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SZ-Serie: Pixelhelden:Bis zum letzten Biss

Gabriel Knight

Die Geschichte aus dem Spiel ist heute bereits ein Vierteljahrhundert alt.

(Foto: Sierra On-Line/Activision)

Die kreativsten Köpfe und erfolgreichsten Macher in Bayerns Welt der Computerspiele. Heute: "The Beast Within: A Gabriel Knight Mystery" jagt Werwölfe in Bayern

Von Jürgen Moises

Wir schreiben das Jahr 1994. Zwei "Killerwölfe" sind aus dem Münchner Zoologischen Garten in Thalkirchen entlaufen und "immer noch auf freiem Fuß", wie es in der Zeitung Freistaat Bayern vom 17. März heißt. Auch von der "Inkompetenz der Polizei" ist darin die Rede, und davon, dass laut Kommissar Leber vom Polizeirevier am Prinzregentenplatz Fährtenleser aus Übersee engagiert wurden. Der Fall hat eine besondere Dringlichkeit, weil die Wölfe, wie es aussieht, bereits ein kleines Mädchen getötet haben. Dessen Angehörige, die Hubers, sehen das jedoch anders. Sie glauben, dass das kein Wolf, sondern ein Werwolf war, und heuern den "Schattenjäger" Gabriel Knight an. Der Amerikaner, der gerade auf Schloss Ritter in Rittersberg an seinem neuen Roman schreibt, zögert erst und löst schließlich zusammen mit seiner Kollegin Grace Nakimura den Fall.

Ein Vierteljahrhundert alt ist diese Geschichte inzwischen, die sich neben Rittersberg und München unter anderem in Schloss Neuschwanstein, Bayreuth, Herrenchiemsee und der Kapelle der Schwarzen Madonna von Altötting zugetragen hat. Und dann auch noch in tausenden Jugend- oder Wohnzimmern, das heißt überall dort, wo das 1995 von Sierra Entertainment produzierte Point&Click-Adventure "The Beast Within: A Gabriel Knight Mystery" gespielt wurde. Das Computerspiel war der zweite Teil der von der Spiele-Entwicklerin und Romanautorin Jane Jensen geschriebenen Gabriel-Knight-Trilogie. Der erste, "Sins of the Fathers" (1993), spielte in New Orleans und drehte sich um Voodoo-Morde. Beim dritten, "Blut der Heiligen, Blut der Verdammten" (1999), kämpfte Knight im französischen Rennes-le-Château gegen Vampire, Freimaurer und Templer.

Gabriel Knight

Auch an den Münchner Marienplatz verschlägt es einem in dem Computerspiel.

(Foto: oh)

Heute gilt die vielfach preisgekrönte Trilogie um den blonden, nöligen Schattenjäger und Schriftsteller als Klassiker. Das liegt an den originellen, kulturgesättigten Plots (in "The Beast Within" spielt unter anderem eine fiktive, verlorene Wagneroper eine Rolle), für die Jensen von ihren Fans noch immer als eine der besten Computerspiel-Autorinnen verehrt wird. Auch technisch ragte speziell "The Beast Within" damals heraus. War es doch eines der ersten Spiele, in denen die Figuren von echten Schauspielern dargestellt wurden. Die Hauptfigur wurde von Dean Erickson verkörpert, der davor in seiner kurzen Schauspielerzeit eine Nebenrolle in der Serie "Frasier" hatte. Grace Nakimura wurde gespielt von Joanne Takahashi, deren Filmografie ebenfalls nur wenige Titel aufweist.

Erwähnenswert ist darüber hinaus der polnisch-amerikanische Schauspieler Peter J. Lucas, der den abgründigen Baron Von Glower mimt und 2006 in einer Nebenrolle in David Lynchs Film "Inland Empire" zu sehen war. Ein paar der Klein- oder Statistenrollen wurden tatsächlich mit deutschen Darstellern besetzt. Dass ansonsten auch Amerikaner Bayern verkörpern, erklärt wiederum deren schräges, gebrochenes Deutsch. In der deutschen Synchronfassung wird es noch absurder, wenn Gabriel Knight Deutsch spricht und sein Gegenüber Bairisch oder Pseudo-Bairisch. Und dann so getan wird, als würde man sich gegenseitig nicht verstehen.

Insgesamt spielt sich "The Beast Within" wie ein interaktiver Film, dessen Handlung man komplett Maus-gesteuert über Aktionen und Dialoge voranbringt. Damit das funktioniert, wurden viele Hintergründe an Originalorten in Deutschland fotografiert und zu begehbaren Schauplätzen zusammenmontiert. Das gilt etwa für Neuschwanstein oder den Münchner Marienplatz, inklusive "famous Munich Glockenspiel" und Fischbrunnen. Da wird der Tourist im Spieler geweckt, aber genauso der Nostalgiker, weil man hier auf dem Marienplatz aus einer Vor-Corona-Zeit spaziert. Gleichzeitig wirkt es aber auch auf surreale Weise "heutig", wenn man auf dem Platz gerade mal fünf Leute sieht.

Gabriel Knight

"The Beast Within" schickt den Spieler mit Gabriel Night zu touristischen Sehenswürdigkeiten.

(Foto: oh)

Wer die lohnenswerte Zeitreise wagen will: Auf den Plattformen Gog und Steam ist sie für unter sechs Euro zu haben. Auch Jane Jensen, die nach "Gabriel Knight" noch an zahlreichen anderen Titeln als Designerin und Regisseurin gearbeitet hat, versuchte übrigens 2016 mit "Moebius: Empire Rising" einen Zeitsprung und als Autorin an ihre frühen Erfolge anzuknüpfen. Das mithilfe einer Kickstarter-Aktion finanzierte Spiel fiel aber weitgehend durch, wurde als zu langatmig, umständlich oder abstrus kritisiert. In einem Gespräch mit dem Münchner Games-Bookazine WASD 2015 zeigte sich die Autorin darüber enttäuscht. Und es klang nicht so, als würde sich die heute 57-Jährige noch einmal an das Abenteuer eines Videospiel-Adventures heranwagen.

The Beast Within: A Gabriel Knight Mystery (Sierra), erhältlich über gog.com oder store.steampowered.com

© SZ vom 12.06.2020
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