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SZ-Serie: Pixelhelden:Die Feinheiten des Groben

Screenshots von Fox n Forests

Rupert Ochsner hat das Retro-Trend-Spiel "Fox n Forest" entwickelt.

(Foto: Bonus Level Entertainment)

Die kreativsten Köpfe und erfolgreichsten Macher in Bayerns Welt der Computerspiele. Heute: Rupert Ochsner verbindet in seinem Entwicklerstudio Bonus Level Entertainment Retro-Games mit modernem Design

Das Goldene Zeitalter, für Don Quichote war das eine Zeit, in der es kein Mein und Dein, keinen Hunger und keine Gesetze gab und in der edle Ritter ebenso edlen und sittsamen Frauen den Hof machten. Um all das wiederzubeleben, zieht der Ritter von der traurigen Gestalt im berühmten Roman von Miguel de Cervantes mit seinem Knappen Sancho Panza los. Er kämpft gegen Windmühlen und staubumwölkte Hammelherden, um am Ende mit seiner Rebellion gegen das unerbittliche Fortschreiten der Zeit zu scheitern. Auch für Rupert Ochsner gab es ein "Goldenes Zeitalter". Nur war das für ihn die Zeit von Super Nintendo und Sega Genesis in den frühen Neunzigern. Damals spielte er als Kind "Super Ghouls 'n Ghosts" und "Wonder Boy in Monster Land" auf seiner aus Japan importierten Videospielkonsole. Oder am Spieleautomaten, nachdem er sich mit anderen Jungs zu diesem "reingeschmuggelt" hatte.

Ein fahrender Ritter wurde Rupert Ochsner deshalb nicht, sondern 3D-Designer bei Independent Arts Software in Westfalen. Danach arbeitete der gebürtige Österreicher als Senior Brand Manager beim Computerspiel-Publisher Deep Silver in Planegg. Bis er sich dann 2015 selbständig machte, um mit Holger Kuchling von Independent Arts Software in München das Entwicklerstudio Bonus Level Entertainment zu gründen. Das Ziel: "Das goldene 16-Bit-Zeitalter und unsere Liebe zu Retro Games mit einem modernen Game Design zu verbinden", wie es auf bonuslevelentertainment.com heißt. Ihr erstes Spiel, das nennt sich "Fox n Forests". Ein 2D-Action-Jump'n'Run mit Rollenspielelementen und Öko-Botschaft, das vor zwei Jahren für PC, Mac, Switch, PS4 und Xbox One erschien. Darin muss man als Rick der Fuchs in einem mysteriösen Wald mit einer Armbrust gegen Hornissen oder Zombie-artige Gestalten kämpfen.

Eine Besonderheit daran: Man kann als Spieler per Knopfdruck zwischen den Jahreszeiten wechseln und dadurch unter anderem über nun vereiste Flüsse laufen. Eine weitere: die Optik, die Vorbilder wie "Super Ghouls 'n Ghosts", "Wonder Boy" oder "Zelda" nicht verhehlt, sondern ganz bewusst als Hommage, als "Tribute to 16-Bit" gedacht ist. Die meisten dieser Spiele wurden von Capcom in Japan entwickelt und "hatten einen sehr schönen grafischen Stil", wie Ochsner erzählt. "Look and Feel, Sounds, Grafik und Gameplay haben wir übernommen, wobei wir an manchen Stellen schon getrickst haben. 'Fox n Forests' sieht quasi so aus, wie in unseren Gedanken ein wunderschönes Super-Nintendo-Spiel ausgesehen hat", sagt der Münchner, der bei dem Spiel gleich mehrere Aufgaben übernommen hat, als Game Director, Teamleiter und Leveldesigner fungierte.

Gamedesign und Aufbau seien dagegen von modernen Spielen abgeschaut, geleitet vom Versuch, "das Beste von beiden Welten zusammenzuführen". Und man darf sagen: Bonus Level und Independent Arts Software, die bei "Fox n Forests" Kooperationspartner waren, ist das auf eine überzeugende Weise geglückt. Dementsprechend gut waren auch die Kritiken zu dem mithilfe einer Kickstarter-Aktion finanzierten Spiel. Außerdem hat es Intellivision Entertainment so gut gefallen, dass sie Bonus Level mit einem Remake von "Shark! Shark!" beauftragt haben. Einem Spiel, das 1982 für die damals erste, von Mattel entwickelte 16-Bit-Spielkonsole Intellivision herauskam. Das zusammen mit Neo Bird aus Nürnberg bereits fertiggestellte Remake ist nun als eines von sechs vorab installierten Games für die am 10. Oktober erscheinende Intellivision Amico geplant.

Rupert Ochsner

Pixel sind für Ochsner der Expressionismus der Videospielgeschichte.

(Foto: Bonus Level Entertainment)

Diese neue Konsole ist gewissermaßen selbst ein Remake, mit dem der Initiator Tommy Tallarico der 1991 eingestellten Original-Intellivision-Konsole ein zweites Leben bescheren will. Und sie steht genauso wie "Fox n Forests" für einen auffälligen Videospiel-Retro-Trend, den Ochsner unter anderem durch Nostalgie befeuert sieht. "Ein weiterer Faktor ist wohl, dass ältere Spiele noch mehr auf das Grundprinzip reduziert waren und oftmals eine eingängigere Erfahrung sind. Oder auch eine befriedigendere, weil man das Spiel schneller versteht und schneller belohnt wird." Hinzu kommt laut Ochsner, der seine ersten Spielerfahrungen auf dem kaum noch bekannten Commodore VC-20 gesammelt hat, dass "Pixel halt schon so eine Art Epoche der Kunstgeschichte sind. Man könnte auch sagen: der Expressionismus der Videospielgeschichte. Und so wird das nie aussterben, sondern hat immer eine gewisse Relevanz."

Trotzdem hat er bei seinem neuen Projekt "Seven Sins" mit der Retrolinie gebrochen und entgegen dem ursprünglichen Retro-Konzept in erneuter Kooperation mit Neo Bird einen ganz neuen, und wie er stolz meint: "einzigartigen Grafikstil" entwickelt. "Seven Sins", das ist der Arbeitstitel für ein Spiel, für das es vom Film-Fernseh-Fonds Bayern im vergangenen Jahr knapp 90 000 Euro für die Prototypentwicklung gab. Dieser Prototyp ist auch schon fertig. Und aktuell ist Rupert Ochsner dabei, einen engagierten Publisher zu finden. Die Handlung des wohl erst in zwei oder drei Jahren erscheinenden Spiels: In einem mittelalterlichen Dorf soll der Kleriker Cecil den Ausbruch der Pest verhindern, indem er in die Gehirne der Menschen eindringt, um dort die Todsünden zu bekämpfen.

Das heißt: Noch bevor sich wegen Corona viele plötzlich mit der Pest, mit Camus oder Boccaccio beschäftigten, saßen Ochsner & Co. bereits an einem Spiel über den "Schwarzen Tod". Und er muss zugeben, das sei schon irgendwie "ein eigenartiges Gefühl". Tatsächlich gehe es auch bei ihnen "um dieselben Fragen: Hat unsere Lebensweise dazu beigetragen? Und ist unser Umgang mit der Umwelt vergleichbar mit den Todsünden Völlerei, Trägheit und Habgier?" Das klingt doch ziemlich aktuell. Und vielleicht kann ein retrospektiver Blick ja doch die Perspektive schärfen. Weil man die Dinge nicht nur gröber, "pixeliger" wahrnimmt, sondern sie auf eine klarere, aufs Wesentliche reduzierte Weise sieht.

© SZ vom 23.06.2020
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