Schichtl auf dem Oktoberfest "Unterm Strich bin ich Menschenfreund"

"Ich nenn' die Wiesn lang schon Intersuff." 1985 übernahm Manfred Schauer das traditionsreiche Varieté-Theater.

(Foto: Florian Peljak)

Köpfen, frotzeln, Sprüche klopfen: Manfred Schauer betreibt seit 30 Jahren die älteste Attraktion des Oktoberfests: den Schichtl. Von seinem Humor lebt er inzwischen auch außerhalb der Wiesn.

Von Andreas Schubert

Es hat einen Moment in der Wiesnlaufbahn des Manfred Schauer gegeben, in dem er seinen Augen nicht traute: Ein angeblicher Professor war mit einem Dutzend angeblicher tibetischer Mönche auf die Wiesn gekommen, der Schichtl sollte als kulturhistorisches Anschauungsmaterial dienen. "Ich habe geglaubt, da will mich wer verarschen", sagt Schauer. Aber der Prof und seine Studenten erwiesen sich als echt. Und der Schichtl als älteste Attraktion war das Einzige, was die Gruppe am Oktoberfest interessierte.

Die Geschichte ist eine von mehreren, die Manfred Schauer erzählt, wenn man ihn nach besonderen Erlebnissen in 30 Jahren Oktoberfest fragt. Da gab es noch die Musikanten, die sich auf der Bühne eine blutige Schlägerei lieferten, oder die Frau, die sich vor aller Leute Augen auszog.

Oktoberfest "Ich nenn' die Wiesn lang schon Intersuff"
Interview
Schichtl-Betreiber Schauer

"Ich nenn' die Wiesn lang schon Intersuff"

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Der Schichtl existiert seit 1869. Als das aus der Zeit gefallene Varieté-Theater 1985 zum Verkauf stand, griff Manfred Schauer zu. Nach ein paar Tagen mit Anlaufschwierigkeiten schrieb er sich eine flotte Ansage, die man auf Volksfesten Rekommandieren nennt. Denn um auf der Wiesn neben Bierzelten und Fahrgeschäften Aufmerksamkeit zu bekommen, muss man sich schon etwas einfallen lassen. Und weil Schauer nicht auf den Mund gefallen ist, gelingt es ihm bis heute, dass Menschen stehenbleiben, um sich sein etwa sieben Minuten langes Rekommandieren zu einem Blues-Brothers-Medley anzuhören - und sich bestenfalls in die Show locken lassen.

Das gelingt ihm so gut, dass er in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung einst als "Schau-Stehler" bezeichnet wurde. Einige Sprüche sind inzwischen Standardrepertoire. "Wennst an Preißn triffst, dann triff richtig", gehört dazu. Oder: "An Schädl hau mer eich runter, egal ob Mensch oder Preiß." Das muss man nicht originell finden, für Lacher sorgen die Sprüche auf jeden Fall immer wieder.

Rein statistisch hat schon ganz Grünwald den Kopf verloren

30 Jahre auf der Wiesn: Im Gespräch darüber versäumt es Schauer nicht, seine elfköpfige Mannschaft zu loben. Von Anfang an dabei ist Ringo Prätorius, Münchner Original und freischaffender Künstler, der als Henker Ringo der Schreckliche schon etwa 12 000 Menschen enthauptet hat. Rein statistisch hat also mindestens schon ganz Grünwald auf der Wiesn den Kopf verloren. Die "Enthauptung einer lebenden Person auf hell erleuchteter Bühne" ist einer der Klassiker beim Schichtl. Christian Ude musste schon dran glauben, Heiner Lauterbach oder auch der Oberillusionist David Copperfield. Auch dieses Jahr wird es darüberhinaus ein neues Programm geben, verspricht Schauer.

62 Jahre ist er mittlerweile alt. Dass er damals den Schichtl übernommen hat, dazu kam es eher zufällig. "Der Schichtl ist mir passiert", sagt Schauer. Er hatte gehört, dass die damalige Betreiberin Franziska Eichelsdörfer das Theater aus Altersgründen abgeben wollte. Und irgendwie hätte er es schade gefunden, wenn das Traditionsgeschäft verschwunden wäre.

Tradition liegt Schauer am Herzen. So war er auch eine treibende Figur der sogenannten Biergartenrevolution vor 20 Jahren, die allzu strenge Sperrzeiten gerade noch abwenden konnte. Tradition - das ist für ihn aber auch der Erhalt des bayerischen Lebensstils und der Sprache. "Ich bin ein homo bavaricus", sagt Schauer.

Befremdlich findet er einige Entwicklungen außerhalb des Oktoberfests, etwa dass immer weniger Menschen "Grüß Gott" sagen. Ihn stören die Grill- und Müllexzesse an der Isar, die wildgewordenen Mountainbiker - überhaupt all jene, "die glauben, sie haben keine Pflichten, nur Rechte". Auch wenn es so manche Dinge gibt, die ihn ärgern, hat Schauer seinen Humor nicht verloren. In fast jeden Satz baut er einen Witz ein. "Unterm Strich bin ich Menschenfreund", sagt er, "auch wenn ich sehr gut beißen kann." Auf die Frage, was früher in München oder auf der Wiesn besser oder schlechter war, antwortet er: "Ich bin überzeugt, dass das, was uns heute nicht so liegt, in 20 Jahren eine große Zeit gewesen ist." Eine diplomatische Antwort - und irgendwie auch eine weitsichtige.

Trotzdem ist Schauer die Exzesskultur, die sich auch besonders auf der heutigen Wiesn Bahn bricht, fremd. "Intersuff" nennt er das Oktoberfest inzwischen. Der Schichtl kriegt das zu spüren: Weil die Massen abends lieber in den Zelten feiern, kommen nicht mehr so viele Flaneure vorbei. Auf die "Oide Wiesn", findet er aber, würde der Schichtl nicht passen, schon allein wegen der modernen Art der Präsentation.

Von seinem Humor lebt er inzwischen auch außerhalb der Wiesn. Er tritt bei Veranstaltungen auf und organisiert Floßfahrten. Aber die Wiesn, sagt er, "ist das ganze Jahr in meinem Kopf". Richtig üben muss er das Rekommandieren nicht. "Ich übe 16 Tage lang, wenn ich's dann kann, ist die Wiesn schon wieder vorbei."

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