Riem Ein Trauerspiel

Elfi Brandhofer kritisiert, dass Beerdigungen auf Münchens Friedhöfen oft eine Zumutung darstellen. Gar nicht zufrieden ist die pensionierte Floristin mit den Zuständen in Riem - äußerlich und organisatorisch

Von Renate Winkler-Schlang

Vom i ist nur der Punkt übrig: "iedhof Riem" steht an der Natursteinmauer Am Mitterfeld mit angeschraubten Stahl-buchstaben. Der Rest ist geklaut. Und nicht ersetzt. Für Elfi Brandhofer ist diese mangelhafte "Visitenkarte" ein Symptom für alles andere, was dort im Argen liegt, äußerlich und organisatorisch. Sie war Floristin, hatte 40 Jahre einen Blumenladen, 2001 spezialisierte sie sich auf Trauerfloristik. Sie kennt die Abläufe an Münchner Friedhöfen. Nun ist sie pensioniert, hat die Zeit und den Mumm, zu sagen, was sie immer gestört hat: "Ich mache das für alle Kollegen und Kunden, denn ein Angehöriger hat im Trauerfall die Kraft nicht und später keine Motivation mehr."

Insgesamt stört sie, dass Beerdigungen in München anders als auf dem Land "wie am Fließband" abgewickelt werden. Sie würde allen Hinterbliebenen raten, eine Doppelzeit zu buchen, denn oftmals reiche die übliche Dreiviertelstunde nicht aus. Sogar Pfarrer müssen sich gefallen lassen, dass das Personal sie fragt: "Wie lange brauchen Sie denn, reichen zwölf Minuten?" Elfi Brandhofer würde sich auch Beerdigungen am Samstag wünschen, "aber da ist München zu unflexibel".

Vielfach preisgekrönte Architektur, aber Beton mit schwarzem "Trauerrand" prägt den Friedhof Riem.

(Foto: Florian Peljak)

Am Riemer Friedhof sei kein festes Personal mehr vor Ort, die Mitarbeiter seien am Ostfriedhof stationiert - wo aber weniger Beerdigungen stattfänden. Sie müssen herbeitelefoniert werden, wenn Kränze oder Gestecke abzugeben sind. Komplizierte Absprachen erschwerten den Arbeitsalltag von Bestattungsinstituten und Floristen. "Draußen stehen lassen können wir die Gebinde nicht, weder in der prallen Sonne noch bei Regen oder Schnee."

Elfi Brandhofer redet sich in Rage. Schließlich gehe es um wichtige Momente des Abschieds von einem geliebten Menschen, sagt sie. Die Trauerfeier sei "ein Mosaikstein des Trostes." Sie zeigt Fotos von ihren stilvollen Kreationen und Dekorationen, von Blumenkränzen in Herzform oder einem Meer von Kerzen. Das alles muss gebracht werden. Im neuen Riemer Friedhof sei dafür der nördliche Hintereingang da gewesen, doch seit einiger Zeit dürfen die Lieferanten den nicht mehr nutzen - nun müssen sie alles viel weiter tragen. Und zwar direkt durch die Menge der bereits wartenden Trauergäste.

Verärgert ist sie auch über die teils würdelose Ausstattung: So sähen die Wägen, mit denen ein Sarg aufs Gräberfeld hinaus transportiert wird, leider sehr technisch aus. Sie habe ein solches Gefährt in ihrer aktiven Zeit eigens vermessen und für den Untersatz eine Art samtenen Umhang nähen lassen, mit Aussparungen für die Griffe. Zu spät bemerkte sie, dass jeder dieser Wägen die Griffe an einer anderen Stelle hatte, sie musste eine neue Lösung mit Klettband finden.

Die frühere Trauerfloristikerin Elfi Brandshofer legt den Finger in die Wunde: Am Riemer Friedhof fehle noch viel mehr als nur ein paar Buchstaben.

(Foto: Florian Peljak)

Brandhofer vermisst in Riem auch einen eigenen Verabschiedungsraum. Wer vor der Trauerfeier still für sich Abschied nehmen will, kann nur durch eine Glasscheibe auf den Sarg schauen, der umgeben ist von Plastikpflanzen, beleuchtet "von einer Funzel". Der Angehörige steht zwar unter Dach, aber in der Zugluft. Dieser "Flur" sollte den Blick öffnen auf einen Mini-Hof mit Baum. "Der ist längst eingegangen, ein neuer wurde nie gepflanzt." Nun sieht der kleine Hof eher aus, als sollte hier bald Kompost lagern.

