen.

© SZ vom 22.02.2017/eca
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