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Roberto Saviano in München:"Seid gefährlich!"

Trotz Morddrohungen kämpft der italienische Journalist Saviano weiter gegen die Mafia. Bei einem seiner seltenen Auftritte versucht er das Münchner Publikum für seine Sache zu gewinnen - schließlich betreffe das Problem auch Deutschland.

Nakissa Salavati

Roberto Saviano kommt nie allein. Als der schmale Mann mit den markanten Augenbrauen das vollbesetzte Auditorium Maximum der Universität München betritt, begleiten ihn drei Leibwächter. Sie sind doppelt so breit wie er. Roberto Saviano lebt gefährlich, denn er lässt sich nicht den Mund verbieten. Er hat sich viele Feinde gemacht, seit er 2006 in seinem Buch "Gomorrha" beschrieben hat, wie die Mafia arbeitet.

Roberto Saviano

Roberto Saviano - hier bei einem Autritt in Berlin.

(Foto: dapd)

Der italienische Journalist ist am Freitag nach München gekommen, um sein neues Buch "Der Kampf geht weiter" vorzustellen. Verlegen kratzt er sich am glattrasierten Kopf, als das Publikum im Audimax ihn applaudierend und jubelnd empfängt.

Giovanni di Lorenzo, der Chefredakteur der Wochenzeitung Die Zeit, und die Stiftung Literaturhaus haben Saviano im Rahmen des Zeit Forum Politik eingeladen. Der Sprecher Helmut Becker liest zwei kurze Passagen aus Savianos Buch, in dem dieser beschreibt, wie Mafiaorganisationen von Camorra bis `Ndrangheta sich zu modernen Global Playern der illegalen Geschäfte entwickelt haben. Di Lorenzos Fragen an seinen Gast sind kritisch, aber behutsam. Als Saviano seine Behauptung, auch in Deutschland würde die Mafia die Wirtschaft unterwandern und Milliarden umsetzen, nur sehr vage erläutert, hakt er nicht nach.

Der persönliche Austausch mit anderen ist für den Neapolitaner eine Seltenheit: Die letzten Monate hat der gerade 32-Jährige in den USA verbracht, in Italien hält er sich kaum auf. Alle paar Tage wechselt er seinen Aufenthaltsort, immer begleitet von Bodyguards. Es ist ein vagabundierendes und isoliertes Leben, ohne normale Alltäglichkeiten. Der SZ sagte er vor ein paar Tagen: "Ich könnte nach Neuseeland gehen, Schafe züchten, die Klappe halten, nie mehr schreiben und hätte ein freies Leben. Aber ich will das nicht. Ich will weitermachen."

Und er möchte aufklären, erläutert er dem Münchner Publikum: "Die Mechanismen der Mafia ähneln denen des Marktes", es seien strenge Regeln, die in mystischen Riten gepflegt werden. "In der Gegend, aus der ich komme, kannst du Bauarbeiter oder aber sehr mächtig werden", erklärt Saviano. Denn die Mafia verführe und fasziniere die Menschen. "Mich interessiert nicht die Mafia an sich, sondern die Mafia in mir", sagt er.

Seine Heimat nennt er "ein unglückliches Land": "Ich dachte, mit der Regierung Monti würde sich etwas ändern, aber es ist kompliziert", so Saviano, "Wir müssten mit dem Aufbau der Wirtschaft auch die Korruption und die Mafia bekämpfen. Das findet nicht statt". Korruption unter Privaten ist in Italien nicht strafbar und "ein Angriff auf unser soziales Vermögen, auf unseren gesellschaftlichen Reichtum!", beklagt er.

In dem italienischen Nischensender Rai Tre hat Saviano 2010 vier Folgen der Sendung "Vieni via con me" (Komm mit mir) mitgestaltet, die sich mit den Zuständen Italiens beschäftigte: keine Show, keinen Glamour, sondern Fakten. Millionen Italiener haben sie gesehen, trotzdem wurde sie abgesetzt: "Wir haben etwas Unverzeihliches getan: Wir waren erfolgreich", sagt Saviano. Das Publikum lacht - Savianos einfache Worte entblößen die Absurdität der Zustände.

Doch dann ist er wieder ganz ernst und hebt den Zeigefinger: "Wir brauchen ein europaweites Antikorruptionsgesetz. Warum ist in Deutschland die Mitgliedschaft in der Mafia nicht strafbar?". Der verklärte deutsche Blick auf Italien müsse sich ändern: "Die Mafia ist kein Problem Italiens, sondern der ganzen Welt."

Seine letzten Worte sind ein Appell, sie sind klar und scharf: "Seid gefährlich, macht die Geschichten des Buchs zu euren eigenen! Es betrifft euch!". Saviano weiß, dass die Aufmerksamkeit der Leser sein bester Schutz ist. Und er möchte nicht mehr alleine gefährlich sein.

© Süddeutsche.de/liv

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