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Restaurant Colosseum in Herrsching:Der typische Italiener

Gipsvenus, Großfresko und Gaumenfreuden. Das Colosseum in Herrsching überzeugt trotz anachronistischer Einrichtung mit moderner italienischer Küche.

Der Herbst ist gekommen, trübe Tage verschlimmern das Fernweh - höchste Zeit, eine fast vergessene Wahrheit ins Gedächtnis zu rufen: Italien ist nicht das 17. deutsche Bundesland. In München wird diese Tatsache ja als äußerst bitter empfunden und darum ignoriert. Vom Grundgefühl her beginnt der beinahe kindlich vergötterte Stiefelstaat an den Gestaden der Isar.

Das Colosseum in Herrsching überzeugt trotz altmodischem "Italien"-Ambiente mit schmackhafter italienischer Küche.

(Foto: Foto: Franz-Xaver Fuchs)

Gastronomisch schlägt sich die emotionale Eingemeindung in der Fülle italienischer Lokale nieder sowie in deren allmählicher Ununterscheidbarkeit. Capri, Da Luigi oder wie sie alle heißen, ähneln in der Ausstattung immer mehr den übrigen Gasthäusern der Stadt. Edel oder gutbürgerlich oder von beidem etwas.

Unter diesen Umständen ist es eine Freude, um nicht zu sagen: eine sentimentale Reise in die Vergangenheit, wenn ein Ristorante noch so aussieht wie früher. Das ist im COLOSSEUM in Herrsching am Ammersee der Fall, und vielleicht hat das auch etwas mit der Lage auf dem Land zu tun. Jedenfalls wurde hier in den vergangenen gut 35 Jahren - so lange gibt es das Lokal - nicht viel verändert.

Gipsvenus und Sahnesoßen

Es beginnt an der Eingangstür mit einer milchweißen Gipsvenus, deren hinabgleitende Stola einladend eine nackte Brust freigibt, und komplettiert sich im Inneren zum vollen römischen Programm. Senatorenbüsten aus Pseudobronze, die Wände sind mit entwaffnend amateurhaften Imitaten antiker Reliefs verziert, an einer prangt das Colosseo als Großfresko in schrillen Farben. Man sitzt in Nischen unter ziegelgedeckten Dächlein. So, genau so hatte es vor ziemlich langer Zeit beim "Italiener" auszusehen.

Die Küche im Colosseum hinkt aber keineswegs hinterher. Einst verbreitete, fahrlässige Zugeständnisse italienischer Gastronomen an den (vermeintlichen) deutschen Geschmack - die Allgegenwart schwerer Rahmtunken, Pastasciutta als Beilage - findet man hier nicht, auch wenn bei den Nudelgerichten eine gewisse Vorliebe für die Zugabe von Sahne deutlich wird.

Bei den Vorspeisen überzeugte die Zucchinicremesuppe mit feiner Note und beigemengten Gemüsehobeln (3,90 Euro). Die eisgekühlte Insalata di Mare (8,90) kombinierte ausgelöste Garnelenschwänze, bissfeste Happen vom Tintenfisch und silbrig glänzende Sardellenfilets - eine echte Vor-Speise, appetitanregend, zitronig-säuerlich. Das Carpaccio aus hauchdünnen Kartoffelscheiben, Steinpilzen und sämiger Vinaigrette ist gehaltvoller, schmeckte aber so phantastisch, dass man es sich nicht entgehen lassen sollte (12,90). Außer, es gibt die gratinierten Jakobsmuscheln mit raffinierter Currynote (12,90).

Hausgemachte Pasta und frische Muscheln überzeugen

Die Nudeln sind oft hausgemacht im Colosseum, und wer mittags zu vorgerückter Stunde zum Essen kommt, kann die Belegschaft nach Ende der Schicht beim schweigenden Vertilgen großer Pastaportionen beobachten - ein gutes Zeichen. Den Mezzelune Melanzane (9,90), halbmondförmigen Taschen, fehlte bei der Fülle allerdings das Aroma sonnengereifter Auberginen. Vielleicht sollte man im Herbst auf solche Rezepte verzichten. Sie schmeckten etwas fade, die üppige Sauce dominierte. Tadellos gerieten aber sowohl die Spaghetti Vongole (9,20), ein ganzer Berg Venusmuscheln auf einem Pastanest, wie die handgedrehten Fusilli in würziger Tomatensauce mit scharfer Salsiccia und reichlich Zwiebeln (7,90).

Die rosa gegrillte Kräuter-Lende lag unter Rucolastengeln, was in diesem Fall gut passte, und das anderswo häufig arg vernachlässigte Beilagengemüse aus Karotten und Bohnen war frisch, mit Sorgfalt blanchiert (15). Auch die Fischgerichte überzeugten durchweg. Der gekochte Kalamar barg eine fein abgeschmeckte Füllung aus Meeresfrüchten, gehackten Frühlingszwiebeln und einem Hauch Parmesan (16,90).

Besondere Erwähnung verdient der begleitende Salat: Knackige, sorgsam verlesene Blätter, Gurke, Karotte, Staudensellerie, Fenchel, gewürfelte Paprika - so soll es sein. Bei den köstlichen Scampi alla Genovese gefiel die Kombination von ausgelösten, knusprig gebratenen Garnelen und bissfestem Safranreis mit fruchtiger Weißweinnote (19,50). Eine kleine, fast vernachlässigenswerte Sünde gab's beim Dessert: Hervorragend sowohl das Tiramisu wie die Crema caramel (je 4) - aber beide mit verzichtbaren Sahnetupfern.

Restaurant Colosseum, Bahnhofstraße 5, 82211 Herrsching am Ammersee, Telefon 08152/6428, geöffnet von 11 bis 15 und 17.30 bis 23.30 Uhr, Mittwoch Ruhetag. www.restaurant-colosseum.de

© SZ vom 02.11.2009/hs/sonn
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