Viel zu klein findet die Kritikerin auch die Riemer Trauerhalle mit nur 40 Stühlen. "Hier ist es dörflich, da kommen oft viel mehr Leute, viele müssen dann draußen stehen - und durch die ungeputzte Fensterscheibe reinschauen." Am liebsten würde Elfi Brandhofer selbst den Putzlappen in die Hand nehmen. Bei der anderen Scheibe auf der Seite täte sie sich jedoch schwer, sie von außen zu reinigen, denn sie grenzt direkt an ein kleines Wasserbecken. "Und da schwimmt herum, was der Wind hineinweht. Auch Plastik. Das fischt leider auch nicht regelmäßig jemand raus."

Kreuz im Nichts

Auch das "Kreuz im Nichts" von Hermann Bigelmayr zwischen den Gräberfeldern wird von den Friedhofsbesuchern in Riem vermisst. Das eigentliche Kreuz war hierbei der Luftraum zwischen hohen Stämmen. Doch diese wurden offenbar von Pilzen befallen, so das Baureferat. Daher sei im vergangenen Jahr von Fachgutachtern die Standsicherheit des Kreuzes mit seinen vier rund 15 Meter hohen Eichenstämmen und seiner zwei Tonnen schweren aufliegenden Natursteinplatte überprüft worden: "Das Ergebnis war leider eindeutig, der sofortige Rückbau war aus Sicherheitsgründen notwendig." Die Kreuzskulptur sei aber "nicht ersatzlos" verschwunden, versichert Sprecherin Dagmar Rümenapf: Stämme und Platte seien sorgsam abgebaut und eingelagert worden: "Das Kreuz soll wieder aufgebaut werden. Der Künstler wurde seinem Urheberrecht entsprechend rechtzeitig informiert." RE

Der freistehende Glockenturm und die anderen Sichtbetonwände, die obenrum langsam schwarz wurden von der Witterung, wecken ebenfalls ihre Kritik. "Man nimmt das doch auch unterschwellig wahr." Im Hof fehlen ein paar der Natursteinplatten auf dem Boden. Sie schüttelt den Kopf. Im Internet stehe über den Baukomplex, die natürliche Alterung der Materialien versinnbildliche die Vergänglichkeit des Lebens - für sie darf das aber keine Entschuldigung sein für Schlamperei.

Doch auch Architekt Andreas Meck, der gemeinsam mit Stephan Köppel das vielfach preisgekrönte und vor 18 Jahren eingeweihte Gebäude in Riem entworfen hat, sagt, er sei "mit dem Zustand nicht einverstanden". Gewollte Alterung von Gebäuden würden die Menschen verstehen, so Meck - wenn das Gebäude insgesamt einen "wohlumsorgten" Eindruck machen würde. "Aber da kümmert sich niemand." Gerade im emotionalen Moment des Abschieds von einem geliebten Menschen sei man sensibel für Eindrücke, da müsse die Umgebung die nötige Würde ausstrahlen. Meck sieht da "den Bauherrn" in der Pflicht. Das gelte auch fürs Streichen der Rückwand oder das Nachpflanzen des Zierahorns. Im Übrigen habe er auch einen Verabschiedungsraum im Inneren eingeplant - der werde wohl als Abstellkammer genutzt. Dass die Trauerhalle so klein sei, sei Vorgabe der Stadt gewesen. Erweitern könne man sie nicht, die Heizung sei ausgelegt auf die heutige Größe, so Meck.

Das für die Bestattungen zuständige Referat für Gesundheit und Umwelt bestätigt, dass der Riemer Friedhof nicht mehr durchgehend besetzt sei, doch das Personal sei "rechtzeitig" vor den Beisetzungen da. Das Liefern von Kränzen sei "jederzeit" möglich - nach telefonischer Absprache. Fürs Baureferat erklärt Sprecherin Dagmar Rümenapf, die "Bauunterhaltsbedarfe" seien bekannt und würden nach und nach abgearbeitet. Derzeit werde der Bodenbelag ausgebessert, bald der Turm gereinigt. Die abgeplatzte Farbe an der Rückwand zu erneuern sei aufwendig, denn sie sei speziell beschichtet. Die Metallbuchstaben seien bereits mehrfach geklaut worden und müssen immer wieder nachgebaut werden. Sie wirklich diebstahlsicher anzubringen aber "wäre nur mit sichtbaren Veränderungen am Bauwerk" möglich.